MIFA: Nennt man sowas nicht Liquidation?

  Sangerhausen

Die schlechten Meldungen zum insolventen Fahrradbauer MIFA haben in den letzten Tagen eine neue Dimension erreicht. Erst nach mehrmaligem Durchlesen der einzelnen Aussagen und der Verknüpfung deren Inhalte mit der Realität auf dem umkämpften Fahrradmarkt machen die mehr als desolate Lage des Unternehmens deutlich. Gleichzeitig mehren sich die Zweifel am wirklich gewollten Weiterbestand der MIFA.

Am 27. März 2017 erfährt die Belegschaft anlässlich einer Betriebsversammlung, dass der Personalbestand per Ende März erneut um beinahe die Hälfte auf noch 130 Mitarbeiter reduziert wird. Für 120 MitarbeiterInnen bricht eine Welt zusammen. Die angeführten Gründe für diese Entlassungen lassen tief blicken:

- Laut Angaben des Konkursverwalters fehlte Geld, um die benötigten Teile für die Ausführung eines Großauftrag einzukaufen. Also ist der Auftrag weg. Nur dieser Auftrag, oder haben sich weitere Großmärkte zurückgezogen?

- Ein Teil des noch vorhandenen Personals soll im "Abverkauf des Lagers" eingesetzt werden, um damit die Löhne für das noch vorhandene Personal abzusichern. Trotz aller Jubelmeldungen wie "Produktion hochgefahren und gute Auftragslage" scheinen also nicht mal die Löhne gesichert zu sein. Anders gefragt: Hat MIFA bereits wieder in dem Maße "auf Lager" produziert?

- Der Insolvenzverwalter erwartet in den "kommenden Wochen", dass sich das Bieterrennen zwischen dem ehemaligen Chef Nathusius und einem Konkurrenten aus der Zweiradbranche entscheidet und "eine Gesamtlösung" präsentiert werden kann. NANU? Ist denn noch Geld für die kommenden Wochen da, wenn offenbar nicht mal die Löhne gesichert scheinen und die Produktion auf Schmalspur läuft? Für die Zeit NACH der Gesamtlösung: Neustart bei Null?

- Ein Kommentar in der MZ macht eine weitere Dimension sichtbar. Es geht dabei nicht um die MIFA sondern um unmittelbare Interessen von Nathusius und der Investitionsbank: "Von Nathusius und die landeseigene Investitionsbank versuchen, ihre Verluste zu minimieren, bringen die Firma dabei aber immer mehr ins Trudeln.Quelle MZ

- Der letzte Hinweis: Da ja offenbar kein Geld für Neubeschaffung von Fahrrad-Komponenten vorhanden ist, stellt sich die Frage nach der Auftragslage 2017. Werden derzeit die letzten bestehenden Bestellungen abgearbeitet? Was steckt noch in der Pipeline für 2017, denn diese Meldung klingt nach klarem Produktionsstopp: ". Wieder aus der MZ: "Nach dem Verlust des Großauftrages für den Discounter Aldi wird nun auch die Produktion für das Handelshaus Metro beträchtlich zurückgefahren. 2016 wurden noch 50.000 Räder an Metro geliefert. "

Grotesk an der ganzen Situation!

Die beiden Bieter verfolgen völlig unterschiedliche Strategien:

- Nathusius setzt weiterhin auf Menge und ist der Meinung, er hätte mit dem neuesten Mitarbeiter- Aderlass zu wenig Personal! Woher die Aufträge für 2017 kommen sollen und ab wann eine zügige Wiederaufnahme der Produktion erfolgen kann, bleibt zu erraten. Oder aber: Die Aufträge sind da, ebenso die Bestandteile, werden aber bis zum Abschluss des Insolvenzverfahrens nicht aktiviert! Das wäre makaber, aber nicht auszuschließen. Denn alles Andere erscheint als unternehmerischer Harakiri.

- Der zweite Bieter will ausschließlich im hochwertigen Preissegment aktiv werden - und sitzt damit in einer überdimensionierten Halle, welche es zu refinanzieren gilt, egal ob zur Miete oder bei einem allfälligen Kauf. Eine mögliche Rückkehr in die alten MIFA-Hallen, um damit horrenden Mietkosten zu entgehen, scheint ausgeschlossen, nachdem dort ein Maschinenbauer Interesse angemeldet hat.

Nathusius setzt weiterhin auf Menge und braucht eigenen Angaben zufolge mehr als 130 Personen - der zweite Bieter will ausschließlich im hochwertigen Segment tätig sein und dürfte mit 130 Personen eher zu viel Personal haben, es sei denn, es handelt sich um eine gut geplante und bereits im Detail vorbereitete Betriebserweiterung eines bekannten Fahrradbauers, welcher demzufolge auch noch andere Standorte im Auge hat.

BEIDE Interessenten haben eine gemeinsame Hürde zu bewältigen:

- Die Monate April/Mai/Juni sind bezüglich Umsatz das Hauptgeschäft. Eine wirklich aussagekräftige Bestätigung auf dem Markt ist also frühestens für die Saison 2018 zu erwarten denn:
- Wenn die Aussage des Insolvenzverwalters zutrifft, dass wegen Geldmangels keine Fahrradbestandteile bestellt werden konnten, dann ist es so, dass bei einer vorgenommenen Bestellung Mitte April (das nötige Kleingeld vorausgesetzt!), diese Container aus Fernost frühestens Ende Mai eintreffen werden. So lange geht gar nichts.
- Damit wäre das Konzept Nathusius erneut mit großen Fragezeichen zu versehen, denn da müssen ja erneut Millionen für unproduktives Personal und Bestandteile ausgegeben werden. Geld, welches laut Insolvenzverwalter nicht vorhanden sein soll.

Egal wie: Wer zum jetzigen Zeitpunkt einsteigt, braucht ein sattes Finanzpolster in zweistelliger Millionenhöhe, um 2017 Kosten für Restpersonalbestand, Mieten/Amortisation zu begleichen und die Saison 2018 mit vollen Auftragsbüchern und entsprechendem Materialeinkauf in Angriff nehmen zu können.

Geradezu makaber die Situation für die inzwischen 250 Personen in der Transfergesellschaft, denen man noch Honig um den Mund schmiert und sagt:"Könnte ja sein, dass wir euch wieder brauchen."

Steuermillionen ohne Ende fließen in "wurde Stillschweigen vereinbart"

Im Januar 2017 erhielt ich im Zusammenhang mit meinem damaligen MIFA-Beitrag diverse eher hässliche Mails. Ich würde Dinge schlecht reden, bestimmte Entwicklungen gar gefährden usw. Ich möchte diese Herrschaften bitten,jenen Beitrag nochmals durchzulesen und mit der heutigen MIFA-Realität abzugleichen. Augenmerk auf "wie weiter?" und "zum Geld ab 2014". Man beachte auch die Landesbürgschaft...

Dieses "Stillschweigen" hat System und ist gefährlich. Es fördert Seilschaften und schließt andere aus. Dieses "Stillschweigen" fällt einem früher oder später auf die Füße, wie wir derzeit am Kauf des alten MIFA-Geländes durch den Landkreis verfolgen können. "Stillschweigen" ist ebenfalls vereinbart bezüglich der Konditionen zur Neunutzung des alten MIFA-Grundstückes, welches sich zum millionenschweren Abschreibungsgeschäft für den Landkreis entwickeln dürfte.

Wo sind eigentlich heute all die Politiker, welche in schöner Regelmäßigkeit kurz vor wichtigen Wahlen ins Rampenlicht drängten und sich mit solchen "Stillschweigevereinbarungen" als Macher präsentierten?

Dasselbe "Stillschweigen" erleben wir ganz aktuell in der Diskussion um den Industriepark, wo sich der Fokus fälschlicherweise auf Hamster richtet, nicht aber auf die zentrale Frage, WER plant da eigentlich WAS genau, mit WESSEN Unterstützung und welches werden die Folgen sein? Stillschweigen! Keine Arbeitsplätze gefährden!

Wer behauptet, die Bevölkerung mitzunehmen, transparent zu politisieren, Chancengleichheit auch in Bieterverfahren in den Raum stellt, sollte das Wort Stillschweigen so gut wie nie in den Mund nehmen, denn von irgendwoher wird dieses immer gebrochen und dann wird es peinlich.
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