Sachsen-Anhalt, Schulentwicklung: Mit Vollgas in die Sackgasse (3)

GS Sanne soll geschlossen werden
 
GS Schollene soll geschlossen werden
 
GS Siersleben soll geschlossen werden

Die gegenwärtige Neu-Strukturierung der Grundschullandschaft im ländlichen Bereich wird gemeinhin begründet mit „sinkenden, fehlenden Schülerzahlen“, „Mehr Professionalität“ „Schulzentren als Garant höherwertiger Ausbildung“ und „sich generell abzeichnendem Bevölkerungsschwund“. Wenn ich im letzten Beitrag von einem déjà vu-Effekt gesprochen habe, so sind wir nach diesem ersten Satz bereits mitten drin. Das alles hatten wir doch schon mal!

Rückblende
Zu diesem Zwecke müssen wir uns mit unseren Eltern, Grosseltern unterhalten, mit Menschen, welche die Zeit unmittelbar nach dem 2.Weltkrieg als Kinder erlebt haben. Oder aber, wir bemühen uns, Einblick in die Ortsarchive zu erhalten. In den meisten (damals) selbstständigen Orten, heute vielfach Ortsteile, finden wir Hinweise zu den bestehenden Grundschulen. Das gab es nicht überall, aber an den meisten Orten!

Im Zuge der neuen Bildungspolitik des Arbeiter- und Bauernstaates wurde auch ein neues Schulsystem eingeführt. Ab den 60-er Jahren bis Mitte der 70-er Jahre entstanden sogenannte POS-Einrichtungen, heute noch erkennbar am mehr oder weniger uniformen Baustil und einer enormen Grösse. Ja, hier wurde die Jugend bis zum 9 Schuljahr ausgebildet. Schluss war mit den Dorfschulen. Das las sich dann so:“Welbsleben: Einzugsgebiet ........ (10 Orte). Alle alten Schulgebäude werden sofort von allen Gemeinden umfunktioniert.“ Quelle

Kinderbetreuung, Verpflegung und Transport waren organisiert und somit konnten die Eltern ihre Arbeitskraft unbesorgt in den Dienste des Staates stellen. Dieser schuf die Grundlage, dass neben einem recht guten Schulsystem ein Maximum an dringend benötigten Arbeitskräften ind der Produktion eingesetzt werden konnten. Zugleich wurde in den Schulzentren dafür gesorgt, dass jeder Schulabgänger auf einem ihm entsprechenden Arbeitsplatz sein Auskommen fand. Diese Existenz- und Zukunfts-Garantien waren dafür verantwortlich, dass die Bevölkerungszahlen in den Dörfern trotz Schulzentren weitgehend stabil blieben,teilweise zunahmen.

Dann kam die Wende
Vorbei war es mit der Sicherheit, kein Stein des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems blieb mehr auf dem andern und wohl etwas vorschnell und vielleicht zu euphorisch wurde auch die Schule umgekrempelt. Wenn wir heute von rund 900 Schulschließungen nach der Wende sprechen, dann müssen wir mit dieser Zahl etwas vorsichtig umgehen. Da waren natürlich Schulzweige, welche im Zuge der Reformen nicht mehr weiter geführt wurden, an deren Stelle dann Sekundarstufe und Gymnasium in noch weiter entfernteren Zentren traten.

Der Infrastruktur-Umbruch
Wie Pilze schossen sie aus dem Boden. Die Supermärkte, Baumärkte, Einkaufszentren und in kürzester Zeit war es um die Dorfläden geschehen, Nach rund 15 Jahren waren sie weitgehendst von der Bildfläche verschwunden. Neben der neuen Versorgungsstruktur galt es auch, sich nach Arbeit umzuschauen und Arbeitsplätze waren dünn gesäät. Angesichts dieser großen Unsicherheiten war „Leben auf dem Lande“ plötzlich eine zusätzliche Belastung. Viele Orte und Ortsteile erholen sich nur mühsam von diesen turbulenten Zeiten und es mag einzelne Weiler/Ortsteile geben, welche nie mehr auf die Beine kommen werden. Das sind jedoch Ausnahmen, denn daneben ist eine völlig andere Entwicklung festzustellen.


Neustart auf tieferem Niveau-eigentlich eine Chance
Wer heute alle diese Dörfer, welche inzwischen durch mehrere Verwaltungsreformen zu Ortsteilen ohne jegliche Kompetenz degradiert wurden, etwas genauer betrachtet, stellt drei Dinge fest:

1. Es gibt, gemessen an der Bevölkerungszahl, einen unterdurchschnittlichen Anteil der 0-45-jährigen. Der Ort selbst ist alterslastig und innerhalb der kommenden 15 Jahre spielen sich erneut tiefgreifende Änderungen ab. Das lässt sich nicht ändern. Bleiben wir jedoch bei der Gruppe 0 – 45 Jahre. Sie existiert und je nach Ort und Infrastruktur (dazu gehören auch Kinderbetreuung und Grundschulen) beträgt ihr Anteil inzwischen wieder um die 30 Prozent. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1800 Personen können uns diese 600 Personen nicht egal sein. Sie sind DIE Kraft, dank welcher sich das Dorf neu oder weiter entwickelt, sofern man die Infrastrukturen nicht zerstört. Hier finden sich wieder die kleinen Geschäfte, die Poststelle, der Bäcker, der Arzt die KITA und die Grundschule. Alles vor Ort.

2. Ab welcher Größe ist denn ein Ort überlebensfähig? Sicherlich ist ein wesentliches Kriterium der Arbeitsmarkt. In welcher Entfernung finden sich Arbeitsplätze oder was lässt sich im Ort an kleingewerblichen Strukturen aufbauen? Wichtig ist ein anderer Wert. Linear gerechnet hätten wir in obigem rund 13 Personen/Jahrgang, wobei diese Zahl gerade in solchen Dörfern extrem schwanken kann. Damit könnte also Schule vor Ort gehalten werden. Somit entsteht also auch sowas wie dörfliches Leben, ein nicht zu unterschätzender Faktor. Mit genau diesen Überlegungen werden Schulen im ländlichen gehalten, gefördert - leider nicht bei uns!

3. An Orten mit vorhandener Infrastruktur wird der Anteil im „Familiensegment“ schneller erreicht oder besser gehalten, als an Orten, welche nicht auf diese Infrastrukturen, insbesondere Schule, zurückgreifen können. Österreich und die Schweiz stützen Grundschulen in Orten mit teilweise deutlich weniger als 600 Einwohnern und erstaunlicherweise bleiben die Zahlen im 10-Jahresschnitt weitgehend stabil. Flexible Schule hält diese Jahrgangsdellen, welche immer wieder auftauchen, aus, passt sich an. Wir schließen hier Schulen wegen nicht erreichter Klassengrösse einer 1. Klasse.....

Zum zweiten Male derselbe Kardinalfehler!!!
Mit der jetzigen Schulplanung wird genau der Fehler aus der DDR, welcher sich nach der Wende fatal auf den ländlichen Bereich ausgewirkt hat, wiederholt. Zentralisierung funktioniert nur, wenn die Region voll versorgt ist. Zwei Bildbeispiele einer DDR-Schulzentralisierung. Welbsleben. derzeit (noch) bestandessicher, Wetterzeube, soll geschlossen werden. Es geht hierbei NICHT mehr um eine Dorf-Schule, sondern um ein Schulzentrum mit einem Einzugsgebiet von 13 Orten, welches jetzt per Federstrich 4 oder 6 Kilometer entfernt mit einer andern Grundschule fusionieren soll. Neben den Folgen für den Schulstandort muss das Augenmerk auf die Folgen für das Einzugsgebiet der zu schließenden Schule gelegt werden. Für die Schüler vieler Ortsteile werden die neuen Schulwege teilweise absolut unzumutbar, womit viele dieser Peripherie-Orte für junge Familien ein für allemal gestorben sind.

Mit der willkürlichen Heraufsetzung der Mindestschülerzahlen für Grundschulen durch die Landesregierung und den daraus folgenden Schulschließungen wird der Wendeeffekt im sozialen und bildungspolitischen Bereich wiederholt, der Tod dieser Ortsteile erzwungen. Nicht mehr und nicht weniger.

Dutzenden von Gemeinden, welche sich zu entwickeln beginnen, in welchen eine aktive, junge Bevölkerung sich für ein Leben im ländlichen Bereiche entschieden hat, wird ein tragender Pfeiler des Lebens-Gebäudes weg geschlagen. Der dadurch entstehende materielle Schaden für den Kreis und das Bundesland ist, pro Ort und auf 10 Jahre gerechnet, locker das Doppelte dessen, was man sich ursprünglich mal mit dieser Grundschul-Schließung einzusparen erhoffte.

Nur, darum geht es ja inzwischen gar nicht mehr. Was wir hier erleben, ist ein 900 Mio-€ Investitionsprogramm , davon 600 Mio von der EU und deswegen gilt wohl: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Allerdings: Sollte diese Schulverordnung tatsächlich umgesetzt werden, wird auch die Bestandessicherheit der neuen Schulzentren bis 2025 wegen rasanter Abwanderung zu wackeln beginnen. Das wird dann aber richtig teuer, dafür wird die EU schon sorgen.

Was bleibt? Prognosen. Dazu zwei Szenarien in Teil 4.

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