Sachsen-Anhalt, Schulentwicklung: Mit Vollgas in die Sackgasse (4)

GS Hornhausen, von Schließung bedroht
 
GS Hoym, von Schließung bedroht
 
GS Jeber-Bergfrieden, von Schließung bedroht

Betrachten wir kurz die Situation im ländlichen Raum: Neben den bereits im letzten Beitrag erwähnten Familien-Gruppen 0-45 dominiert in vielen Ortschaften die Altersgruppe 65 +. Sie leben alleine oder zu zweit in Einfamilienhäusern, oft sogar in als Mehrfamilienhäusern konzipierten Gebäuden. Da die Kinder sich auf der Suche nach Arbeit in anderen Regionen, meistens anderen Bundesländern, niedergelassen und Wurzeln geschlagen haben, ist mit deren Rückkehr nicht zu rechnen. Es zeichnet sich also ab, dass in den kommenden 15 Jahren der Immobilien-Leerbestand im ländlichen Bereich massiv steigen wird, die Preise weiterhin recht tief sein werden und sich die Frage stellt, ob da überhaupt wieder neues Leben einziehen wird, oder aber die Gebäude, sich selbst überlassen, zerfallen werden. Dazu zwei Szenarien:

1. Rückzug heisst: Gefährdung von Grund- und Mittelzentren.
Bauhaus-Studie 2050 und die gegenwärtige Personal- und Grundschulplanung des Landes deuten darauf hin, dass tatsächliche ländliche Regionen aufgegeben werden sollen. Zu dünn besiedelt, zu teuer in der Infrastruktur, zu wenig Ertrag, dies die Argumente.
Hierbei handelt es sich um einen Schnellschuss, der nicht zu Ende gedacht ist. Wenn beispielsweise der Staat tatsächlich Menschen und Regionen in die „Eigenverantwortung“ entlässt, muss er auch beantworten, weshalb diese noch der allgemeinen Steuerpflicht unterstellt sind, respektive, wohin deren Steuergelder in Zukunft fliessen sollen. Konsequent zu Ende gedacht entstehen wieder kommunal kompetente autonome Einheiten, welche aus existenziellem Interesse heraus das aufbauen, was das Land zurückbauen will.. Und siehe da: Es entstehen Arbeitsplätze, Infrastrukturen können Kosten deckend betrieben werden und kreative Lösungsansätze werden ohne großes Tamtam verwirklicht.

Wahrscheinlicher ist jedoch was Anderes: Die betroffenen Menschen, insbesondere die jungen Familien, ziehen weg, wenn sie sich das leisten können. Neuzuzüge sind nicht zu erwarten. Da wesentliche Infrastrukturen nicht mehr ortsnah angeboten werden, findet diese Entwicklung beschleunigt statt und nun wird es interessant:

Da es gerade im Bereiche der Prognostik keinen publizierten A- oder B-Plan gibt, stelle ich folgende Behauptung auf: Entweder wurde in den demographischen Studien bis 2030 dieser Faktor bereits einkalkuliert, (dann wäre es eine Schweinerei, mit diesen verschlimmbesserten Zahlen Schulschließungspolitik zu betreiben!!), oder aber, man hat diesen Faktor NICHT berücksichtig. Dann wiederum muss man zur Kenntnis nehmen, dass der Bevölkerungsrückgang und die -abwanderung im ländlichen Bereich „dank“ des Rückbaus von Infrastrukturen entschieden schneller vor sich gehen wird, als dies üblicherweise der Fall wäre..

Folge: Die Grundzentren, welche zu über 50% von den Menschen aus der Region leben, ihre Infrastrukturen darauf ausgerichtet haben, geraten innerhalb kürzester Zeit in Schwierigkeiten, können nicht mehr alle Angebote aufrecht erhalten, verlieren an Attraktivität und folgedessen ebenfalls an Bevölkerung. Dieser Prozess wird als Reaktion auf das, was im ländlichen Bereich passiert, sehr schnell vor sich gehen.

Wenn in der Region um den Harz herum Zentren wie Quedlinburg, Thale, Aschersleben, Hettstedt, Wippra ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können, weil die kritische Grösse (gerade auch des Einzugsgebietes) fehlt, dann ist Schluss mit Grundzentrum. Dann ist aber auch Schluss mit den so toll errechneten Schülerzahlen für Grund- und Sekundarschulzentren. Wenn jedoch diese Zentren NICHT mehr bestandesfähig sind, was bleibt dann in dieser Region?

Das Argument, die Leute müssten sich eben in Grund- und Mittelzentren niederlassen, ist Planwirtschaft alter Schule und verfängt nicht. Wer auf dem Lande leben will, wird das machen, nur eben nicht in Sachsen-Anhalt. Bayern mit seinen Landschulen lässt grüßen!!! DAS ist die Konsequenz von Entvölkerung der Region, staatlich beschleunigt und erzwungen.

Es ist mehr als nachvollziehbar, dass sich betroffen Behördenmitglieder, Vereine, Familien und auch die ältere Generation gegen diese Pläne des Landes wehren, wie die vielen lokalen Unterschriftenaktionen zeigen. Das hat alles seinen Grund, nur scheint dies in Magdeburg niemanden zu interessieren.

2. Stützung des ländlichen Raumes – ein Muss und Chance zugleich!!

Es gibt viele Argumente, mit denen die Bedeutung des ländlichen Raumes untermauert werden kann. Diese können wirtschaftlich, geographisch, sozial oder demographisch gewichtet sein. In der Schweiz beispielsweise sind es die Bauern im voralpinen Bereich, welche mit erklecklichen Subventionen im Volksmund „vom Staate bezahlte Landschaftsgärtner“ genannt werden. Dass deren Arbeit und Viehwirtschaft jedoch auch volkswirtschaftlich einen Nutzen hat, welcher diese Subventionen mehr als aufwiegt, wird erst bei genauerem Hinschauen klar.
Diese Kosten-Nutzen Diskussion findet natürlich nicht isoliert im Landwirtschaftsministerium statt. Involviert sind da auch die Forstdirektion, das Wirtschaftsministerium, Tourismus Schweiz, Regional- und Städteplaner aus Bund, Kantonen und Regionen. Sie alle haben nämlich Kosten oder/und Nutzen und erst daraus ergibt sich ein Gesamtbild. Während das Landwirtschaftsministerium Millionen „investiert“, fließen diese via Tourismus, Gewerbesteuern, Wohnungsverkäufe, Steuereinnahmen usw. mit erklecklichem Gewinn zurück.

Mit dem geplanten Rückzug aus dem ländlichen Bereich steht Sachsen-Anhalt tendenziell ziemlich isoliert da. Bayern, Sachsen, NRW, seit relativ kurzer Zeit, ganz Österreich, die ganze Schweiz, Finnland seit Jahrzehnten, stützen den ländlichen Raum mit Kleinschulen, an denen jahrgangsdurchmischt unterrichtet wird. Es braucht also weder Pilotprojekte noch Voruntersuchungen: Das System funktioniert und hat sich bewährt. Was wir benötigen ist die entsprechende Anpassung im Schulgesetz und das Aussetzen der willkürlich von der Landesregierung erlassenen Schulentwicklungs-Planungsverordnung (SEPl-VO 2014).

Vor einem halben Jahr habe ich dazu mal einen Beitrag verfasst. Rolls Royce statt Rotstift-rechnet sich:100 Mio für 100 Dorfschulen. Angesichts der Geldsummen, mit denen heute im Zusammenhang mit Stark III in der Gegend rumgeschmissen wird, würde ich updaten: 200 Mio € für 150 Dorfschulen. Das Geld ist besser investiert, wir stützen die Risiken in der Siedlungsplanung breiter ab, können Standortwerbung betreiben und sollten noch etwas bedenken:

Der ländliche Raum ist wie ein Schwamm: Es gibt immer wieder Wellen, in denen Leben auf dem Lande „in“ ist, dann wieder out. So lange dies ein natürlicher Prozess ist, reguliert sich das bis zu einem bestimmten Grade von selbst. Da wir in unserem Bundesland noch heute unter den Wegzügen nach der Wende und der heutigen Arbeitsmarktsituation leiden, entfällt "natürlich". . Wir müssen von Zuzügern sprechen, welche ihre Arbeit selbst mitbringen oder bereit sind, bis zu einer Stunde Arbeitsweg auf sich zu nehmen. Dafür bieten wir optimale und preiswerte Lebensbedingungen, tolle Landschaften, gesundes Leben! Viele Menschen betrachten dies als win-win Situation. Sie müssen wir erreichen. Ob sie Frühaufsteher sind oder nicht, ist dabei völlig egal....

Somit sind wir wieder am Anfang. Es gibt viele Familien, welche NICHT in städtischen und kleinstädtischen Verältnissen leben wollen, wenn ihre Vision im ländlichen Familienleben besteht! . Während wir hier den ländlichen Raum entschulen, wird dieser in andern Bundesländern gestützt und gleichzeitig aktives Standort-Marketing betrieben, dies auch im Hinblick auf künftigen Fachkräfte-Mangel. Daraus wird sich ein Trend entwickeln und diesen scheinen wir hier gerade zu verschlafen:

Es ist völlig klar, dass die Politik in Sachen Familie/Demographie neue Zäsuren wird setzen müssen. Wir werden unsere Renten kaum damit sichern können, dass wir jährlich nach mehr Zuzug von Arbeitswilligen aus dem Ausland schreien, nicht wahr? Oder soll künftig Kinder kriegen und die Lieferung von Arbeitskräften im Rahmen des Nord-Süd-Gefälles geregelt werden? Wir brauchen also wieder ein familienfreundliches, kinderfreundliches Klima. Lebensräume für das kleine Budget mit ortsnaher Grundversorgung.

Also genau das, was wir planungstechnisch mit dem ländlichen Raum aus der Hand geben und NICHT durch Mittel- und Oberzentren zu ersetzen sein wird..

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