Sachsen-Anhalt: Rotstift-Positionen: Können wir uns das leisten?

Ein Bauer beschließt nach einer Missernte und knappem Budget, für die kommenden zwei Jahre auf die Reinigung des nördlich an Gehöft und Äckern vorbei fließenden Auenbaches zu verzichten. Der Einsparung der Kosten für Fremdgerät und Entsorgung waren ein Betrag, der das Budget merklich entlastete.
Im zweiten Jahr war ein kräftiges Gewitter der Anlass, dass das heranströmende Wasser wegen herumliegenden Gehölzes aus dem Vorjahr, dichtem Bewuchs und kleinen Erdrutschen das Bachbett verließ, auf den Äckern tiefe Furchen hinterließ und Haus und Hof mit 30 cm Schlamm zudeckte. Dieses Ereignis kostete den Landwirt seine Existenz. Klug gespart, Bauer? . Darum geht es in diesem Beitrag.

Der Bauer hat übrigens nicht leichtfertig entschieden. Statistisch war ein solches Hochwasser nicht zu erwarten, so alle 30 Jahre musste man damit rechnen. Das Risiko, das er mit seinem Entscheid einging, schien also vertretbar. Die Beweggründe sind nachvollziehbar. Trotzdem, er hat hoch gepokert und verloren.

Nicht nachvollziehbar ist folgende Begründung für einen völlig anders gelagerten und in seiner Tragweite bedeutsameren Entscheid:
"In Sachsen-Anhalt sollen offenbar mehr als 150 Grundschulen geschlossen werden. Das Finanzministerium drängt darauf, weil an den Schulen weniger als 80 Kinder unterrichtet werden. Nach Einschätzung von Finanzminister Jens Bullerjahn von der SPD können die Schulschließungen helfen, das Problem des Lehrermangels zu lösen. Hunderte Lehrer würden frei und könnten an anderen Standorten eingesetzt werden." Quelle

Klartext: Es werden also Lehrkräfte gesucht, welche der Bildungsminister einstellen möchte, der Finanzminister jedoch nicht. Stattdessen sollen diese Stellenvakanzen durch Planstellen ersetzt werden, welche dank Heraufsetzung der Mindestschülerzahlen und daraus folgender Schließung von bis zu 160 "Kleinschulen" frei werden. Damit ist übrigens nicht gesagt, dass Lehrkräfte von zu schließenden Schulen weiter beschäftigt werden, sondern man kann deren Planstelle mit neuen Lehrkräften besetzen. Begründet wird dies alles mit der (selbst beschlossenen !) Mindestschülerzahl, der "Unrentabilität" und der Länderstatistik, gemäß welcher Sachsen-Anhalt schlecht dasteht.

Statistische Wahrheiten

Grundlage der folgenden Aussagen bildet die Statistik auf Seite 8 des folgenden amtlichen Dokumentes
1. Mit Ausnahme der Uni-Städte Magdeburg und Halle verzeichnen sämtliche Städte und Kreise neben dem Geburtendefizit Wegzüge. Auf das Land summiert 8370 Personen im Jahre 2011.
2. Das viel bejammerte Geburtendefizit im Lande ist die Summe der jährlichen Wegzüge seit 1990, es fehlt praktisch eine volle Generation und deren Kinder Der Aderlass geht auch 20 Jahre später weiter.
3. Geschönt wird die Statistik dank der Universitätsstädte, da man davon ausgehen kann, dass verschiedenste Absolventen nach dem Studium im Lande bleiben. Ansonsten wären die Zahlen wohl noch krasser.

Herauslesen lässt sich jedoch noch viel mehr:

- Dank oder wegen dieser Wegzüge steigt die Pro-Kopf-Verschuldung in Sachsen-Anhalt von 10376 €/Kopf auf 10474 €/Kopf - ohne dass wir einen € zusätzliche Schulden gemacht hätten.

- Jeder Per Saldo Wegzug aus Sachsen-Anhalt erhöht hier den Altersdurchschnitt und die Pro-Kopf-Verschuldung, verschärft die demographische Prognostik und beschert dem Bundesland, in dem er sich anmeldet, weniger Pro-Kopf Verschuldung, tieferen Altersdurchschnitt und günstigere demographische Werte. Da hat sich über die Jahre ein beachtliche Verschiebung in den entsprechenden Werten ergeben, weshalb statistische Vergleiche mit Vorsicht zu genießen sind.

- Hält dieser Trend an, lasten also die jetzigen Schulden auf immer weniger Leuten. Zuzug statt Wegzug lautet deshalb die Maxime und wird ja auch propagiert.

Darüber zu diskutieren, erübrigt sich


1. Je weitmaschiger die Grundversorgung in einer Region ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich hier niemand niederlassen wird.

2. Der Trend von jungen Familien, in ländlicher Umgebung , ausgestattet mit entsprechender Infrastruktur, zu leben, ist ungebrochen.

3. Wer eher ländlich wohnen will, zieht nicht in ein Oberzentrum, weil das jetzt so gewünscht ist, sondern sucht sich die ihm zusagende Umgebung, gekoppelt mit dem Arbeitsplatz, wenn nötig in einem andern Bundesland.

4. Insbesondere Mittelzentren hängen wirtschaftlich zu über 50% am Tropf der Bevölkerung aus dem regional-ländlichen Bereich. Klappt dieser zusammen, ist es auch um das Mittelzentrum geschehen.

5. Die Summe der kleingewerblichen Arbeits- und Ausbildungsplätze ist eine volkswirtschaftlich relevante Größe.

6. Die Art der vorhandenen Arbeits- Ausbildungsplätze ist mit entscheidend dafür, wer hier sesshaft bleibt, zuzieht oder aber Not gedrungen weg zieht.

7. Eine negative Zuzugs-Wegzugsbilanz von 8370 Personen im Jahre 2011 bedeutet, dass deren 87 Mio bestehende (Pro Kopf)Landes-Schulden auf die verbleibenden Menschen aufgeteilt und von diesen geschultert werden müssen.. Das heißt, ein erklecklicher Teil der Sparerfolge der kommenden Jahre wird alleine durch weg ziehende Menschen bereits wieder zunichte gemacht. Die miserablen statistischen Zahlen bleiben. Sparen ohne Ende...
Zählen wir noch den natürlichen Bevölkerungsschwund von rund 13 000 Personen im Jahr (mit Schulden von ebenfalls 10 300 €/Kopf) und somit weiteren rund 130 Mio € dazu, benötigen wir also jährliche Einsparungen von mindestens 200 Mio € um den Status quo statistisch nicht zu verschlimmern... Genau mit dieser Statistik wird dann jeweils argumentiert, um weitere Spar-Einschnitte zu verkünden.

8. Der Doppler-Effekt von Wegzügen: Auch die zu erwartende Geburtenrate der Wegzügler schlägt in anderen Bundesländern positiv zu Buche und bringt uns statistisch ins Hintertreffen. Wie hoch ist der materielle Verlust des Landes durch den Wegzug einer Familie mit 3 Kindern, gerechnet auf sagen wir mal 3 Generationen? Richtig teuer, nicht wahr?

9. Der Abbau von Infrastrukturen im ländlichen Raum beschleunigt diesen Trend. Der Bevölkerungsschwund im Landkreis Mansfeld-Südharz (S.21), imBurgenlankreis genauso wie in allen andern Kreisen ebenso...Ort für Ort für Ort...Jahr für Jahr. Das können wir uns nicht leisten. Das ist der Spar-Teufelskreis.

10. Ohne markante Zäsur ändert sich daran nichts.


Ein letztes Definitionsproblem: Kleinschulen Zwergschulen etc. sind nicht rentabel. Diese Aussage wird nicht richtiger, indem sie bei jeder Gelegenheit wiederholt wird, vor allem, wenn sie dann noch mit Minimalschülerzahlen von 60 -80 Kindern unterlegt wird. Das sind klassische Normalschulen, welche mit einem oder zwei Jahrgangsklassenzügen geführt werden. Mit Klein- oder Zwergschule hat das gar nichts zu tun.

1. Zwergschulen sind Ein- oder Zweiklassenschulen, in denen zwischen 10 und 40 Kinder von der 1.-4. Klasse altersdurchmischt in einer oder zwei Klassen unterrichtet werden.

2. Der Kostendeckungsgrad vieler kleinerer Schulen im ländlichen Bereich ist deswegen problematisch, weil vielerorts in Gebäulichkeiten aus der DDR-Zeit unterrichtet wird, welche nur noch zu 30% oder noch weniger ausgelastet sind und der Rest leer steht. Dadurch entstehen überdurchschnittlich hohe Betriebskosten, zumal viele dieser Gebäude nicht grundsaniert wurden. Das hat also nichts mit Bildungskosten zu tun, sondern mit der Immobilie, in welcher Bildung stattfindet.

3. Zwerg- oder Dorfschulen werden noch heute als qualitativ rückständig und "als etwas aus dem vorletzten Jahrhundert" abgestempelt.

Tatsache ist: Sämtliche Quervergleiche mit Normalschulen bescheinigen Schülern dieser Zwergschulen sowohl in den Kernkompetenzen, besonders aber in den Bereichen Sozialkompetenz und Selbstständigkeit überdurchschnittliche Werte. Letztere sind besonders wichtige Voraussetzungen für späteres Lernen an höheren Schulen. Diese Resultate sind nicht nur das Verdienst der Schule sondern auch in der Tatsache begründet, dass Elternhaus und Schule hier sehr nahe zusammen und aufeinander angewiesen sind.

Diese eher trockene Zahlen- und Begriffsreiterei war nötig, um im nächsten Beitrag geradlinig den "Rolls Royce" für die ländlichen Gebiete, aber auch das Land-Sachsen Anhalt, schmackhaft zu machen.

Denn es gibt nicht nur negative Betrachtungsweisen. Ich möchte vier Punkte herausgreifen, welche ich als Chancen und gleichzeitig Grundlagen für den Rolls-Royce betrachte:

1. Hochschullandschaft: Sie hat einen guten Ruf, ist nicht nur Kostenfaktor, wie derzeit dargestellt wird, sondern auch Türöffner für junge Menschen, welche sonst Sachsen-Anhalt NICHT kennen und er-leben würden. Nicht wenige Absolventen bleiben hier hängen oder kommen wieder zurück. Dieser Wert ist nicht zu unterschätzen.

2. Demographie im ländlichen Bereich. Sie ist hinlänglich bekannt. In den kommenden zehn Jahren werden noch mehr Immobilien frei, weil die noch verbliebenen älteren Bewohner sterben oder stationäre Pflege benötigen, die Kinder aber in anderen Bundesländern wohnen. Entsprechend tief sind die Preise. Kein zu unterschätzender Standortvorteil, wenn es um das Anwerben von jungen Familien geht. Wie groß diese Chance gerade in den kommenden 10 Jahren ist, kann man an den Alterspyramiden der entsprechenden Landkreise ablesen. Hier weise ich darauf hin, dass die Grafiken 2008 relevant sind, denn die Werte 2025 drücken neben Prognostik bereits auch die erwarteten Ergebnisse des jetzigen Sparprogrammes aus. So sind die Landkreise optisch sterbende Bäume, während Halle und Magdeburg alle Alters-Dellen glattgebügelt gekriegt haben... Tatsächlich wird jedoch die gewählte Strategie im Bereiche Regionalentwicklung dafür verantwortlich sein, ob die untere Stammdicke in den Landkreisen 2025 völlig ausgedünnt sein oder nur unwesentlich schrumpfen wird.

3. Fachkräfte-Mangel: Das zeichnet sich bundesweit ab. Es wird also darum gehen, dass Berufsleute in Zukunft mit Sicherheit neben dem Arbeitsplatz Standortvorteile wie Qualität des Wohnortes und Lebenshaltungskosten viel bewusster in ihre Entscheide einbeziehen werden. Das Bundesland, welches hier punkten kann, wird auf der Gewinner-Seite sein.

4. Sachsen-Anhalt ist schön. Ich sage dies als Neuzuzüger, der noch längst nicht alles kennt, vom bisher Gesehenen und den vielen guten Ideen und realisierten Projekten initiativer und kreativer Menschen und Vereinigungen tief beeindruckt ist. Aus wenig mit viel Eigeninitiative und Improvisationskunst das Beste zu machen, ist ein Gütesiegel geblieben. Dazu kommt die Fülle an Kulturgütern, an völlig unterschiedlichen Landschaften mit Sehenswürdigkeiten ohne Ende.

Da passt der Rolls-Royce prächtig hinein! Weiter lesen

Alle 4 Beiträge zum Thema:

4) Rolls Royce statt Rotstift-das rechnet sich
3) Rotstift-Positionen: können wir uns das leisten?
2) Alternativen zum Rotstift-Szenario
1) Rotstift als Programm, reicht das?
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