Onkel Herberts Lebensgeschichte geht weiter

Heute stelle ich die nächsten Episoden aus den Lebenserinnerungen meines Onkels vor.

Sondereinsatz „Rübezahl“ 1943


Februar 1943
Ich war nach meiner ersten Verwundung (rechte Ferse) bei der Genesungskompanie in Görlitz gelandet. Ich konnte nur kurze Strecken laufen.

Eines Tages musste ich zu einer Aussprache zum Kompaniechef. Ergebnis: Ich und einige andere sollten auf einen Sondereinsatz vorbereitet werden, kein Auslandseinsatz, sondern auf deutschem Boden, sogar in Schlesien. Mehr wurde in den ersten Tagen nicht bekannt. Sondereinsatz heißt auch besondere Ausbildung.

In Schulungen und Ausbildungsstunden wurden polnische Handfeuerwaffen, wie Gewehr, Pistole, MG vorgeführt, auch Kapp–Messer wie sie Fallschirmjäger hatten. Dasselbe auch mit tschechischen Waffen aller Art. Etwa 3 Wochen war ich dabei. Es gab auch Sonderverpflegung, fast das doppelte an Fleisch, Fett u. a. Die Ausbildung sollte 4 Wochen dauern.

Nach 3 Wochen bekam ich auf einmal Fieber, 41°C und mehr. Also ab in die Sanitätsstube, so eine Stube hatte jedes Regiment. Ich schluckte jede Menge Tabletten, nach einer knappen Woche die Diagnose: Wolhynienisches - Fieber.
DreiTage hohes Fieber, drei Tage geringes Fieber. Auslöser war eine Mücke, die in den Sumpfgebieten von Russland vorkommt, und da war ich ja 1942 lange genug gewesen. Der Sondereinsatz fand ohne mich statt. Meine Kameraden waren einfach weg, keiner wusste wohin, keiner sagte etwas, nach der Parole: „Feind hört mit.“

Ich bekam in den letzten Februartagen Vier Wochen Genesungsurlaub, danach ging es gleich zur Marschkompanie in Liegnitz. Hier wohnten meine Cousine Cilchen Spottke und Erika Zelder. Genau am 31.3.1943 trafen ich und viele andere an der Front ein. Ich wurde gleich einen Tag später von einem Explosionsgeschoss verwundet, Splitter im Rücken.

Im Monat kamen éin bis zweimal Ersatzsoldaten an die Front, um die Verluste an Toten und Verletzten wieder auszugleichen. Es war wohl im Juni oder Anfang Juli, als ein Kamerad kam, der bei dem Sondereinsatz dabei war. Was ich jetzt schreibe, habe ich nicht erlebt, sondern fußt auf den Erzählungen dieses Kameraden. Er hatte das EK 1, die Partisanenmedaille und war zum Unteroffizier befördert worden.

Noch vorweg genommen, bei dem Sondereinsatz gab es auf deutscher Seite keine Toten, nur ein paar Leichtverwundete.

Das Einsatzgebiet war das Riesengebirge, auf deutscher und tschechischer Seite. Dort hatten sich kleinere Partisanengruppen gebildet, aus polnischen Zivilisten (Ostarbeiter), entflohenen Kriegsgefangenen (Russen, Polen auch Engländer).
Diese Partisanengruppen lebten getarnt in den Dörfern, sie gaben sich als Waldarbeiter, Straßenarbeiter, Eisenbahnbauer u.ä.aus.

Eines Tages hatte die Einsatzgruppe Alarm. Es sollten 6 Partisanen erschossen werden. Das Erschießungskommando bestand auch aus 6 Soldaten, ein Hauptmann kommandierte das Ganze. In einer Sandgrube, abseits der Wohnstätten, kamen 2 LKWs an, auf jedem 3 Partisanen und deren Bewacher und späteren Mörder. Die Partisanen bekamen Augenbinden um, Handfesseln hatten sie schon. Vor einem breiten Loch mussten sie sich aufstellen, etwa 10-15 m entfernt war das Erschießungskommando. Der Hauptmann hatte sich auf einem felsigen Hügel postiert, von dort aus kommandierte er. Die 6 Soldaten warteten auf den Befehl „Feuer frei“. Als der ertönte, richteten die 6 Soldaten, wie auf Kommando, die Gewehre gegen den deutschen Hauptmann, sie schossen und er kippte um, rollte einige Meter von seinem Hügel und blieb liegen.

Die Soldaten und LKW-Fahrer verbündeten sich mit den Partisanen, befreiten sie von den Fesseln und Augenbinden. Die Partisanen waren frei. Eine Flasche Schnaps machte auch die Runde. Die Partisanen wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Ein Obergefreiter der Deutschen machte den Sprecher: „Wir, die deutschen Soldaten wollen zu den Partisanen überlaufen und gegen die Wehrmacht kämpfen.“ Gesagt, getan. Die LKWs wurden belegt, das 2. Fahrzeug wurde als Gefangentransport getarnt. Sie hatten sogar die entsprechenden Papiere mit, wie Marschbefehl, Einsatzpapiere und ähnliches.

Die Fahrt ging in Richtung Riesengebirge, ziemlich nah an der tschechisch-deutschen Grenze. Dort hausten in Waldhütten, Zelten, Höhlen u. ä. die Partisanen. Die Deutschen Bewacher wurden von der Partisanenleitung separat gehalten und mehrere Tage verhört. Das Ergebnis war für beide Seiten positiv. Die Deutschen wurden in 3 Partisanengruppen integriert, bekamen Partisanenkleidung und auch Waffen.

Einer der Deutschen hatte einen Peilsender, der als Taschenlampe getarnt war an seinem Körper, die Partisanen hatten ihn nicht entdeckt. Also wusste man auf deutscher Seite, wo sich die Gruppe befindet. Immer zur vollen Stunde wurde der Peilsender heimlich für 5 Sekunden angestellt.

Die Partisanen erhielten eines Tages den Auftrag, einen Munitionszug der Reichsbahn in die Luft zu sprengen. Die Partisanengruppe bestand aus 4 Polen, 2 Tschechen und 3 Deutschen. Der Einsatz ging schief, die ganze Gruppe wurde von deutschen Wehrmachtssoldaten gefangen genommen. Die deutschen Partisanen wandelten sich wieder zu deutschen Soldaten, bekamen Orden, Beförderung und Urlaub usw.

Die anderen 3 Deutschen hatten einen Einsatz in den Waldenburgischen Bergwerken (schlesische Steinkohle). Dort wurde ein Förderschacht gesprengt und völlig zerstört. Die Gruppe kam ohne Verluste zu den Partisanen zurück. Ein weiterer Einsatz war die Zerstörung von 2 Brücken, eine Eisenbahnbrücke und eine Straßenbrücke. Die Straßenbrücke war der letzte Einsatz, alle gerieten in deutsche Gefangenschaft, es gab auch 2 Tote.

Durch die Anwesenheit der 6 deutschen Soldaten bekamen die Deutschen viel Einblick in die Struktur der Partisanenorganisation gewonnen. Daraufhin wurden durch Polizei, Gestapo, Feldgendarmerie, Kriminalpolizei Dutzende von Partisanen aufgegriffen, getötet oder gefangen genommen.

Alle Deutschen waren heil davon gekommen und hatten das EK 1 erhalten. Der geheime Leiter der Operation (ein Offizier, den keiner kannte, es soll der Offizier gewesen sein, der „Feuer frei“ befehligt hatte) bekam das Ritter-Kreuz. Alle bezogen 4 Wochen Sonderurlaub in deutscher Uniform und anschließend landeten sie bei ihren alten Kompanien an der Front.

Zwischenzeitlich hatten einige Soldaten den Einsatz als Sondereinsatz „Rübezahl“ benannt, aber aus Geheimhaltungsgründen wurde der Name nicht offiziell verwendet.
Die Partisanentätigkeit im Riesengebirge an der deutsch-tschechischen Grenze war für Monate zum Erliegen gekommen.
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7 Kommentare
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 26.11.2014 | 22:54   Melden
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 27.11.2014 | 07:30   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 27.11.2014 | 13:11   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 27.11.2014 | 17:22   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 27.11.2014 | 19:55   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 27.11.2014 | 20:18   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 29.11.2014 | 11:04   Melden
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