Halloween ist kein Spaß

Halloween ist wieder einmal vorüber (auch die MZ berichtete), und wieder einmal bleibt beim Verfasser dieser Zeilen ein komisches Gefühl zurück. Wir haben doch im Alter der kleinen Hexen, wandelnden Leichen, Teufel und Zauberer so etwas nicht gemacht? „Süßes, sonst gibt‘s Saures“ ist doch niemals aus unserem Mund gekommen, wenn es darum ging, anderen Leuten Süßigkeiten aus der Tasche zu ziehen? Keine Sorge, wir hatten schon so unsere Methoden, aber diese war nicht darunter.

Ist Halloween also, wie manche meinen, die ebenfalls eher den Kopf über das schütteln, was sich am Abend des 31. Oktober jetzt vor unseren Haus- und Wohnungstüren abgespielt hat, eine amerikanische Erfindung, die wie so viele andere den Weg über den großen Teich gefunden hat und jetzt exzessiv nachgemacht wird? Nein, das ist es nicht, aber das macht es nicht besser.

Halloween geht, wie im Internet vielfach nachzulesen ist, auf irische und möglicherweise sogar auf uralte keltische Ursprünge zurück. Es wurde dort wie auch in anderen katholisch geprägten Gegenden mit Umzügen durch die Straßen am Tag vor Allerheiligen („All Hallows‘ Eve“) gefeiert und im Zuge der Auswanderungswellen in die Neue Welt exportiert. Dort wurde der Brauch wie so vieles andere als Gewinn versprechende Möglichkeit erkannt, kurzfristig kurzlebiges „Zubehör“ auf den Markt zu werfen. Die gute Wahrnehmbarkeit des Halloween-„Zubehörs“ und die scheinbare Fröhlichkeit des „Festes“ dürften für rasche Verbreitung auch in nicht-irische Bevölkerungsteile gesorgt haben.

Nach Deutschland kam Halloween (von einigen irischen Kneipen einmal abgesehen) etwa im Jahr 1990; der „Brauch“ ist also höchstens 22 Jahre alt. Wie ZEIT online am 31.Oktober 2007 berichtete, wurden wegen des Golfkrieges 1990/91 damals viele Karnevalsumzüge aus Pietätsgründen abgesagt, so dass die dazugehörigen Kostüme nicht abgesetzt werden konnten. Die Hersteller versuchten damals – erfolgreich – , Halloween mit Hilfe der Medien als „Ersatz“ zu stilisieren; nach Angaben der Fachgruppe Karneval im deutschen Verband der Spielwaren-Industrie geschah dies, ausgelöst durch die Karnevalisten, sogar erst im Jahr 1994. Aus der entsprechenden Veröffentlichung geht auch hervor, dass ein ersatzloser Verzicht auf Karneval zu Verlusten der beteiligten Hersteller und Veranstalter – inklusive der Steuereinnahmen für die öffentliche Hand – in mindestens hoher dreistelliger Millionenhöhe führen würde. Der Bund Deutscher Karneval (BDK) schätzt die Umsätze durch den Karneval im Jahr 2006 sogar auf bis zu 5 Milliarden ! Euro bundesweit - Grund genug, sich für einen Ausgleich der Verluste zu engagieren und – wenn schon, denn schon – alternative „Feste“ zu etablieren. Im Falle Halloweens haben die Anstrengungen solchen Erfolg gehabt, dass das Vermarktungsfest inzwischen von vielen wirklich als „Brauch“ betrachtet wird. Und es dürfte unübersehbar sein, dass das Angebot an Halloween-Artikeln und Kostümen jedes Jahr wächst.

Wo liegt nun das Problem? Jeder „Brauch“ muss irgendwann einmal seinen Anfang genommen haben, und was spricht eigentlich dagegen, wenn Kinder, zumal wenn sie in Begleitung ihrer Eltern unterwegs sind, bunt verkleidet um die Häuser ziehen und Süßigkeiten erbitten? Schließlich gibt es noch andere, auf den ersten Blick ähnliche Bräuche in Deutschland, wie zum Beispiel das Martinssingen, das in der sorbischen Tradition verankerte „Zampern“, und die Sternsinger gehen schon immer am Dreikönigstag durch die Straßen und bitten um Spenden für wohltätige Zwecke.

Nun, bei Halloween liegen die Dinge etwas anders. Wo die Martins- und die Sternsinger dem Haus- oder Wohnungsbesitzer ein (oft religiöses) Lied singen und die Zamperer mit unterschiedlichen Musikinstrumenten unterwegs sind, beide also eine Art Gegenleistung für die erbetenen Spenden erbringen, beruht der Halloween-Umzug in Deutschland letztlich auf einer klaren Drohung: Gibst Du mir nichts Süßes, spiele ich Dir einen Streich. Und diese Streiche sind keineswegs immer lustig. So berichtet der Südkurier zu Halloween 2012 über beschädigte Autos und Fensterscheiben und sogar Brandanschläge auf Autos, Wohnungen und Sporthallen. Damit bewegen sich die Kinder und Jugendlichen zu Halloween im Bereich von – unter Umständen schweren – Straftaten. Und ein Unrechtsbewusstsein kommt nicht auf, denn (Zitat eines verkleideten Teenagers): „Wenn einem einer nichts gibt, dann darf man dem einen Streich spielen“ – wer das eigentlich erlaubt hat, wird nicht gefragt.

Rein juristisch ist die Sache nicht ganz klar – solange man davon ausgehen kann, dass einem bei der Verweigerung von „Süßem“ nichts wirklich schwerwiegend „Saures“ in‘s Haus steht, dürfte der Tatbestand nach §253 StGB – Erpressung, also der Drohung mit einem „empfindlichen Übel“ – noch nicht erfüllt sein. Was ist aber, wenn sich Vorfälle wie die oben beschriebenen häufen? Möglicherweise muss sich dann die Justiz in ganz anderer Weise mit dem angeblichen „Brauch“ befassen, als sie es heute mit einzelnen Exzessen zu tun hat. Und vielleicht ist es längst so weit, dass die Schwere der zu erwartenden „Streiche“ ganz anders eingeschätzt wird, als man im allgemeinen so denkt. Das Umherziehen bedeutet nämlich schon jetzt gerade für Senioren unter Umständen eine erhebliche Belastung. Zunehmend häufig hört man aus dieser Altersgruppe, dass die Menschen am 31. Oktober nach Hereinbrechen der Dämmerung nicht mehr an die Tür gehen würden. Viele Menschen berichten auch, dass sie ihre Fenster verschließen und ihre Zimmerlampen löschen würden, um den Eindruck zu erwecken, dass niemand zu Hause sei (obwohl selbst wirkliche Abwesenheit nichts nützt, wie der Verfasser am eigenen Leib bzw. seiner Haustür erfahren durfte). Spricht man länger mit solchen Menschen, dann fällt irgendwann unweigerlich das Wort „Angst“. Das „Lustige“ an Halloween bekommt damit einen unangenehmen Beigeschmack.

Es ist aber nicht nur die Angst der Älteren oder Schwächeren, die hier einmal in den Blick genommen werden soll – sie kann auch umschlagen in eine Gefährdung der kleinen Halloween-Ungeheuer selbst. Ob sie nun beraubt werden, indem Ältere ihnen die erbettelten Süßigkeiten wieder wegnehmen, oder ob verängstigte oder sich gestört fühlende, oft ältere Menschen sich mit Gewalt gegen die bettelnden Kinder zur Wehr setzen – und die Medien berichten mehrfach über entsprechende Vorkommnisse –, ist eine Verletzung erst einmal zugefügt, hilft kein Verweis auf angebliche Brauchtümer mehr, der Schaden ist geschehen.

Was erleben eigentlich die Kinder, wenn sie – mit Billigung und oft sogar in Begleitung ihrer Eltern – durch die Straßen ziehen und ihr „Süßes oder Saures!“ an den Haustüren zum Besten geben? Sie erfahren, dass ihre Drohung (die sie sicherlich noch kaum als solche wahrnehmen), mit Lachen, Scherzen und Süßigkeiten belohnt werden. In der Psychologie nennt man so etwas einen „positiven Verstärker“. Er führt dazu, dass man das, wofür man belohnt wird, immer wieder zu tun versucht. Das Halloween-„Spiel“ wird mit jedem „Erfolg“ immer attraktiver. Auch ältere Kinder und Jugendliche werden dabei beobachtet, oft auch ohne die Begleitung Erwachsener.

Und mit zunehmendem Alter wächst die Fähigkeit, zunehmend schwerere „Streiche“ zu spielen. Eine Hemmschwelle besteht nicht, man hat ja gelernt, dass Halloween ein „Brauch“ ist, den alle „lustig“ finden und der zu Belohnungen führt. Dann ist derjenige, der nichts gibt (vielleicht, weil er einfach nicht zu Hause ist!), „selbst schuld“, wenn ihm die Haustür beschmiert, das Fenster eingeschlagen oder das Auto angezündet wird – schließlich muss man ja auch noch die mitziehenden Kumpels oder sogar Mädchen damit beeindrucken, was man sich alles traut. Und vielleicht ist dann irgendwann auch das eine oder andere Bierchen dabei...

Nun wäre es völlig verfehlt, Halloween-Streiche als Einstieg in kriminelle Karrieren hinzustellen. Im Einzelfall jedoch, und wenn mehrere unglückliche Umstände zusammenkommen, kann ein „Streich“ aus dem Ruder laufen – und auf einmal ist eine Lehrstelle oder ein Arbeitsplatz verloren, und es steht eine Jugendstrafe im Führungszeugnis.

Nein, ein „Brauch“, der als Vermarktungshilfe für Karnevalszubehör nach Deutschland gekommen ist, der keine Wurzeln in der heimischen Kultur besitzt und der darüber hinaus auch noch erhebliche Schäden hervorrufen kann – über den gehört aufgeklärt, damit er wieder verschwindet.
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