Sachsen-Anhalt: 2013 160 Schulschliessungen - alternativlos?

Ein Kommentar

Die Zeit der Jahresrückblicke und Interviews mit Politikern, welche nicht müde wurden, politische, wirtschaftliche und soziale Erfolge in Sachsen-Anhalt zu thematisieren und beinahe als Erfolgsstory darzustellen, sind vorbei. Der Alltag hat uns wieder und da geht es ans Eingemachte.

In einem Interview mit mdr kündigt Ministerpräsident Haseloff persönlich an, dass 2013 Schulplanung ein zentrales Thema sein werde. Schulen mit weniger als 60 Schülern würden geschlossen. Bezüglich Anzahl der betroffenen Einrichtungen schwanken die Angaben zwischen 60 und 150 Schulen. Man kann also davon ausgehen, dass im Laufe dieses und des folgenden Jahres 60 bis 150 Ortsteile oder Gemeinden von Schulschließungen betroffen sein werden. Dies bedeutet, dass die Betroffenen Orte ihren wichtigsten Infrastruktur-Pfeiler verlieren.

Diese Ankündigung ist zu hinterfragen, denn sie wird als der Weisheit letzter Schluss kommuniziert, obwohl andernorts für dasselbe Problem sehr wohl alternative Lösungen gefunden werden.

Kritische Grösse

Da davon auszugehen ist, dass es sich in den meisten Fällen um Grundschulen handelt, ist diese Soll-Zahl zu hinterfragen. Sie besagt, Schuleinheiten mit weniger als 60 Schülern können nicht Kosten deckend geführt werden. Diese Aussage mag richtig sein, wenn man im Jahrgangsklassen-System denkt. 4 Jahrgangsklassen, Lehrkräfte mit weniger als 15 Schülern, das ist auf Dauer wirtschaftlich tatsächlich problematisch.
Anders schaut es aus, wenn man je zwei Jahrgänge in einer Klasse zusammenfasst. Das wären dann im Falle einer Gemeinde mit 40 Kindern 2 Klassen, also zwei Lehrkräfte. Im Falle der zitierten Gemeinde Grafenhainichen mit 28 Schülern vielleicht eine 1. - 4. Klasse mit 150 - 180 Stellenprozent.

Kostendeckung

Auf der Grundschulstufe kostet ein Kind pro Jahr statistisch rund 4 000 €, wobei die Kosten von Sachsen- Anhalt über diesem nationalen Durchschnitt liegen. Die verlinkten Zahlen stammen von 2004, dürften inzwischen höher sein.
Nehmen wir das Beispiel Grafenhainichen. Diese Schuleinheit hätte also mit 28 Schülern statistisch ein Globalbudget von mindestens 112 000 € . Daraus wären 150 - 180 Stellenprozent und Nebenkosten zu finanzieren. Ein Verlustgeschäft? Jetzt bitte nicht Liegenschaftenkosten zum Marktwert aufrechnen, das passiert nämlich bei den andern Schulen auch nicht.
Weshalb kommen in Sachsen-Anhalt die genau für diese Problematik in Österreich und der Schweiz so erfolgreichen Mehrklassenmodelle nicht zur Anwendung? Diese Frage müsste beantwortet werden und hoffentlich wird sie in den betroffenen Gemeinden auch hartnäckig gestellt.

Querfinanzierung als Einbahnstrasse?

Selbst wenn einzelne Schulen kurzfristig nicht Kosten tragend sein sollten, ist dies noch längst kein Argument, sofort mit Schließung zu drohen,denn: Gerade bei Schulverlegungen in Zentren wird so nebenbei als Positivum erwähnt, dank der Schülertransporte werde der öffentliche Verkehr in der Region gewährleistet.

Klartext: Die Mehrkosten, welche da durch Schülertransport auf Grund weiter Schulwege entstehen, fließen vom Bildungsbudget in Strukturerhaltung des ÖV. Das ist ja schön. Umgekehrt funktioniert das nicht? Könnten Mehrkosten, welche solche Dorfschulen verursachen nicht teilweise durch Strukturerhaltungsbudgets oder Zukunftsfonds abgegolten werden? Denn: Wenn schon die Schule nicht im Ort gehalten werden kann, wofür soll denn sonst noch in die Zukunft eines Ortes oder Ortsteils investiert werden?

Schwarzmalerei? Nein. Die Gedankenspiele verschiedener Planer gehen nämlich schon viel weiter. Hier ein Beispiel. "In 20 Jahren werden wir nicht jeden Ort im Harzkreis aufrechterhalten können." Dazu dann mein nächster Kommentar.
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.