Unter schwarzer Flagge - eine erfundene Geschichte.

Endlich ist es soweit!

Was für ein herrliches Gefühl, wieder Planken unter den Füßen zu spüren. Ich schließe die Augen, und achte auf das sanfte Schaukeln des Schiffes. Tief ziehe ich die Seeluft in die Lungen, drehe mein Gesicht in die Sonne, und breite die Arme aus. Das schwere Leinen meines Hemdes rutscht über die Unterarme, und entblößt die blassen Narben an den Handgelenken. Ich blinzle leicht in die Sonne der Karibik, und lächle. Dann öffne ich meine Augen ganz.

"Bootsmann! Anker lichten! Wir laufen aus". Der Bootsmann nickt "Aye Sir! - Auf ihr faulen Säcke, an die Ankerspill! Kreuzmast anbrassen! Großmast anbrassen! Besaaan anbrassen! Steuermann - in den Wind, Kurs...?" – der Bootsmann sieht mich fragend an.

"Kurs 170 Grad, Bootsmann" erwidere ich, immer noch in die Sonne blinzelnd. "Wir fahren nach Maracaibo." "Steuermann, Kurs 170, dreh die Lady in den Wind, wir besuchen die Spanier!"

Langsam drehen sich die Rahen, und sanft fährt der Wind in die Segel, wirbelt sie auf, wirft Falten, bis sie schließlich voll aufgebläht sind. Schon dreht sich mein Schiff in die Wellen, und nimmt langsam Fahrt auf. Mein Herz klopft wie wild, während der Bootsmann die Mannschaft die Wanten rauf und runter brüllt. So viele Jahre habe ich warten müssen nach meiner letzten Fahrt. Der Anker ist auf, die Ankerspill wird festgelegt, die Männer atmen durch, und blicken auf die Flaggen. Es wird ihnen so gehen wie mir. In einer halben Stunde werden wir Tortuga aus den Augen verlieren. Und wenn der Teufel will, werden wir es nie wieder sehen! Wieder schließe ich die Augen. Sieben Jahre ist es her, als ich das letzte mal auf Kaperfahrt war. Ich denke an das Gefecht, das fast einen ganzen Vormittag dauerte. Den Rest wische ich aus meiner Erinnerung. "Bootsmann, lass Musik spielen. Heute ist ein Festtag. Wir sind wieder auf See!".

... Wochen später ...

"Schiff in Sicht, Kapitän! Vielleicht acht Meilen, auf unserem Kurs!"
Ich werfe mir den Rock über, und eile auf die Brücke. Der Bootsmann hält mir das Fernrohr hin. Ich nehme es, und blicke in die Richtung, die er mir zeigt. Tatsächlich - Mastspitzen. Zwei oder drei, noch nicht gut zu sehen.

"Bootsmann, näher ran. Den müssen wir näher ansehen.".
Nach einer Stunde wird das Bild schon deutlicher. Mit angestrengtem Auge blicke ich durch das Rohr, und versuche durch den morgendlichen Dunst etwas mehr zu erkennen. Das Schiff kreuzt unseren Kurs von Backbord. Immer wieder verschwimmt das Bild vor meinen Augen, und ich muss das Fernrohr absetzen. Dann sehe ich mehr.

Eine hohe Bordwand. Eine große Galionsfigur unter dem Bugspriet. Vollgeblähte Segel. Eine Flagge, aber ich kann sie noch nicht erkennen. Ein großes Schiff, aber ich kann es immer noch nicht erkennen.

Eine verdammt hohe Bordwand. Und jetzt sehe ich die Flagge genauer. Gelb-Rot. "Bootsmann, alle Mann auf Gefechtsstation! Spanier!" Während ich weiter durch das Rohr starre, erwacht mein Schiff zum Leben. Lautes Rufen erschallt auf Deck, Männer springen aus ihren Kojen, nackte Füße tappern über die Planken. Die Pulverkammer wird aufgeschlossen, der zweite Steuermann stellt sich ans Ruder. Lautes Gemurmel ist zu hören, und das Fluchen der Geschützbedienungen, als ihnen die schweren 24-Pfünder über die Zehen rollen.

Eine zweite Flagge ist hinter der ersten zu sehen. Zunächst verschwommen, dann klar. Drei goldene Kronen auf rotem Grund. Verdammt! "Kapitän, sie manövrieren!", mahnt mich mein Bootsmann. In der Tat ändert der Spanier seinen Kurs, und läuft in gerader Linie von mir weg. Er ist genau so schnell wie wir, aber wenn er nun mit der ersten Wende eröffnet, könnte er im Vorteil sein. In wenigen Minuten ist er in Feuerreichweite.

"Bootsmann, fertig an den Kanonen, Geschützklappen öffnen. Steuermann Achtung, Matrosen Achtung!". Der Bootsmann brüllt Befehle durch den Morgen, die Männer blicken konzentriert durch schmale Augen auf das andere Schiff am Horizont. Die Matrosen halten die schweren Taue in den Händen, um die Rahen sofort in die richtige Richtung zu drehen. Das Gemurmel hat aufgehört. Nur noch das Knarzen der Taue, und das Atmen der Steuermänner ist auf der Brücke zu hören.

Der Spanier öffnet die Geschützklappen ebenfalls, aber läuft immer noch auf altem Kurs. Wir haben fast Vollzeug gesetzt, und ich kann ihn trotzdem nicht schnell einholen, obwohl ich langsam näher und näher komme. Die Initiative ist auf seiner Seite, ich muss mir also was einfallen lassen. Ich nehme wieder das Fernrohr, und betrachte das andere Schiff ganz genau. Jetzt hängen sie langsam hart am Wind, und ich muss vorsichtig nachführen lassen,
damit wir nicht gefährlich auf eine Seite kommen. Die zweite Flagge...ich hab sie schon mal gesehen. "Die Hispaniola, Sir", knurrt mein Bootsmann durch die Zähne. Verdammt! Ein Kriegsschiff der spanischen Krone...ich hab mir einen würdigen Gegner ausgesucht!

"Sie eröffnen!" schreit mein Bootsmann, und tatsächlich bewegen sich die Rahen unseres Gegners. Gleich wird er nach Steuerbord ziehen, und uns vor seine Breitseite nehmen. Ich muss hinter ihm nachlaufen. "Zwanzig Grad Steuerbord, nicht anbrassen. Backbordgeschütze Achtung!". Wir müssen genug Fahrt haben, um an ihm vorbeizulaufen, doch dann haben wir nur sein Heck vor uns, und das ist dann weit weg. Aber wir haben rauen Wind, und es könnte klappen. Die Männer auf Deck fangen wieder an zu murmeln, die Anspannung ist in ihren Gesichtern zu lesen. Sechzig verkrampfte Leiber die auf meinen Befehl vertrauen. Jetzt gilts!

Die Hispaniola wendet plötzlich hart nach Steuerbord. Verdammt! Wenn ich weiter auf dem Kurs laufe, komme ich genau in ihr Feuer. Wenn ich weiter nach Steuerbord ausweiche, genauso. Und wenn ich nach Backbord ziehe, dann drückt der Wind meine Kanonenluken unter Wasser. Egal, jetzt nicht den selben Fehler machen, wie damals. "Bootsmann, Ruder hart Backbord, nachlaufen!". Die Männer auf Deck beginnen zu arbeiten. Mein Schiff legt sich bedrohlich zur Seite, ich kann nicht feuern. Ich muss genau den Kurs der Hispaniola nach-fahren, dann kann sie uns nicht unter Feuer nehmen. Der Bootsmann lächelt mir zu, er weiß was ich denke.

Wir laufen nur noch eine Meile entfernt an dem Spanier vorbei, der nun plötzlich wieder nach Steuerbord wendet. Das Blut schießt mir in den Kopf. "Es ist soweit, Männer! Steuermann, Kurs 180 Grad, wir laufen an, Backbordgeschütze fertig zum Feuern! Männer, spielt um euer Leben!".

Die Musikanten nehmen Trommel und Fidel in die Hand, und beginnen zu spielen. Und siehe da, die Männer auf Deck erwachen zum Leben, die irischen Weisen flößen ihnen Mut ein. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Die Stunde ist gekommen - "Bootsmann, setz den Jolly Roger, wir greifen an!" "Horay!", rufen die Männer, als der Knochenmann auf dem Mast tanzt. Sie blicken mit grimmigen Grinsen nach oben, und heben die Fäuste.

Nur noch ein paar Sekunden, und die Hispaniola ist vor den Mündungen unserer Kanonen. Der Geruch der brennenden Lunten dringt auf die Brücke herauf, und ich sauge ihn gierig ein. Jetzt hab ich Feuer in den Adern. Wenn sie mich jetzt träfen, ich würde nichts spüren, und ich weiß, dass es den Männern ebenso geht.

Wir laufen auf, und die Hispaniola eröffnet das Gefecht mit einem fürchterlichen Sturm aus ihren Geschützen. Vor lauter Gedonner kann ich keine Befehle mehr geben, aber das ist nun auch gar nicht mehr nötig. Unsere Kanonen feuern zugleich, und für ein paar Sekunden ist nichts mehr auf Deck zu sehen vor lauter Pulverdampf. Mit lautem Dröhnen zersplittert der Kreuzmast. Holzfetzen, Takelage und Segel krachen auf Deck, und bleiben an der Bordwand hängen. Drei, vier schwere Einschläge im Rumpf erschüttern das Schiff. Ein paar Männer unten schreien, sind dann aber sofort still. Der Pulverdampf beißt in den Augen und im Hals, und trotzdem brüllt der Bootsmann die Männer nach vorne. Die Kanonen werden wieder geladen. Wir können nicht wenden, denn das würde bedeuten, dass wir gegen den Wind kreuzen müssten, und das wäre unser sicherer Tod. Nun geht’s nur noch geradeaus voran. Die zweite Salve des Spaniers erschüttert unser Schiff. Das Schanzkleid sprengt in großen Splittern in die grüne See. Sie haben immer noch nichts Lebenswichtiges getroffen, denk ich mir. Jetzt sind wir dran. "Musikanten, spielt!"

Unter dem Klang der Fidel richten die Kanonieren ihre Geschütze auf die Hispaniola aus. Ihre Salve ist fehlgegangen, und jetzt sind wir an der Reihe. Jetzt wird sich zeigen, ob die Kanoniere Tortugas ihren Ruf wert sind.

"Feuer!" - das niederfrequente Explodieren der Kanonen fährt mir tief in den Magen. Um Gottes Willen, das hat gesessen, denk ich mir, als große Fetzen von dem Spanier in die Luft fliegen, um nach wilden Drehungen laut krachend in die See zu fallen. War das die Pulverkammer? "Jetzt holen wir sie, Kapitän, sie sind reif! Lass sie uns aufbringen!", brüllt der Bootsmann mit wilden Augen.

"Männer, klar bei Enterhaken, wir gehen aufs Schiff! Steuermann, halt drauf!". Mit wildem Geschrei lassen die Männer die Taue fahren, und holen die Säbel und Entermesser hervor. Jetzt könnte ich sie nicht mehr bändigen.

Keine Minute später knallt unser Bug auf die zerschundene Bordwand der Hispaniola. Die Männer zerren gemeinsam unter höchster Anstrengung an den Enterhaken, während sich die ersten schon zum Sprung bereit machen. Schneller als erwartet liegen wir längsseits, aber noch springt keiner der Matrosen hinüber. Sie sehen mich an.

"Los Kapitän, Prise!" ruft der Bootsmann, und hält seinen Säbel vor sein Gesicht. "Prise!" erwidere ich, und nehme Anlauf. Mit lautem Gebrüll springen wir auf das Deck des Spaniers, und alle unsere Matrosen hinterher. Unter dem Klang der Trommel und der Fidel beginnen wir unser schreckliches Handwerk.

Mit Grimm und verbissenen Gesichtern hauen wir auf die Spanier ein. Musketen krachen, Knochen brechen, Säbel hacken, grausiges Geschrei übertönt die Musik von unserer Brücke, und wir arbeiten uns über das blutverschmierte Deck zur Brücke vor. Der Bootsmann erschlägt zwei spanische Matrosen auf der Treppe, doch dann wird er zu Boden gerissen. Ich sehe ihn nicht mehr, aber das ist mir nun egal. Auf der Brücke wartet der Kapitän, und das ist meine Aufgabe.

Ich springe hinauf, und stehe ihm gegenüber, genau wie vor sieben Jahren. Das Geschrei unter mir vergeht in meinen Ohren, ich höre nur noch die Musik, und blicke in die Hasserfüllten schwarzen Augen meines Gegners. Er brüllt mir irgendwas auf spanisch zu, aber ich kann es nicht verstehen. Egal, jetzt brauchen wir nicht mehr Höflichkeiten austauschen. Jetzt sind es nur noch wir beide.

Ich halte den schartigen Rücken meines Säbels vor mein Gesicht. Obwohl ich keine Sekunde den Blick von dem gegnerischen Kapitän lasse, sehe ich die Hammerschläge im Metall, die Verwindungen, und spüre die Schwere der Waffe in meiner Hand. Er steht mir gegenüber, ein Rapier in der Rechten, und schließt seine Augen bis auf einen ganz schmalen Spalt. Wir atmen durch, und umkreisen uns langsam. Mein Säbel wird immer schwerer, und wir blicken uns immer tiefer in die Augen.

Mit einem Atemzug stürmen wir gleichzeitig auf einander ein. Obwohl ich irgendwohin geschlagen habe, sticht sein Rapier durch meinen Hals. Ich spüre keinen Schmerz, nur eine Art Behinderung durch den kalten Stahl, und einen bleiartigen Geschmack in meinem Mund. Blut stürzt mir über die Lippen, ich kann nichts mehr sehen. Ich taumle umher, und bekomme noch einen fürchterlichen Schlag von irgendwo.

Ich spüre nur noch kaltes Wasser um mich. Ich habe keinen Geschmack, kein Gefühl mehr, aber ich weiß, dass ich in der See gelandet bin. Das Schlagen der Wellen hat aufgehört, und ich öffne die Augen. Ich sehe die Rümpfe unserer beiden Schiffe von unten, und das Lodern von Flammen weit oben, über der Wasseroberfläche. Ich glaube, noch den Geruch von Pulver vernehmen zu können, aber auch das ist jetzt egal. Ich höre die Musik spielen, die Trommel und die Fideln. Mit einem gewissen Interesse, was denn nun jetzt kommen wird, sehe ich von unten auf die Oberfläche. Ich muss aber auf nichts mehr warten, und sinke tiefer und tiefer, und um mich wird es kälter und kälter.

Ich schließe die Augen, und achte auf das sanfte Schaukeln der Wellen. Tief ziehe ich das Seewasser in die Lungen, und breite die Arme aus. Das schwere Leinen meines Hemdes zieht mich nach unten, und entblößt die pochende Wunde an meinem Hals, die mit einer roten Fahne meine Fahrt in die Nacht begleitet. Ich blinzle leicht, und spüre die Wärme einer dunklen Sonne auf meinem Gesicht. Dann schließe ich meine Augen ganz.
Der Teufel hat mich wieder.

(Mit freundlicher Genehmigung - Anderl)
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3 Kommentare
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Siegfried Behrens aus Halberstadt | 30.12.2014 | 16:15   Melden
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Ralf Rappel aus Bitterfeld-Wolfen | 30.12.2014 | 16:42   Melden
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Norbert Weise aus Halle (Saale) | 31.12.2014 | 16:13   Melden
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