Sachsen-Anhalt, Schulentwicklung: Mit Vollgas in die Sackgasse (1)

Grundschule Hayn, bald geschlossen?
   
Grundschule Ausleben, wird geschlossen.

Die Bundestagswahlen sind vorbei, wir lesen wieder wöchentlich von Entscheiden im Zusammenhang mit Schließung von Grundschulen in Sachsen-Anhalt. Mit allen möglichen organisatorischen Maßnahmen versuchen die Standortgemeinden, den drohenden Verlust ihrer Dorfschulen zu verhindern, um früher oder später festzustellen, dass sie überstimmt werden und letztlich die übergeordnete Verwaltung das Sagen hat.

Halbjahresbilanz der Regierung
Wer die Halbjahresbilanz der beiden Regierungsparteien zum Thema Bildung aufmerksam durchliest, stellt fest, dass das wohl bedeutsamste Thema dieser Legislaturperiode, die sinnlose Umstrukturierung der Grundschulen, mit keinem Wort erwähnt wird. Das zeigt, wie heiß diese Kartoffel eigentlich ist, denn sie bedeutet die klare Abkehr vom Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD: Die Koalitionspartner sind sich darin einig, das bestehende Schulnetz im Land zu sichern. Schulschließungen, die über die gültige mittelfristige Schulentwicklungsplanung der Schulträger bis zum Schuljahr 2013/2014 hinausgehen, sollen möglichst vermieden werden. Quelle

Kritiker der Opposition an dieser Kolaitionsvereinbarung, insbesondere an der Personal- und Bildungspolitik, wurden damals von Minsterpräsident Haseloff wie folgt beschwichtigt: "Die Bedenken der Gewerkschaften kann ich zerstreuen, was politisch zugesagt wurde, wird eingehalten", so Haseloff zur MZ. Wie genau das geht, ist offen. "Da sind viele Variationen möglich, das wird kreativ umgesetzt", so Haseloff. Quelle Wir befinden uns also in der Phase der kreativen Umsetzung....

Schulplanung mit Scheuklappen
Es bedarf wohl einer besonders dicken Haut, eine Reform in der Grundschulplanung als bildungspolitischen Fortschritt anzupreisen, wissend dass es sich dabei lediglich um ein Invesitionsprogramm in künstlich konstruierte und vielfach zufällig definierte Schulzentren handelt.
Dieses Ziel erreicht man nur, indem die Rahmenbedingungen für die Grundschulen radikal von oben verändert werden. Das heißt: Verdoppelung der Mindestschülerzahlen per Verordnung. Gleichzeitig bedeutet dies die Zerstörung von historisch gewachsener Infrastruktur und Kultur in den betroffenen Orten.

Einmalig in Europa!!!!
Dieses Prädikat verwendet unser Finanzminister.
„Außerhalb von Sachsen-Anhalt wird oft mit Hochachtung von unserem STARK III – Programm gesprochen, das nicht nur bundesweit, sondern sogar europaweit einmalig ist.
Mit dem von der EU geförderten Investitionsprogramm STARK III zur Modernisierung von
Schulen und Kitas...“ Quelle

Worin bitte besteht die Hochachtung? In der Anerkennung der Tatsache, dass Sachsen-Anhalt sich auf EU-Kosten eine neue Grundschulinfrastruktur zusammenbastelt? Wie der Finanzminister selbst sagt, handelt es sich hierbei um ein Investitionsprogramm... Mit Bildung und Schulqualität hat das absolut gar nichts zu tun. In einem Land mit rund 12% Schulabgängern ohne Abschluss wäre aber gerade Schulqualität ein vordringliches Thema.

Einmalig in Europa ist jedoch Folgendes:
Kein Bundesland und kein Nachbarstaat hat es bisher geschafft, die Mindestschülerzahlen für Landschulen per Verordnung innerhalb von 4 Jahren zu verdoppeln und damit die Schließung von rund der Hälfte aller Schulstandorte im ländlichen Bereich zu veranlassen.

Kein Bundesland und kein Nachbarstaat baut derzeit eine Argumentationslinie auf, wonach75 Minuten einfacher Schulweg (von Türe zu Türe) für 7 -11-Jährige zumutbar seien. (Das sind also 2 ½ St. Schulweg pro Tag.....) Quelle

Kein Bildungsminister und keine Bildungskommission hält an der überlieferten Vorstellung fest, „gute Schule“ brauche eine Mindestgrösse von sicher 80, besser 100 und optimalerweise Zweizügigkeit, sprich 160 Schüler. Wer das behauptet, an dem sind offensichtlich wesentliche bildungspolitische Entwicklungen der letzten 20 Jahre vorbeigezogen oder er will sie nicht sehen,steckt den Kopf in den Sand.

In keinem Bundesland und in keinem europäischen Nachbarstaat könnten sich Politiker erlauben, angesichts dieses Schulschließungsprogrammes in der Öffentlichkeit undwidersprochen gleichzeitig von einer Stärkung der ländlichen Region zu sprechen und dafür auch noch EU-Gelder zu beanspruchen.


Mit Vollgas in die Sackgasse


Anders kann man die derzeitige Strategie nicht bezeichnen. Das alles hat möglicherweise sehr viel damit zu tun, dass man politisch, trotz genau gegenteiliger Signale aus andern Bundesländern und den Nachbarstaaten etwas durchsetzen will. Die Korrektur dieser Ziele würde als politische Niederlage betrachtet. Eine Triebfeder ist der so genannte Spardruck. Kein Wunder wird derzeit Schulpolitik maßgeblich vom Finanzminister betrieben...

Mit dem Kopf durch die Wand. Übersehen hat man dabei, dass es sich um eine tragende Wand handelt... Wenn die einstürzt, wird es richtig teuer....

Viele Schulplaner im In- und Ausland tragen diesem Umstand seit Jahrzehnten Rechnung, andere sind neu zu dieser Einsicht gekommen.

Sachsen verabschiedet ein Moratorium, welches in seinen konkreten Auswirkungen noch recht nebulös ist, aber im Kerne die Schließung weiterer Grundschulen im ländlichen Bereich verhindern will.

Bayern garantiert Schulen mit mehr als 26 Kindern Bestandessicherheit und fördert auch im Ausbildungsbereich die Qualifikationen von Lehrkräften für den Einsatz im jahrgangsdurchmischten Unterricht. Gleichzeitig macht Bayern mit diesem Argument kräftig Standortwerbung für junge Familien!

12,5% aller Grundschulen in Österreich haben weniger als 25 Schüler, 5% aller Grundschulen haben weniger als 15 Kinder. Dies bei 3029 Grundschulen im Jahre 2011. Das sind also rund 450 Schulen mit weniger als 25 Kindern und rund 150 Schulen mit weniger als 15 Kindern... Interessanterweise sind die Bevölkerungszahlen auch in abgelegenen Schul-Standorten mit Schule in den letzten 15 Jahren weitgehendst stabil.

Vergleichbare Beispiele gibt es in ländlichen Regionen der Schweiz, Frankreichs, Spaniens und insbesondere im dünn besiedelten Finnland, welches rund 35 % sämtlicher Schulen schliessen müsste, wenn man dort unsere Schulplanungsverodnung anwenden würde.

Auf Grund dieser Beispiele darf und muss gefragt werden: Bewegen wir uns da nicht in eine völlig verkehrte Richtung? Achtet man auf die Berichterstattung, so sind eigentlich alle lokalen Behörden der Meinung, diese Schulschließungen seien eine Katastrophe für die betroffenen Orte, aber man habe nun einmal diese Verordnung und die müsse umgesetzt werden.

Wie wäre es denn mit standortübergreifendem Protest aller Betroffenen gegen diese Verordnung? Dafür braucht man Alternativen und berechtigte Kritik. Das wird Gegenstand meines nächsten Beitrages sein, in welchem die Verordnung zerlegt und Alternativen aufgezeigt werden.

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