Herberts Geschichte geht weiter

Vorwort
Die Lebens-Erinnerungen in den folgenden Beiträgen beschreiben die schwere Zeit nach dem 2.Weltkrieg. Mein Onkel hatte nicht nur seine Heimat Schlesien und damit auch den Bauernhof seiner Eltern verloren, er wurde auch im Krieg schwer verwundet. Wie er nun trotz Beinamputation und der weiteren persönlichen Verluste das Leben zu organisieren versucht und es schließlich auch meistert, wird in eindrücklichen Worten geschildert. Die Geschehnisse in diesem Teil handeln in den 1948 bis 1956.

Fahrradsorgen



Im Februar hatte ich auf der Heimfahrt von meiner Schulungsstätte in Wedringen (einem Ortsteil von Haldensleben) auf beiden Rädern einen Platten. Ich schob das Fahrrad im Dunkeln abends nach Hause, etwa 4-5 km. Ich pumpte zwar zwischendurch immer Luft auf, aber das war zu wenig, wie sich später herausstellte. In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gab es keine Fahrradbereifung. In den Tauschzentralen suchten viele eine Bereifung und boten alles Mögliche, auch Geld und Edelsteine.

Der Vater meines Freundes Hans hatte in Groß-Mühlingen bei Schönebeck eine Neubauernstelle, 5-6 ha groß. Da ein Teil, 3 ha, fast 8 km von Stall, Scheune und Wohnung entfernt war suchte er ein komplettes Fahrrad. Er bot 5 Zentner Weizen, der Schwarzmarktpreis von Weizen betrug nach der Währungsreform (Juli 1948) noch 400-500 M, also 2000-2500 M für ein Fahrrad. Er fand dennoch keines.

Ich entdeckte inzwischen im Wald von Bülstringen (heute Bördekreis) verbrannte Fahrräder. Dort war zu Kriegsende eine Fahrrad-Kompanie zusammengeschossen worden. Ein anschließender Waldbrand tat den Rest. Ich klaubte die Einzelteile zusammen und besaß nach einigen Wochen ein Fahrrad ohne Bereifung und Sattel. In einem Fahrradgeschäft ließ ich neue Speichen einziehen. Auf den Felgen hatte ich eine Notbereifung (Vollgummi-Bereifung aus alten Autoreifen). Man konnte zwar damit fahren, aber zu Fuß war man genau so schnell. Mit einem Bein ließ sich solch ein Gefährt nur auf ganz glatter Chaussee vorwärts bringen. Also war Geld und Zeit umsonst ausgegeben.

Ich suchte eine Schulungsstätte, die mit der Bahn erreichbar war. Aber die Züge fuhren so ungünstig, dass ich früh 3:30 Uhr ab Bahnhof Haldensleben auf die Dörfer musste. Aufstehen 2:30 Uhr, da der Weg zum Bahnhof 4 km betrug, eine knappe Stunde Fußweg, bei Eis und Schnee sogar 2 Stunden, und das 4x in der Woche von Dienstag bis Freitag. Nur am Freitag brauchte ich erst um 8:00 Uhr abfahren, dafür begann der Unterricht aber auch erst um 13:00 Uhr. Also auch keine ideale Lösung.
Nur einmal, Mittwoch ergab sich die Gelegenheit Mittag zu essen, in Nordgermersleben.

Die Tauschzentrale in Halle (Ware-Wert –Ware) war unterdessen in eine HO-Verkaufsstelle umgewandelt worden. Da gab es 1948 noch keine Fahrräder, erst 1950 wurden die ersten Fahrräder für 2500 M angeboten. Die kamen komplett aus der CSSR. Seltsamerweise aber erwarb ich 1949 für 500 M ein Leichtmotorrad, (Fichtel-Sachs, mit 98 cm3). Ich bekam auch 2x5l Benzin im Monat, einmal 5l als Berufsschullehrer, einmal 5l als Schwerbeschädigter. Das Mofa sollte laut Katalog 2,5l/100km verbrauchen, aber der Verbrauch lag bei 5-6l/100km. Also war das auch keine Dauerlösung, vom Geld ganz abgesehen. Da ich inzwischen verheiratet war, fehlte das Geld „hinten und vorne“. Deshalb verkaufte ich 1952 das Mofa wieder, mit Verlust, 300 M bekam ich.

Tante Klara, die von meinen Sorgen wusste, wollte und hatte mir ein Päckchen mit Bereifung geschickt, aber die Sendung kam ohne Bereifung an. Postvermerk: das Paket ist auseinander gefallen. Und alles, was übrig war, steckte in einem Postsack, der auch noch die erhöhte Gebühr kostete. Sie hatte 7x Pakete mit Bereifung geschickt, jedes Mal kam die Bereifung nicht an, so dass wir es aufgaben.
Ich hatte alles versucht, wollte sogar ein Fahrrad klauen, aber das ging schief, und ich bekam Prügel, wobei meine Jacke zerriss und unbrauchbar wurde. Der Ort, wo ich das Fahrrad klauen wollte, war in Schönebeck in einer Schrebergartensiedlung, In den Abendstunden schritt ich zur Tat. Nur weil ich beinamputiert war, ließ man mich laufen, wahrscheinlich aus Mitleid.

Ein anderer Schwerbeschädigter brachte mich auf eine gute Idee. Im Westen bekamen Kriegsbeschädigte aus der SBZ Bereifung zum Normalpreis über das örtliche Sozialamt. Gesagt, getan. Ich fuhr Ende 1951 oder Anfang 1952 über die Zonengrenze bei Helmstedt und ging zum Sozialamt Helmstedt. Ich zahlte 25 DM Ost und bekam 25 DM/West und einen Kaufvertrag für 2 Fahrradmäntel und Schläuche. In der örtlichen Fahrradhandlung in Helmstedt bekam ich die Ware zum Vorzugspreis von 24 DM/West und ein paar Pfennige. Der Ladenpreis war in Wirklichkeit 30 DM/West je Mantel und Schlauch.

Auf der Rücktour fiel ich an der Grenze einer russischen Streife in die Hände. Ergebnis: Russe:“ Ich auch Fahrradmantel, du auch Fahrradmantel, also teilen wir.“
Einen Schlauch/Mantel hatte ich, den anderen Schlauch/Mantel der Russe. Ich musste froh sein, dass ich nicht alles losgeworden war. Ich fuhr also wieder Rad, Hinterrad Normalbereifung, Vorderrad Notbereifung, Geschwindigkeit auf glatten Straßen 8-10 km/h.

1953 wiederholte ich die Tour mit dem Sozialamt, aber nicht in Helmstedt sondern in Westberlin. Ich musste 2x unterschreiben, dass ich innerhalb von 5 Jahren nur einmal Bereifung über das Sozialamt erwarb. Damals gab es noch keine Computer, also betrog ich das Sozialamt im Westen. Alles ging glatt, ich hatte sogar nun eine Reservebereifung.

Jetzt radelte ich wieder ganz normal, machte Touren bis 50 km täglich. Ich bin 1953 und später mindestens 3x während meines Hochschulstudiums in Neugattersleben, von Neugattersleben nach Bornstedt gefahren. Das waren fast 80 km, eine Strecke dauerte beinahe 4 Stunden. Die Reichsbahn war also bequemer, kostete aber mehr Zeit. 1953/54 fuhr ich für einige Monate die Fichtel-Sachs von meinem Schwiegervater, der hatte keinen Führerschein. 1954 wollte er das Mofa wiederhaben, um es dem Hauswirt Drosihn, dem Vater von Gisela, zu geben.
(Anmerkung, das Mofa hatte mein Vater noch bis 1960 bis ein SR2 gekauft wurde)

Die Tour nach Berlin hatte allerdings ein Nachspiel. Es kam meinem Berufsschul-Direktor zu Ohren, auch das Schulamt mit dem Berufsschul-Inspektor schaltete sich ein. Ich bekam jede Menge Ärger, sollte sogar eine Bereifung abgeben, dass der Russe eine Bereifung „kassiert“ hatte, glaubte man mir nicht. Da inzwischen noch 2 andere Sachen anstanden, wurde ich 1952 entlassen. Das war einmal eine Backpfeife, die ich einem Schüler verabreicht hatte und zum zweiten der Artikel „Wanderndes Mehl“, den ich bereits beschrieben habe.
Die drei Angelegenheiten machten meine Entlassung perfekt. Die Bereifung behielt ich aber.

1956/57 gab es Fahrradbereifung in jedem Fahrradladen, zuerst für 50 DM/Ost je Stück. Später, 1962, wurden die Preise gesenkt, pro Stück nur noch 10-12 DM/Ost.
6
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
3 Kommentare
9.063
Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 05.12.2014 | 22:24   Melden
7.336
Siegfried Behrens aus Halberstadt | 06.12.2014 | 08:51   Melden
2.980
Gottlob Philipps aus Halle (Saale) | 06.12.2014 | 09:26   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.