Demografiewoche: Der staatliche Missbrauch von Ehrenamt, bürgerlichem Engagement, Bürgerarbeiter usw.

Seyda/Jessen
   
Waldbad Alterode
Im Laufe der letzten drei Jahre gewinnen die Begriffe Ehrenamt und bürgerliches Engagement politisch und medial einen immer zentraleren Platz. Dabei fällt auf, dass es insbesondere die Politiker, landeseigenen Institute und Organisationen sind, welche nicht müde werden, dieses Engagement zu propagieren, geradezu einzufordern. Besonders laut vernimmt man diese Stimmen zum Thema ländlicher Raum. Was hat es damit auf sich? Das ist Gegenstand dieses Beitrages.

Klassisches Verständnis

Entstanden sind viele Ehrenämter aus der Einsicht einzelner Menschen, dass gemeinsam Betroffene sich auf Grund eines aktuellen Vorfalls, einer Katastrophe oder zum eigenen Schutz und Sicherheit organisiert haben. Im Falle von Feuerwehren, Vereinen etc. entstand daraus ein dauerhaftes Engagement, eine Zweckgemeinschaft. Zeitlicher Aufwand überschaubar.

Erweiterung: Der Zwang zum neuen „Ehrenamt“ oder „bürgerlichem Engagement“: Sockelarbeitslosigkeit macht es möglich.
In diesem Falle sind es Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit, welche für jeweils 6 Monate bei Kommunen, Kirchen, manchmal auch Vereinen eingesetzt werden. Bei den Kommunen und Kirchen geht es dann in erster Linie um Pflege der Umgebung, Reinigungsarbeiten usw. Spätestens wenn diese Menschen zum dritten Male zu einem solchen Einsatz aufgeboten werden, stellt sich allerdings eine ganz andere Frage: Bedient sich hier die Verwaltung schamlos billiger Arbeitskräfte, ohne ihnen eine Zukunft zu bieten?
An einem konkreten Beispiel erklärt: Eine Einheitsgemeinde mit 9 Ortsteilen beschäftigt derzeit ca. 25 „Bürgerarbeiter“ und 1-Euro Jobber. 6 Monate, dann ist Wechsel.., vielleicht in einem Jahr erneut mit denselben Leuten. Inzwischen haben sie sich zu recht kompetenten Allroundern entwickelt. Diese Menschen streichen Zäune, reinigen Straßenböschungen, schneiden Gras in Grünflächen der öffentlichen Hand usw. Sie machen also das, was noch vor wenigen Jahren durch Gemeindearbeiter erledigt wurde. Jeder freie Unternehmer hat heute für vergleichbare Arbeiten 8.50 € Stundenlohn zu bezahlen. Wie hoch ist also der wirtschaftliche Wert, den diese Zwangsverpflichteten erarbeiten, die öffentliche Hand aber nicht bereit ist zu bezahlen? Dieses Geld fehlt im Wirtschaftskreislauf.

Wirtschaftlichkeit: Aus wessen Sicht?


Wie wäre eigentlich die Situation, wenn von diesen 25 Menschen etwa 10 Personen in eine feste Anstellung mit menschenwürdiger Bezahlung übernommen würden? Wie verhält es sich mit den Kirchen? Wo gibt es noch Angestellte, welche sich um Unterhalt, Reinigung der Kirche und deren Umgebung für Leistungslohn kümmern? Das alles sind Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Menschen, die ein Grundeinkommen verdienen, geben auch Geld aus. Die Mehrkosten der Öffentlichen Hand haben also wirtschaftliche Auswirkungen und entlasten die Sozialkassen. Das scheint jedoch niemanden zu interessieren.
Was ist mit den Küchen von Schulen Kitas, Spitälern, Altenheimen? Auslagerung in einige wenige Zentren, Anlieferung über 50 Kilometer, ist das preiswerter und vor allem: Ist das gesundes Essen?
Welche Auswirkungen hat dies auf die lokalen Fleischer, Lebensmittelgeschäfte und -produzenten? Das scheint niemanden zu interessieren, Hauptsache der Lohnposten ist aus dem Haushalt. Die wirklichen Mehrkosten bezahlen Eltern, Versicherungen und Sozialämter. Ortseigene Küche für täglich 150 – 200 Essen zum Preis von 3 € ist für jeden Ortsteil ein Wirtschaftsfaktor.

Politische Erpressung der Ortsteile: Engagiert euch ehrenamtlich oder lasst es bleiben.

Hier bedient sich die Politik eines grotesken Handlungsmusters. Es ist offensichtlich, dass immer mehr Aufgaben, welche noch vor 10 Jahren als Thema „Grundversorgung“ in der Kompetenz der Öffentlichen Hand lagen, ausgelagert werden. Betrieb von Schwimmbädern, Freizeitanlagen, Tafeln für Bedürftige, Unterhalt von Schulen, Spielplätzen usw. usw.
Parallel dazu baute die Landesverwaltung ein professionelles Netz von Gremien auf, welche zu diesem Thema Vereine, ehrenamtlich Tätige beraten, teilweise Pflichtkurse anbieten. Die Rahmenrichtlichen, in welcher diese Tätigkeit auch finanziell unterstützt wird, gibt wiederum das Land vor. Auftraggeber ist also das Land, Ausführende die "Ehrenamtlichen". Das bedeutet letztlich: Die Frage, ob existenziell wichtige Infrastrukturen, soziale und kulturelle Einrichtungen Bestand haben werden, wird geknüpft an die Forderung, dass sich Menschen ehrenamtlich und ohne Entschädigung dieses Themas annehmen. Ansonsten wird geschlossen.
Gleichzeitig haben jedoch insbesondere die Ortsteile in den letzten 10 Jahren einen Strukturabbau (Nahversorgung, Bildung, politische Entmündigung) erlebt, der die Frage aufwirft, wie unter diesen Voraussetzungen denn überhaupt Zuzug stattfinden soll, Wirtschaftlichkeit und Arbeitsplätze entstehen kann/sollen. So gelangt man zu einer ganz speziellen Erkenntnis:

Ende des Ehrenamtes im ländlichen Raum ist absehbar

Wie schon an anderer Stelle beschrieben, kämpfen viele Orte mit der Tatsache, dass sich mangels ortsnaher und familienfreundlicher Infrastrukturen nur noch der Altersdurchschnitt bewegt – und zwar nach oben. Immer mehr Menschen werden in den kommenden 10 Jahren von immer weniger Ehrenamtlichen abhängig sein. Irgendwann stemmen das die Ehrenamtlichen nicht mehr, zumal ihnen von Jahr zu Jahr mehr Themen aufgebürdet werden.
DAS ist dann der Zeitpunkt, zu welchem die Politiker erklären werden: „Diese Ortsteile sind nicht mehr überlebensfähig...“ In Tat und Wahrheit ist es jedoch das Ergebnis eines seit Jahren stattfindenden Rückzuges der Öffentlichen Hand aus dem Thema Grundversorgung im ländlichen Raum – also gewollt! Gezieltes Ausbluten der Ortsteile.
Gefördert werden Grund- und Mittelzentren, gefördert werden - mit sehr durchzogener Erfolgsbilanz! - Investoren, welche leider allzu oft im Billiglohnsegment investieren. Es braucht offensichtlich weitere zehn Jahre, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass die heute geförderten Grundzentren OHNE die Ortsteile im ländlichen Raum wirtschaftlich keinerlei Überlebenschancen haben.

Trendwende verpasst?

Während andere Bundesländer zu diesem Thema schon längst gegensteuern, ist in Sachsen-Anhalt, abgesehen von einigen lokalen Initiativen, diesbezüglich noch gar nichts zu erkennen. Hier lautet das Programm Rückbau, Abbau, fixiert auf eine fragwürdige Demografie-Prognose....welche dann durch den vorauseilend stattgefundenen Rückzug des Landes aus dem ländlichen Raum, tatsächlich auch bestätigt werden wird....obwohl bereits heute die tatsächlichen Trends in eine andere Richtung weisen.
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.