Schulentwicklung Sachsen-Anhalt: Mit Vollgas in die Sackgasse (2)

GS Tagewerben: Von Schließung bedroht
 
GS Rösa: Von Schließung bedroht
 
GS Rippach: Von Schließung bedroht

In diesem Beitrag geht es darum, die Schulplanungsverordnung 2014 SEPL-Vo2014 etwas genauer auf den Prüfstand zu stellen und gleichzeitig dem Argument „das ist nun so, da müssen wir durch“, wie wir es vielfach an Bürgerversammlungen zu hören kriegen, entschieden entgegen zu treten.

Beginnen wir mit folgendem Zitat:
„...und bis zum Jahre 2020 werden alle bestandesfähigen Schulen und Kindertagesstätten im Land energetisch saniert und modern ausgestattet sein.“ Zitat Finanzminister Bullerjahn.

Investitionsvolumen 900 Mio €
Daneben stelle ich einen zweiten Satz: Bis zum Jahre 2020 investiert die EU rund 600 Mio € in Sachsen-Anhalts neue Kita-und Grundschulinfrastruktur. Dazu kommen noch weitere 300 Mio vom Lande Sachsen-Anhalt und den Standortgemeinden, welche sich da ganz schön verschulden werden..

Gegenüber der EU muss ausgewiesen werden, dass die Standorte, an denen investiert wird, bis mind. 2025 bestandessicher sind. Es handelt sich bei StarkIII also um ein mächtiges EU- Investitionsprogramm. Dieses soll die Wirtschaft beleben und Sachsen-Anhalt eine neue Grundschul-Infrastruktur bescheren, denn diesbezüglich herrscht ein gewaltiger und offensichtlicher Investitionsstau!!

Stark III - Rahmenbedingungen durch Landesregierung definiert !!
Was nun in StarkIII als Bedingungen für Aufnahme im Förderprogramm definiert wird, stammt weniger von der EU, als vielmehr von unserer Landesregierung. Dabei geht es insbesondere um folgende zwei Punkte:

1. (6) Die Grundschule hat wenigstens einen Zug.
Die Schulbehörde kann Ausnahmen im Interesse eines wohnortnahen Schulangebots zulassen. Quelle
Dieser Passus stammt aus dem Schulgesetz und schreibt Einzügigkeit vor. Über mögliche Ausnahmen ist kein Wort zu verlieren, denn damit kann nicht nachhaltig geplant werden.
In diesem Gesetze fehlt die Möglichkeit, Schulklassen mittel- oder langfristig jahrgangsdurchmischt zu führen. Erst damit könnten jedoch Kleinstschulen betriebswirtschaftlich funktionieren..

2. Der Richtwert zur Festlegung der Einzügigkeit beträgt bei Grundschulen:
Für Grundschulen:
zum 31. Juli 2017 15
zum 1. August 2017 20
Verschwiegen wird bei dieser Verordnung, dass in Tat und Wahrheit per Sommer 2014 die Mindestschülerzahl von 10/Klasse bereits auf 15 erhöht wurde. SEPl-VO2014 § 4.

De facto verdoppelt somit die Landesregierung die Mindestschülerzahl zur Klassenbildung innerhalb von 4 Jahren. Die Landesregierung zementierte per Erlass im Mai 2013 eine Schulgröße, welche im ländlichen Bereich zur Schließung von beinahe 50% aller Grundschulen führen wird. Nicht abnehmende Schülerzahlen, sondern von der Landesregierung um das doppelte erhöhte Mindestschülerzahlen führen zu diesen Zwangs-Schulschließungen.

Diese Verordnung soll nun durch die Gemeinden "per Vorschlagsrecht" umgesetzt werden. Eine Farce, denn wer zahlt befiehlt und das ist das Land!!

Es kommt aber noch dicker: Sollte eine Landgemeinde in der Zukunft eine Grundschule eröffnen wollen, muss sie auf 5 Jahre hinaus mindestens Zweizügigkeit - also 160 Schüler!!! - garantieren. Damit ist gleichzeitig gesagt, dass diese Landesregierung keine Landschulen mehr will und mittelfristig noch größere Schuleinheiten anstrebt. Sie setzt auf Zentrumsschulen für 7-11-Jährige.

Fassen wir zusammen: Um ein Investitionvolumen von 900 Mio € ( 600 Mio davon von der EU) auszulösen, wird eine Verordnung in die Welt gesetzt , welche bis 2020 zur Schließung von bis zu 150 Schulen führen wird, Grundschülern mehr als grenzwertige Schulwege von bis zu 75 Minuten zumutet. Natürlich werden Eltern, welche die Wahl haben, ihren Kindern solche Torturen nicht zumuten. Abwanderung aus oder gar nicht erst Hinziehen in solche entschulte Gebiete sind die Folgen.
Der demographische Wandel im ländlichen Bereich wird also durch StarkIII extrem beschleunigt! Ausdünnung der Infrastruktur hat ganz klar Entvölkerung zur Folge.

Flexibilität statt Einheitsschule !!!

Diese Landesregierung hätte auch die Möglichkeit gehabt, folgende Rahmenbedingungen zu erlassen:

1. Jahrgangsdurchmischter Unterricht ist eine akzeptierte Schulform und kann 1.-4. Klasse oder 1./2. Klasse und 3./4 Klasse umfassen.
2. Mindestschülerzahl einer Grundschule beträgt 26 Kinder. (es könnten auch 15 sein, wie Österreich zeigt, wo man teilweise bis auf zehn Kinder runter Schulen aufrecht erhält.)
3. Kleinschulen werden verwaltungstechnisch zusammengefasst. Verwaltung des Stellenpools liegt bei den Schulleitern/Standortgemeinden.

Diese Struktur bedeutet:

1. Schule passt sich den demographischen Gegebenheiten an! Wir erleben derzeit in Sachsen-Anhalt das Gegenteil! Hier muss sich Bevölkerung einem starren Einheits-Schulsystem unterordnen.
2. Mindestschülerzahl 26 bedeutet, dass derzeit alle zur Schließung anstehenden Grundschulen Sachsen-Anhalts Bestandessicherheit bis 2025 ausweisen könnten!!!
3. Somit wären diese Schulen auch berechtigt, StarkIII -Mittel aus dem ELER-Fonds für Gebäudesanierung etc. in Anspruch zu nehmen. Damit würde ein wesentlicher Beitrag in die Stärkung der ländlichen Infrastruktur geleistet und es ist wahrscheinlich, dass die Gelder in dieser Form sinnvoller angelegt sind.
4. Dank Verwaltungsoptimierung und jahrgangsdurchmischtem Unterricht sinken die Personalkosten pro Schuleinheit.
5. Transportkosten für Grundschüler können gesenkt werden. Die jetzige Reform führt zu einer jährlichen Kostenexplosion im zweistelligen Millionenbereich.
6. Erfahrungsgemäss finden Schulprojekte wie AG's, Schwerpunktunterricht, Inklusion usw. in Landschulen aus der Praxis heraus statt und haben eine hohe Qualität..
7. Die Angst vor einem Qualitätstverlust bei jahrgangsdurchmischtem Lernen ist als Argument schon längst widerlegt und nicht zu akzeptieren. Immer mehr Schulen mit Mehrzügigkeit (also mehr als 80 Schüler) wechseln im Ausland auf Grund positiver Erfahrungen zum jahrgangsdurchmischten Unterricht.

Verschiedene Bundesländer haben mit dem Umdenken begonnen. Wie wir an Flächen deckenden Beispielen aus Österreich und der Schweiz verfolgen können, trägt ortsnahe Grundschulversorgung zur Stabilisierung einer Region bei (fungiert somit auch als Wirtschaftsfaktor und Einnahmequelle für das Land !!) . Die Form der Kleinschule steht den Schulzentren qualitativ in gar nichts nach.

Um so beharrlicher ist nachzufragen, weshalb ausgerechnet die Landes-Regierung Sachsen-Anhalts den gegenteiligen Weg beschreitet.

Gerade wir hier haben doch schon längst ein déjà vu in Sachen Zentralisierung von Grundschulen erlebt und könnten daraus eigentlich nur lernen. Dies das Thema im dritten Beitrag zu dieser Serie.

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