Weitere Anekdoten vom Onkel Herbert - Jugenderinnerungen

aus den handschriftlichen Aufzeichnungen
Diesmal möchte ich die Reihe zu den Erinnerungen meines Onkels Herbert mit einem Beitrag aus der Kindheit und Jugend fortsetzen. Wenn man das Geschriebene liest, ist man erstaunt, wie Kinder doch früher mit körperlichen Strafen erzogen wurden. Das Geschehen handelt in den Jahren 1935 bis 1937.

Jugend- und Schulerinnerungen Teil 1


Als ich seit sieben Jahren zur Schule ging, war ich der Schnellste und der Beste im Weitspringen. Im 100-Meter-Lauf hatte ich beim Frühjahrs-Sportfest (gemeinsame Veranstaltung vom Jungvolk und der Schule)die Spitze erreicht. Schnell und flink waren meine Stärken, mit nur 1,50 m zur Konfirmation (1937) war ich aber auch der Kleinste.
Da es des öfteren unter der Dorfjugend, alle gingen in eine Schule, Zank und Streit gab, wollte jeder dabei seine Stärken ausspielen. Auf eine Keilerei Mann gegen Mann konnte ich mich nicht einlassen. Im gegenseitigen Beschimpfen, aber mit dem gehörigen Abstand, galt ich dagegen etwas.
Als einmal der Größte und Dickste, er wog schon als Schulkind an die 2 Zentner, hinter mir her war, lief ich vorneweg und er wutentbrannt hinter mir her. Kreuz und quer lief ich durch die Gegend und so, dass er meinte mich einkriegen zu können. Eine Distanz von etwa fünf Metern hielt ich ein.
Seine Wut war groß, denn er konnte mich nicht erreichen.

Einmal lief ich in eine Siloanlage, vor mir eine fast leere Grube nur angefüllt mit Silo- und Regenwasser, eine stinkende Brühe. Solange die Oberfläche nicht angerührt wurde, gab es kaum Gestank, da eine Kamschicht die Oberfläche abschloss. Die Miete war oben etwa zwei Meter breit und unten also etwa 50cm mit dieser Brühe angefüllt. Das Walroß, so wurde der dicke Knabe genannt war wieder einmal hinter mir her. Ich übersprang elegant die Grube und der Junge wollte es mir gleichtun. Er kam nicht bis auf die andere Seite und platschte rückwarts in die Silage-Brühe.
Kurz war er untergetaucht und kam dann wieder an die Oberfläche. Sein Kopf mit allerlei Dreck verziert.
Da die Wände glitschig waren, konnte er die Grube nicht verlassen, er rutsche immer wieder ab, die Wände waren etwa zwei Meter nur hoch und leicht schräg. Inzwischen hatte sich die gesamte Dorfjugend eingefunden.
Seine Freunde zogen ihn schließlich aus der Tiefe mit Hilfe eines langen Astes. Der Koloß war so fertig, das er nicht einmal stehen konnte, als er endlich oben war.
Seinen Schultornister hatte er bei unserem Dauerlauf schon vorher verloren. Es war das einzige Stück, das nichts von der Jauche abbekommen hatte.
Langsam verlief sich der Zuschauerhaufen. Und Fritz, so hieß mein Opfer ging ganz langsam nach Hause.Was ihn zuhause erwartete, das weiß ich nicht.
Am Abend gab es für mich ein Nachspiel. Als die Mutter des Fritz gegen 19 Uhr nach Hause gekommen war, sah sie die Bescherung und tauchte alsbald bei meinen Eltern auf, mit einem Bündel schmutziger Kleidung.
Ich muß erwähnen, der Junge und seine Mutter sowie zwei Schwestern gehörten damals zur sogenannten Dorfarmut. Von einem Vater wußte ich nichts.
Meine Eltern hatten auch nicht viel mehr Geld, aber als Haus- und Hofbesitzer galten wir als bessere "Dorfklasse".
Zuhause hatte ich also vom Vorgang an der Silogrube nichts gesagt. Der Knabe hatte sich bis seine Mutter kam nicht gewaschen. Fritzens Mutter kam lautstark und wie ein Furie in unser Haus. Sie nannte mich ein Ungeheuer und Teufel in Kindergestalt. Was sonst noch alles aus dem Mund der Frau, weiß ich nicht mehr.
Dann hörte sich meine Mutter an, was ich dazu zu berichten hatte. Als mein Vater kam, ging alles noch einmal von vorne los.
Die Frau forderte neue Kleidung für ihren Sohn und auch Schmerzensgeld und wer weß was sonst noch. Nach einer Stunde verschwand sie aus unserem Haus, das Büdel verdreckter Kleidung lies sie liegen. Am nächsten Tag lam Fritz nicht in die Schule, er hatte nichts zum Anziehen. Aus diesem Grunde erfuhr unser Lehrer die ganze Geschichte. Von meinem Vater hatte ich bereits ein Tracht Prügel erhalten.
Zum Zwecke der körperlichen Bestrafungen gab es in unserem Hause für leichtere Fälle eine Birkenrute, die steckte gleich hinter unserem Spiegel. Schwere Fälle wurde mit dem Lederriemen (Militärkoppel) geahndet und in ganz schweren Fällen eine 5 riemige Peitsche, den 6. hatte ich mal abgeschnitten, da war nämlich ein krummer Nagel im Leder gewesen.
Dieses Mal war Peitsche Nr. 3 dran, aber erst als die Mutter meines Opfers das Haus wieder verlassen hatte.
Also der Lehrer meinte auch, noch mich bestrafen zu müssen. Ich mußte die Hose runterlassen und die ganze Klasse sah mich „blank“. Als der Lehrer mein zerschundenes Hinterteil sah, senkte er seinen Bambusstock. Die beiden anderen Jungen, die mich festhalten mussten, bekamen diesmal nichts zu tun.
Eine Stunde lang frug der Lehrer die anderen Jungen aus, die auch als Zuschauer dabei waren. Ich saß dabei und sagte kein Wort. Mein Rücken, Hintern und meine Oberschenkel ware blutunterlaufen. Wie oft die Riemenpeitsche auf mich herabgesaust war, das weiß ich nicht. Wenn sie in Aktion trat, verschwand meine Mutter anfangs. Erst als meinVater nicht aufhörte und ich wie am Spieße schrie, mengte sie sich dazwischen und ich war „frei“.
In der Schule konnte ich kaum sitzen und laufen war auch beschwerlich.
Fritz kam sauber gewaschen am übernächsten Tag wieder in die Schule, er stank nicht mehr nach Silagejauche und er war frisch und munter.
Zu mir sagte er kein Wort und ich sprach auch nicht mit ihm, der „Frieden“ war vorerst hergestellt.
Nach zwei Tagen sprachen wir wieder miteinander. In der Schule gab es eine Rechenarbeit und er wollte von mir abschreiben. Ich lies es großzügig zu. Als wir nach ein paar Tagen die Arbeit zensiert zurück bekamen, hatte er eine bessere Note als ich!!!
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6 Kommentare
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Martina I. Müller aus Halle (Saale) | 05.11.2014 | 22:29   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 06.11.2014 | 08:21   Melden
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Karin Wagner-Lehmann aus Aschersleben | 06.11.2014 | 14:21   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 29.11.2014 | 11:07   Melden
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Siegfried Behrens aus Halberstadt | 29.11.2014 | 19:23   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 29.11.2014 | 19:55   Melden
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