Demografiewoche: Unsere Ortsteile - Status Auslaufmodell?

Ermsleben
 

In diesem Beitrag geht es um eine Betrachtung der heutigen Situation unserer Ortsteile und die Frage, was denn deren Zukunft sein soll, sein kann. Für einmal verweise ich dabei zum Schluss auf drei Beiträge, in welchen gezeigt wird, wie Entwicklung des ländlichen Raumes ebenfalls aussehen könnte.

Vorauszuschicken ist, dass die neuen Bundesländer nach der Wende natürlich vor ganz besonderen Herausforderungen standen. Es ist beeindruckend, in welch kurzer Zeit nach der Wende eine Grund- Infrastruktur (Straßen, Grundversorgung, Neuordnung öffentlicher Verkehr und ärztliche Grundversorgung etc.) hergestellt werden konnte.

Was nicht geklappt hat, war die nachhaltige Ansiedlung von Arbeitsplätzen auf mittlerem Lohnniveau. Damit ist gleichzeitig gesagt, dass ein großer Teil der Wertschöpfung des Aufbau Ost in die alten Bundesländer abgeflossen ist. Gleichzeitig ist dies die Erklärung für die Abwanderung junger Menschen auf der Suche nach Arbeit bis zum heutigen Tag.

Verwaltung an Stelle von Gestaltung.

So war es spätestens ab dem Jahre 2000 klar, dass die eben erst aufgebauten Verwaltungs- und Kommunalstrukturen angesichts der massiven Abwanderung völlig überdimensioniert waren und nachkorrigiert werden mussten. Die Art und Weise, wie das angegangen wurde und bis zum heutigen Tage weiter betrieben wird, wirft die Frage auf, ob damit Abwanderung nicht zusätzlich gefördert wird.

15 Jahre Infrastrukturabbau und Verlust von Kommunalhoheit

In Stichworten:
- Wieviele Gebietsreformen und Neuordnungen erlebten die heutigen Ortsteile in den vergangenen 15 Jahren? Was ist dabei von örtlicher und regionaler Identität übrig geblieben?

- Welche Folgen hatte die Neuordnung des Sekundarschulwesens in den Jahren 2004-2006 für die Wohnqualität und Stabilität des ländlichen Raumes?

- Inwiefern hängen Konzentration der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern in die Peripherie von Grund- und Mittelzentren mit dem radikalen Strukturabbau in den Ortsteilen zusammen? Keine lokalen Geschäfte, keine Dorfinfrastruktur= Keine Arbeitsplätze= Keine Wertschöpfung im Ort.

- In welcher Form trägt der öffentliche Nahverkehr diesem Umstand Rechnung? Anders gefragt: Wie überlebt man in den Ortsteilen des ländlichen Raumes ohne Auto?

- Gemeindegebietsreform 2009/10: Aus 7-10 Kommunen wird eine Einheits- oder Verwaltungsgemeinde. Während die Mitglieder der Verwaltungsgemeinden noch einen bestimmten Handlungsspielraum haben, ist dieser in den Einheitsgemeinden für die Ortsteile so gut wie nicht mehr vorhanden.

- Die Neuordnung des Grundschulnetzes setzt eine weitere Zäsur. Perspektivisch wird unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen von drei Grundschulen im ländlichen Raum noch eine überleben. Alleine deswegen ist bereits kein Zuzug von jungen Familien programmiert.

- Wie sollen sich eigentlich Ortsteile ohne eigenes Budget und Entscheidungskompetenz weiter entwickeln? Die derzeitige Zukunftsperspektive vieler Ortsteile: Mit jedem Jahr wächst der Altersdurchschnitt um ein Jahr und somit ist auch das Ende absehbar. Diese Entwicklung wird statistisch akribisch verwaltet. Das wars aber schon.

- Welche Möglichkeiten der Ansiedlung von Arbeitsplätzen (auch Wirtschaftsförderung!), Dorfentwicklung, Neuzuzügerprogramme stehen den Ortsteilen und Einheitsgemeinden ohne ausgewiesenes starkes Grundzentrum tatsächlich zur Verfügung?

- Wie sollen eigentlich 2010 gebildete Einheitsgemeinden ohne ausgewiesenes und förderfähiges Grundzentrum die Zukunft planen? Der Name der Stadt ist künstlich (symbolischer Bezug) und die 10 Ortsteile, welche hier verwaltet werden, ist jeder für sich eine eigene Welt, auch räumlich. Die nächste Gemeindegebietsreform lässt grüßen. Sicher 20% dieser Einheitsgemeinden liegen bereits heute unter der einmal vorgegebenen Mindesteinwohnerzahl von 10000 Einwohnern! Also erscheint deren Auflösung, resp. "Fusion" bereits vorprogrammiert.

Handlungskonzepte, welche wir hier vermissen.

Zu diesen Fragen gibt es interessante Antworten, welche in drei gesonderten Beiträgen ausführlich beschrieben wurden. Ich verzichte darauf, diese hier zu wiederholen, denn es handelt sich um ein wirklich taugliches Regionalkonzept, auch in Sachsen-Anhalt umsetzbar, sofern der politische Wille da ist. In Bayern funktioniert das inzwischen ebenfalls, in Niedersachsen seit 2005 im Bereich Nahversorgung vielerorts auf den Weg gebracht.

Stützung des ländlichen Raumes 1

Stützung des ländlichen Raumes 2

Stützung des ländlichen Raumes 3

Zum Thema Nahversorgung: Tante Emma macht sich chic!

Zugegeben, viel Lesestoff. Für Interessierte jedoch ein Argumentarium, dass eben durchaus Handlungsspielraum besteht, sowohl was Arbeitsplätze wie auch was Wertschöpfung und Lebensqualität im ländlichen Raum betrifft.

Ist Stabilisierung gewollt oder gar nicht gewünscht?

Daraus ergibt sich die letzte zentrale Frage: Ist es in Sachsen-Anhalt politisch überhaupt erwünscht, dass im ländlichen Raum Infrastrukturen gehalten werden, neu entstehen und damit eine immense Anzahl neuer Arbeitsplätze entstehen? Falls ja: Weshalb schafft man denn Strukturen, welche genau das verhindern?

Dies wird das letzte Thema meiner Demografie-Wochen-Beiträge sein:
Ehrenamt, Bürgerliches Engagement, 1 Euro-Job, Bürgerarbeiter: Ich mag es nicht mehr hören!
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