Harz: Sterben die Dörfer? - Ein Kommentar

Anlass für diesen Beitrag ist ein Bericht der MZ vom 30.12.2012 mit dem Titel Harz:Sterben die Dörfer? Landrat Michael Ermrich lässt hier durchblicken, dass bis 2025 nicht alle Harzgemeinden aufrecht erhalten werden könnten und beschreibt die Situation für den Raum Mansfeld-Südharz als besonders kritisch.

Genau auf diesen Raum möchte ich hier etwas ausführlicher eingehen, denn ich habe mit den tollen Begriffen Grund- und Mittelzentrum so meine liebe Mühe. Wir hätten also für unsere Vorharz-Region derzeit zwei Mittelzentren, Sangerhausen und Aschersleben. Für ein Mittelzentrum wird eine kritische Einwohnerzahl inklusive Agglomeration von mindestens 35 000 Einwohnern definiert. Nachzulesen in wikipedia

Derzeit erleben wir in unserer Region zwei Szenarien:
- Ausdünnung der örtlichen Infrastrukturen durch Verwaltungs- und Schulreformen, ausgelöst durch Kostendruck und Bevölkerungsprognostik
- diverse Projekte wie Familienfreundliches Sachsen-Anhalt oderRe-Turn, ein EU-gestütztes Rückkehrer - Projekt.

Das will so überhaupt nicht zusammenpassen, es sei denn, man bringt die Zentren ins Gespräch. Hier soll also aufgebaut werden und damit dies möglich ist, baut man andernorts ab. Ressourcen bündeln... Im Folgenden müssen wir uns mit etwas Zahlenmaterial befassen:

Die Realität für Aschersleben und Mansfeld-Südharz

Aschersleben zählte am 1.1.2010 29 300 Einwohner, wovon beinahe 10 000 Menschen in den Außengemeinden leben. Bezüglich Infrastruktur erfüllt Aschersleben die Funktion eines Mittelzentrums. Es ist jedoch unverkennbar, dass ohne den Zustrom von Kunden, Patienten und Schülern aus dem weiteren Umfeld- und dazu gehört auch der Vorharz - die Auslastung so weit sinken würde, dass die Mittelzentrums-Funktionen nicht mehr wahr genommen werden könnten. Die Alterstatistik macht deutlich, dass die Bevölkerungszahl ohne Zuzüge deutlich sinken wird. Also genau so, wie es die Prognosen voraussagen.

Noch komplexer ist die Situation für Sangerhausen, wenn man die Daten für den Landkreis betrachtet. Die Stadt selbst zählte 2009 30 000 Einwohner, wovon wiederum rund 9000 Personen in Außengemeinden leben. Die Mittelzentrums-Funktion kann nur abgedeckt werden mit den zusätzlichen rund 130 000 Einwohnern der übrigen Kreisgemeinden, die meisten davon mit Einwohnerzahlen unter 1000 Personen. Um diese Dimension richtig zu erfassen, lohnt es sich die Struktur des alten Landkreises Sangerhausen genauer zu betrachten. Indem nun der Landkreis erweitert und durch Schaffung von Verwaltungsgemeinden optisch 9 Gemeinden oder Städte Miglied des Kreises sind, bleibt es dabei: Dieser Landkreis besteht im Wesentlichen aus rund 110 Dörfern, mindestens die Hälfte davon mit unter 500 Einwohnern. Aber 50 x 500 macht eben auch 25 000 Menschen und damit eine nicht zu unterschätzende Größe für die Mittelzentren.

Rückwärts- oder Vorwärtsgang?

Die derzeitigen Reorganisationen in der Region sind als Defensivstrategie oder eben Rückwärtsgang zu bewerten. Es werden überlebenswichtige Einrichtungen der Dörfer in Zentren verlagert, womit Attraktivität und Zukunft der Dörfer in Frage gestellt werden. Dies geschieht ohne Garantie, dass die so genannten Mittelzentren selbst die Bevölkerungsverluste auszugleichen vermögen. Somit ensteht das große Risiko, dass auch diese Mittelzentren im Laufe der kommenden 15 Jahre ihre Funktion nicht mehr ausreichend wahr nehmen können, Kleinzentren mit eingeschränktem Versorgungsangebot werden. Wo bitte ist dann das nächste Mittelzentrum? Ein Teufelskreis.

Rückkehrern wird de facto als einziges Angebot das Leben in solchen Mittelzentren unterbreitet, weitere Alternativen erweisen sich innerhalb weniger Jahre als nicht mehr gangbar.

Diese Strategie steht in krassem Gegensatz zu dem, was man im Bemühen um die Ansiedlung neuer Firmen und Technologien in Sachsen-Anhalt unternimmt. Dies geschieht selbstverständlich mit Zusagen, was günstige Standorte, evt. Steuervorteile oder Investitionshilfen betrifft. Dass dieses Modell auch Risiken und Verluste beinhaltet, hat gerade die Entwicklung in der Solarindustrie gezeigt. Trotzdem, es ist richtig, Konzernen, welche Arbeitsplätze schaffen, gute Standortbedingungen anzubieten und dies kostet de facto Geld.

Vorwärtsgang auch für die Landregionen !

Genau so wünschenswert ist es, dass derselbe Vorwärtsgang, welcher in der Arbeitsplatzpolitik eingelegt wurde, auch in der Frage dörflicher Siedlungs- und Infrastrukturplanung zum Tragen kommt. Damit ergibt sich auf einer völlig anderen Schiene Wachstum mit nachhaltiger Qualität, krisenresistent. Dazu einige Stichworte:

- Aufrechterhaltung der Infrastrukturen auch in kleinen Gemeinden
Das betrifft vor allem auch die Schulen. Ein taugliches Modell sind Mehrklassenschulen, womit die kritische Schülerzahl für den Verbleib der Dorfschulen deutlich gesenkt werden kann und die Kosten vertretbar bleiben.

- Ausscheidung von kleinen Bauzonen in den Dörfern
Noch sind die meisten Häuser der Dörfer bewohnt. Es sind vielfach nicht mehr Familien, sondern die betagteren Eltern, welche hier noch wohnen. Die Kinder sind auf der Suche nach Arbeit zu großen Teilen aus der Region abgewandert, haben dort ihre Familien gegründet. Rückkehr ungewiss. Der Leerstand und eine allfällige Neunutzung bestehender Häuser wird erst im Laufe der kommenden zehn Jahre stattfinden, wenn man die Alterskurven betrachtet. So lange wird die Überalterung zunehmen.
Man könnte also überlegen, ob eine Schaffung kleiner Bauzonen, beispielsweise für durchschnittlich 10-15 Häuser/Dorf diese Bevölkerungs- und Altersdelle lindern könnte. Als Beispiele möchte ich Westdorf und Walbeck erwähnen, wo dies bereits stattgefunden hat. Neben einer demographischen Korrektur wären die wirtschaftlichen Impulse für das (noch) bestehende Kleingewerbe nicht zu unterschätzen.

- Marketing und Anreize
Natürlich ist die Frage, wer denn an solchen Orten bauen soll. Gezielte Kampagnen für junge Familien und hier gleich nochmals eine Einschränkung: Menschen, welche nicht an einen fixen Arbeitsplatz gebunden sind. Für sie müsste der Vorharz sowohl landschaftlich bereichernd, aber auch in Sachen Kosten geradezu ideal sein. Das müssen nicht einfach Künstler, Schriftsteller etc. sein. Die Anzahl der Menschen, welche in so genannten home offices arbeiten, nimmt kontinuierlich zu.

Was bei der Industrie üblich ist, könnte doch auch für junge Neuzuzüger-Familien die Regel werden. Eine einmalige Prämie, Bauzuschuss oder Land zu Spezialkonditionen. Undenkbar?

Es ist klar, dass gerade junge Familien eine Grundinfrastruktur wünschen. Deshalb ist vor allem dem Thema Schule/Kinderbetreuung im Dorf allerhöchste Priorität einzuräumen. Die weiteren Angebote ergeben sich üblicherweise aus der vorhandenen Nachfrage.

- Profilierung
Die Vorharz-Orte müssen ein eigenes Profil entwickeln können, sich präsentieren können. Dazu bietet sich als kostengünstige Lösung natürlich das Internet an. Es macht einen Unterschied, ob beispielsweise die Gemeinde Arnstein ihre 12 Ortsteile kurz beschreibt, oder ob letztere sich mit einem eigenen Web-Auftritt darstellen und über ihr Dorf berichten. Vielleicht eine Herausforderung für die Ortsvorsteher und -räte?

Bestehende Infrastruktur nutzen!


Natürlich, auch hier entstehen Kosten, doch ist deren Einsatz genau so nötig, wie das Engagement für die Ansiedlung neuer Industrien.. Vor allem sollte jedoch folgende Tatsache in die Überlegungen einbezogen werden. In den vergangenen 15 Jahren wurden doch praktisch alle Harzgemeinden im Bereiche Wasser, Abwasser, Strom, Strassen etc. mit Riesenkosten erschlossen. An den Summen gemessen, ist dieses beschriebene 2. Gleis ein zu vertretender Betrag.

Andernfalls ist es eine Frage der Zeit, bis man in der Region Vorharz und anschließend weit darüber hinaus, Verhältnisse antrifft, wie sie in Mecklenburg bereits heute bestehen. Blühende Landschaften im biologischen Sinne...
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