Sachsen-Anhalt: Alternativen zum Rotstift-Szenario

Nachdem ich mich im letzten Beitrag (hier nachzulesen) ziemlich kritisch mit dem Sparprogramm in Sachsen-Anhalt und der parallel dazu publizierten Bauhaus-Studie auseinander gesetzt habe, möchte ich am Beispiel des Landes Voralberg zeigen, dass es durchaus plan- und denkbare Alternativen zum Thema Regionalentwicklung gibt. Ich verstehe diese Ausführungen als Mutmacher und auch Argumentatsionshilfe, wenn es darum geht, den Besitzstand vor allem ländlicher Regionen in Sachsen-Anhalt nicht nur zu bewahren, sondern zukunftsgerichtet zu mehren.

Großwalser-Tal Voralberg. Ausgangslage

Das Großwalsertal liegt im Bezirk Bludenz und ist ein 25 Kilometer langer Talschlauch mit 6 Gemeinden. Die Beschreibung der Einheimischen für dieses Tal lautet lakonisch: " Durchtobeltes Tobel mit vielen Tobeln", und deckt sich mit dem Eindruck der Touristen, welche erstmals in dieses Tal einfahren. Es gibt viele Täler, welche einladender wirken. Enger Talboden und überall kleine, enge Seitentäler.Das Tal ist bis auf eine Höhe von rund 1200 Metern Höhe fest besiedelt (für Bergwanderer über 2000 m) , besteht aus 6 eigenständigen Dörfern mit heute total 3500 Einwohnern und mehreren Almen.
In den 50-er und 60-er Jahren wurde diese Gegend durch strenge Winter, verschiedene Lawinenabgängen mit Todesopfern, zerstörten Dorfteilen arg gebeutelt. Es stellte sich die Frage, ob dieses, ursprünglich von den Valsern besiedelte Tal, als Lebensraum aufrecht erhalten werden könne.

Den verbliebenen Einwohnern der Dörfer, welche sich zuerst aufrappelten, Zeichen setzten, kommt das Verdienst zu, dass nach und nach Ideen konkretisiert wurden, eine Kooperation mit dem Lande, später auch mit der EU entstand. Resultat war ein zukunftsorientierter Regionalplan mit viel Substanz..

Die Eckwerte des Konzeptes
- Dorfplanung, Kredite für Renovationen oder Neubauten kleinbäuerlicher Existenzen an lawinensicheren Stellen.
- Kredite und Förderhilfen für Anbau oder Einrichtung von bis zu drei Ferienzimmern oder kleinen Ferienappartements als zweites Existenzbein zum kleinbäuerlichen Betrieb.
- Dorfschulen, welche bis zu einer Minimalkinderzahl von 10 Schülern (1.-4. Klasse) als Mehrklassenschule geführt werden. Dieser Entscheid wurde damit begründet, dass es niemals gelingen könne, junge Familien im Dorfe zu halten oder anzuziehen, wenn keine Schule da sei.
- Dorfladen, welcher die Bedürfnisse der Bauern, wie auch der Alltagsversorgung abdeckt.
- Ausbau des Wanderwegenetzes und Erschließung und Gewährleistung des ÖV.
-Gründung einer Mittel- und einer Fachschule für Musik, von denen die 6 Gemeinden unmittelbar profitieren konnten.

Die Einwohner des Großwalsertales und die Planer gingen jedoch noch weiter und versuchten, ihre ganz spezielle Gegend, wozu auch Sommeralmen gehören, als Einheit darzustellen und zu gestalten. Dafür wurden sie dann im Jahre 2000 mit der Anerkennung als UNESCO Biosphärenpark belohnt. So präsentiert sich die Region heute als eine Marke und niemand käme auf die Idee, hier Rückbau, Schulschließungen, Gebietsreformen etc. anzuordnen, denn jeder Ort für sich ist Programm.

Auswirkungen dieses Projektes
- Die Dörfer weisen nach einem Bevölkerungswachstum in den 90-er Jahren über die letzten Jahre weitgehend stabile Einwohnerzahlen auf.
- Je kleiner die Dörfer, desto schärfer verlaufen die Altersdellen, was Folgen für die Schulen hat. Nach starken Jahrgängen folgen bis zum nächsten Generationenwechsel möglicherweise ganz schwache Schülerzahlen. Selbst wenn die kritische Schülerzahl unterschritten wird, schließt man die Dorfschule nicht. Nein, sie "ruht". Das heißt: Sobald wieder genügend Schüler da sind, nimmt sie ihren Betrieb wieder auf, als Einklassenschule für die 1.-4. Klasse.
- Das Großwalsertal erfreut sich dank eines bunten und ganz auf Natur ausgerichteten Nischenprogrammes immer grösserer Beliebtheit.
- Dazu passt auch das Gästezimmer- oder Appartement-Angebot. Menschen, welche in einer solchen Umgebung Urlaub planen, suchen die Nähe zu der ortsansässigen Bevölkerung. Familienurlaub auf dem Bauernhof, in der Ferienwohnung aber mit Anschluss an die Familie, Land und Leben.

Eine tolle Erfolgsgeschichte.

Ausnahmefall? Mitnichten!

Hier hat nämlich eine Landesregierung klare Schwerpunkte in der Regionalplanung gesetzt, denn noch vor 40 Jahren war der Voralberg mehr oder weniger das Armenhaus Österreichs, geprägt von den Zentren Bregenz, Feldkirch, Bludenz. Der Rest erschien als zum Tode verurteiltes Voralpen-Bergbauern-Gebiet, da für die Zukunft nicht überlebensfähig.

Kleinschulen als Rückgrat
Geleitet von der Überzeugung, dass Arbeitnehmer so oder so bis zu einer halben Stunde Arbeitsweg auf sich zu nehmen bereit sind, sofern die Wohnsituation für die Familie attraktiv und finanziell verkraftbar ist, entstand das Revitalisierungskonzept für die außerhalb der Zentren gelegenen Dörfer, am Rande bemerkt: Dörfer mit 400 bis 700 Einwohnern...

Im Zentrum stand dabei der Anspruch, wenn irgendwie möglich, die Grundinfrastrukturen in den gefährdeten Dorfern aufrecht zu erhalten. Dazu gehörten insbesondere die Schulen. So entstanden die Kleinschulen, bestehend aus einer oder zwei Klassen, welche die Grundschulzeit abdecken.

Darüber hinaus gründete man die ARGE Kleinschulen in Voralberg, welche den angestellten Lehrkräften in Form intensiver Zusammenarbeit und Weiterbildung den Alltag erleichtert. Der dazugehörige Webauftritt ist für Besucher hochinteressant, gleichzeitig beste Werbung für die Region und die Schulen. Für viele Eltern ein zentrales Argument, sich in einem solchen Dorfe nieder zu lassen.

Ich lade Sie ein, auf der verlinkten Seite die Bezirke Bregenz und Bludenz etwas genauer anzuschauen. Auch so kann Schule stattfinden und was den Lernerfolg betrifft, stehen diese Einrichtungen im Gesamtschulvergleich hervorragend da. Was noch viel interessanter ist: Was denken Sie als Vater oder Mutter von schulpflichtigen Kindern angesichts solcher Bilder?

Sachsen-Anhalt arbeitet nicht mit Kleinschulen !
Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Begriff wird sehr wohl verwendet und meint Grundschulen, welche die "kritische Zahl" von 60 Schülern (in Zukunft 80 Schüler!!) unterschreiten und eigentlich geschlossen werden sollten. Der Begriff ist irre führend, denn hier wird im Prinzip die minimale Klassengröße im Jahrgangsklaßensystem festgelegt. Durchschnittlich mindestens 15 Schüler pro Jahrgangsklaße....

Das ist jedoch keine Kleinschule. Diese zeichnet aus, dass eben das Jahrgangsklassensystem NICHT besteht, altersdurchmischt gelernt wird und so die kritische Größe für den Erhalt einer Grundschule im Dorf durchaus bis zu 10 Schülern runter rutschen kann. Eine Lehrkraft unterrichtet also im Extremfall 1.-4. Klasse, in der Schweiz gar 1.-6 Klasse.

Wohl fand im Landesparlament oder in den Ausschüssen im Jahre 2005 eine öffentliche Anhörung zum Thema Mehrklassen/Kleinschulen in Sachsen-Anhalt statt. Referent war damals unter Anderem ein gewisser Herr Jürg Sonderegger, ausgewiesener Experte in Sachen Kleinschulen. Offensichtlich ist es bei diesem einmaligen Anlass geblieben, ganz im Gegensatz zum Lande Brandenburg, wo genau in jenen Jahren mit dem Aufbau der "Kleinen Schule" im ländlichen Bereiche begonnen wurde. Allerdings hat sich dies, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen auch wieder als Etikettenschwindel entpuppt, laufen doch diverse so genannte Kleine Schulen mit Schülerzahlen zwischen 60 und 120 Schülern als regionales Schulzentrum.

Hier die ursprüngliche Begründung des Landes Brandenburg aus dem Jahre 2008 FÜR die Einführung dieser Schulform. Die Argumente lassen sich 1:1 auf Sachsen-Anhalt übertragen und trotzdem bewegen wir uns hier genau in die entgegen gesetzte Richtung. Dazu besteht akuter Erklärungsbedarf.

Hauptargument für den gegenwärtigen Kurs und Schließung von 60-160 Schulen in den kommenden zwei Jahren sind die Kosten, ohne dass tatsächliche Gesamt-Kosten-Nutzen-Modelle herangezogen, verglichen und offen gelegt werden. Das ist erstaunlich, denn eigentlich geht es doch um effiziente und nachhaltige Zukunftsgestaltung zum Wohle der ländlichen Regionen UND des Landes Sachsen-Anhalt..

Das Modell Voralberg rechnet sich in vielerlei Hinsicht - selbst wenn die Schule Mehrkosten/Kind verursacht! Dazu mehr im nächsten Beitrag.

Alle 4 Beiträge zum Thema:

4) Rolls Royce statt Rotstift-das rechnet sich
3) Rotstift-Positionen: können wir uns das leisten?
2) Alternativen zum Rotstift-Szenario
1) Rotstift als Programm, reicht das?
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1 Kommentar
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Walter Helbling aus Arnstein | 24.04.2013 | 06:36   Melden
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