Keine Angst vor'm Weltuntergang

Bugarach vor "seinem" Pic
 
"Ufo" am Pic?
 
So friedlich ...
Von Simone und Peter Löbbecke

Am 21. Dezember 2012 geht die Welt unter. Das behaupten jedenfalls alle diejenigen, die sich von dem berühmt gewordenen Kalender der Maya leiten lassen, der angeblich an genau diesem Tag abbricht. Viele Texte und Fernsehberichte gibt es inzwischen über dieses immer näher heranrückende Datum; auch die MZ hat schon berichtet.

Dabei wird gern auch gleich Hoffnung gemacht, gibt es doch im Süden Frankreichs, im Languedoc, einen Berg, der schon seit langer Zeit viele esoterisch interessierte Menschen anzieht: Den Pic de Bugarach, so benannt nach dem gleichnamigen Ort an seinem Fuß.

Hier, so glauben viele, könne man zum Beispiel Kristalle aufladen, um mit Wesen anderer Welten in Kontakt zu treten, könne besondere Erfahrungen mit sich selbst machen, zu Außerirdischen, aber auch zu Wesen im Innern der Erde Kontakt aufnehmen; es wurden dort UFOs beobachtet, nächtliche Lichter und vieles mehr. Seit einiger Zeit, nämlich seit die Nachricht vom bevorstehenden Weltuntergang im Dezember die Runde macht, sind viele davon überzeugt, dass dort rechtzeitig zum Termin UFOs die Gläubigen, die sich natürlich termingerecht am Berg versammeln müssen, abholen und auf diese Weise retten werden.

Da liegen die Fragen nahe: Versammeln sich schon die Reisenden? Haben die UFO-Besatzungen bereits Abfertigungsschalter eingerichtet? Bilden sich die ersten Schlangen? Schließlich kursieren die einschlägigen Berichte über den über- oder außerirdischen Rettungseinsatz schon geraume Zeit. Wir wollten es wissen, und sind deshalb einfach hingefahren. Schließlich haben wir schon seit vielen Jahren liebe Freunde, deren Bauernhof und Wanderunterkunft direkt am Fuß des Pic de Bugarach gelegen ist. Kaum jemand wohnt näher dran und trifft so viele Leute. Was würden wir bei unserem Besuch vorfinden: Start- und Landerampen? Massen von singenden, kettchenbekränzten UFO-Gläubigen, denen angesichts des erwarteten Weltuntergangs alles gleichgültig ist, die über die Weiden laufen und die Gärten zertrampeln? Hysterische Einwohner, die von dem ganzen Rummel genervt sind?

Wir fanden nichts davon. Das erste, was einem auffällt, wenn man heute in Bugarach oder in dem noch kleineren, auf der anderen Seite des Berges gelegenen Camps sur L‘Agly eintrifft, ist, dass einem nichts auffällt. Alles ist unverändert. Die Wiesen sind jetzt im frühen Sommer saftig grün, viele Vorgebirgsblumen blühen, und überall sieht man Kühe grasen. Das Auffälligste in dieser Zeit sind die Kälber, die nach ihren Müttern rufen, weil sie gerade jetzt von ihnen getrennt werden. Keine tanzenden Hippies, keine zotteligen Weltuntergangspropheten, keine fliegenden Untertassen. Nur friedliche Landschaft.

Trotzdem begegnet man bei Gesprächen natürlich dem Thema. Eines morgens sind wir von anderen Gästen beim Frühstück gefragt worden, ob wir denn an UFOs glauben. Als wir dann „nein“ sagten, kühlte sich die Unterhaltung gleich mächtig ab. Es gibt sie also offenbar, die UFO-Pilger, aber längst nicht in dem Ausmaß, wie manche Fernsehberichte oder Youtube-Videos uns glauben machen wollen.

Viele der Anwohner rund um den Berg glauben sowieso nicht an den bevorstehenden Weltuntergang oder an die UFO-Stories. Zwar sieht man vereinzelt Berichte über Leute, die in Bugarach und Umgebung Häuser besitzen und behaupten, UFOs, Lichter in der Nacht und ähnliches am Berg zu sehen, aber sie stehen damit ziemlich alleine. Wenn überhaupt jemand eine Meinung zu den Gerüchten um die Ufos hat, dann stört man sich meist an den vielen Journalisten, die der ganze Trubel zeitweilig in die Gegend gebracht hat.
So geht es auch unserer Freundin Néli aus Camps sur L‘Agly, die uns berichtet hat, dass es hauptsächlich Reporter seien, die sich über die UFOs und ihre Anhänger informieren wollen. Anfragen von UFO-Jüngern scheint sie, die seit langem Wanderer auf dem Sentier Cathare (dem „Katharerweg“) beherbergt, bislang kaum erhalten zu haben. Sie selbst ist eher skeptisch, was den bevorstehenden Weltuntergang angeht, und was die ständigen Fragen betrifft: Ein bisschen lustig machen reicht, meint sie. Man sollte den Gläubigen ihre Ideen lassen, solange sie nicht das Alltagsleben in der Region behindern. Probleme entstehen eher durch diejenigen, die den Sensationen hinterherjagen. Eine, wie uns scheint, ziemlich vernünftige Auffassung. Auf der anderen Seite: Wo mit der Angst Unwissender Geschäfte gemacht werden, wo Menschen dazu gebracht werden, Dinge zu tun, die ihnen schaden können, da hört der Spaß auf. Auch das gibt es.

Besucht man das Dorf Bugarach – was unbedingt zu empfehlen ist -, kann man ganz ähnliche Auffassungen hören. Das malerische, kleine, beschauliche Dorf erscheint vom Weltuntergang unberührt. Auch die Besitzerin des kleinen Lebensmittelladens dort erzählte uns, dass es vor allem Fernsehteams seien, die sich nach dem Berg und seiner Rolle bei den Weltuntergangsvorbereitungen erkundigten. Leute, die mit dem UFO abreisen wollten, hätte sie bislang kaum getroffen. Schon gar nicht gebe es Massen von Pilgern, die sich auf ihre Abholung vorbereiteten. Alles ist wie immer – worüber wir uns sehr gefreut haben, lieben wir doch schon seit langem gerade die unaufgeregte Lebensweise am Fuß unseres „Monsieur le Pic“, wie wir den Berg manchmal liebevoll nennen.

Verfolgt man die Medienberichte, schaut man sich die Youtube-Videos an, so kann leicht der Eindruck entstehen, als ob es eine Art Bewegung gäbe, die zunehmend den Berg bevölkert. Das ist sicher nicht so. Zwar konnten wir schon bei einem Besuch vor Jahren auf dem Gipfel Menschen beobachten, die eine Art Tanz aufführten. Seit langem steht der Pic de Bugarach im Fokus der Aufmerksamkeit von Esoterikern, wie wir oben schon berichtet haben. Das Ausmaß dieser Aufmerksamkeit hat sich aber offenbar nicht verändert. Dafür haben wir ein anderes interessantes Gerücht gehört, das wir allerdings nicht überprüfen konnten: Der Ort Bugarach soll selbst ein großes Interesse daran haben, auf diesem Wege bekannt zu werden. Insbesondere der Bürgermeister soll sich intensiv für die Verbreitung des UFO-Rettungs-Mythos engagieren. Wenn das so wäre, wäre es sicher ein Meisterstück der Tourismusförderung – allerdings nur bis zum 21.12.2012. Offiziell ist der Bürgermeister auch nur genervt.

Es wäre traurig, wenn die Gegend rund um den Pic de Bugarach durch exzessiven Esoterik-Tourismus Schaden erleiden würde. Diese Region im Süden Frankreichs bietet Wanderern, Reitern, Fahrrad- und Motorradfahrern und vielen anderen Reisenden wunderbare Erlebnis- und Erholungsmöglichkeiten. Schon der Name „Katharerland“ verweist auf die reichhaltige Geschichte der Region. Im Mittelalter fanden hier die Ketzerverfolgungen statt, in deren Folge die zahlreiche Gemeinschaft der „Reinen“ (das bedeutet Katharer in etwa) ausgelöscht wurde. Die Ruinen der Burgen dieser Gemeinschaft sind noch heute auf den umliegenden Gipfeln zu sehen und zu besuchen.

Vor allem aber lässt sich die Gebirgslandschaft am Rande der Pyrenäen erwandern. Kurze Ausflüge erschließen ganz unterschiedliche Eindrücke, vom Hochgebirge über ausgedehnte Weinpflanzungen (Verkosten lohnt sich!) bis hin zu weitläufigen, zum Teil begehbaren Höhlen, die bereits von Steinzeitmenschen bewohnt waren – auch das ein Aspekt der langen Kulturgeschichte der Region, die allerdings noch sehr viel weiter zurückreicht. Im nahegelegenen Tautavel werden frühmenschliche Fossilien aufbewahrt, die ungefähr 450.000 Jahre alt sind.

Es besteht Grund zu der Annahme, dass die Menschen dort im Süden Frankreichs auch mit möglichen UFO-Pilgern recht gut fertig werden, wenn diese denn im Dezember wirklich in größerer Zahl eintreffen sollten (und auch mit den Fernsehteams). Vielleicht ist es die lange Tradition, die sie so entspannt dem 21. Dezember entgegensehen lässt. Schließlich hat das Languedoc schon so einiges erlebt und überlebt – warum nicht auch den Weltuntergang?

Und wenn das Languedoc den 21.12.2012 übersteht – dann sicher auch Aschersleben!
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