Lieschen Knatterstein Kinderbiografie von Karin LehmannTeil 3

Der Eintrag und Oma Martas Pflaumen


Einige Tage nach der Einschulung, sah Lieschen den dicken Jungen, auf den Schulhof stehen. Er hielt ein Brötchen in der Hand und biss herzhaft hinein. Da ist ja der Blödmann, dachte Lieschen. Sie wusste dass er Paul Barsch hieß. Lieschen rief, Paul Barsch hat ein freches Maul und ein dicken Arsch. Paul drehte sich um. Sein Gesicht lief rot an. Er prustete, sagen konnte er nichts, denn sein Mund war noch voll gestopft mit dem Brötchen. Paul holte aus und wollte Lieschen eine knallen. Lieschen bückte sich. Paul stolperte und fiel mit dem Kopf gegen einen Zaun. Er rappelte sich wieder hoch und hielt sich die Hand an den Kopf. Plötzlich ran Blut durch seine Finger. Als Paul das Blut entdeckte, schrie er wie am Spieß. Er zeigte mit dem Finger auf Lieschen und wimmerte, das war die Knatterstein. Fünf Minuten später stand Lieschen im Zimmer des Direktors. Eine halbe Stunde musste sie sich eine Standpauke anhören und dann wurde sie mit einem Eintrag in ihr Hausaufgabenheft nach Hause geschickt. Morgen sollte sie die Unterschrift von ihren Eltern bringen. So eine Gemeinheit schimpfte Lieschen und dabei kullerten ihr ein paar klitzekleine Tränen über ihre Wange. Kein Wunder, der Direktor war der Onkel von Paul Barsch. Als Lieschen zu Hause an kam war noch niemand da. Sie setzte sich vor die Haustür und überlegte. In diesen Moment öffnete sich die Tür der Nachbarwohnung und Micha steckte seinen Kopf heraus. Wollen wir spielen, fragte er. Ja wir könnten ein bisschen Rad fahren, antwortete Lieschen. Sie räumte die Bücher und Hefte aus ihren Schulranzen und steckte ein paar Kekse und eine Flasche Kakao hinein. Danach radelten sie vergnügt über die Landstraße. Vergessen war der ganze Ärger. Micha schlug vor Lieschens Großeltern zu besuchen. Er meinte die Eltern ihres Vaters und die wohnten im zwei Kilometer entfernten Nachbarort. Oma und Opa freuten sich sehr. Sie mussten erst einmal ein großes Stückchen Topfkuchen essen. Man bin ich satt, sagte Lieschen und gab Oma Marta ein Küsschen. Danach durften sie im Garten spielen. Sie bewaffneten sich jeder mit einem Spaten und gruben auf einer frisch geharkten Ackerfläche ein riesiges Loch. Darüber wurden ein paar Holzlatten gelegt und über die Latten streuten sie etwas Erde. Fertig war die kleine Höhle. Durch ein Loch direkt neben den Pflaumenbaum konnten sie rein und raus klettern, ohne dass sie gleich gesehen werden. Sie legten eine Decke in die Höhle und machten es sich darin bequem. Plötzlich machte es plums und eine Pflaume fiel direkt durch das Loch in ihre Höhle. Micha biss herzhaft in die Pflaume. Hm, die schmeckt gut sagte er. Wir pflücken ein paar Pflaumen sagte Lieschen. Sie alberten herum und merkten gar nicht, dass sie fast die ganzen Pflaumen abpflückten. Da hörten sie Oma Marta jammern. Was macht ihr denn da, die sind doch noch gar nicht reif. Sie schimpfte etwas, dann musste Lieschen soviel Pflaumen mitnehmen wie in ihren Schulranzen passen. Mutti soll sie einkochen sagte sie. Micha und Lieschen fuhren mit den Pflaumen und einem schlechten Gewissen los. Wie soll Mutti das bloß verkraften, erst die Eintragung dann die Pflaumen. Nein, die Pflaumen müssen weg. Sie nahm den Schulranzen und kippte die Pflaumen in den Straßengraben. Etwas erleichtert fuhren sie nach Hause. Lieschen lag schon im Bett. Sie hatte sich noch nicht getraut die Eintragung zu zeigen. Papa kam ins Zimmer und wollte ihr einen Gutenachtkuss geben. Er nahm sie in den Arm, da konnte Lieschen nicht mehr und weinte. Papa strich ihr übers Haar, da brach es aus Lieschen heraus und sie erzählte Papa alles. Er verlangte die Eintragung und als er sie gelesen hatte, unterschrieb er, ohne etwas zu sagen. Er gab ihr einen Kuss und erhob sich. Als er das Zimmer verlassen wollte drehte er sich noch einmal um und sagte, das bleibt unter uns. Ja Papa, flüsterte Lieschen und schlief zufrieden ein.




Ferien bei Oma und Opa Knatterstein



Die Wochen vergingen, Lieschen war fleißig in der Schule und brachte gute Noten nach Hause. Papa freute sich sehr und lobte Lieschen in hohen Tönen. Endlich waren Ferien und Lieschen durfte mit Rieke ein paar Tage zu Oma und Opa Knatterstein. Es waren unvergessliche Tage. Opa wollte zur Aschenkuhle. Er packte den Handwagen voll und dann zogen sie zu dritt los. Zur Aschenkuhle ging es immer bergauf. Das was sehr beschwerlich, aber Rieke und Lieschen halfen kräftig schieben. Zurück war es toll. Opa setzte sich vorn in den Handwagen und packte mit den Beinen den Lenker. Rieke und Lieschen hockten sich hinter Opa und dann ging es bergabwärts bis nach Hause. Das war ein Jubel. Oma hat uns dann mit einer Linsensuppe überrascht. Das war Lieschens Lieblingsessen. Aber was hat Oma heute gemacht. Sie meinte es gut und hat Pflaumen und Rosinen daran gekocht. Extra für euch verkündete sie freudig und füllte die Teller randvoll. Rieke und Lieschen stachelten, in ihrer sonst Lieblingssuppe, herum. Geht es euch nicht gut fragte sie besorgt. Lieschen nickte und Rieke fing an zu weinen. Sie brachte uns dann ins Bett und deckte beide mit einer riesigen Federecke zu.
Im Sommer war es kuschlig im Zimmer, aber im Winter. Das Zimmer hatte keinen Ofen. Die Betten waren klamm. Die Wände glitzerten vereist und an den Fensterscheiben wuchsen die schönsten Eisblumen. Oma hatte dann einen Mauerstein auf den Ofen gelegt und wenn er schön warm war, wickelte sie ihn in ein Handtuch und legte ihn ins Bett. Dann hatten wir warme Füße und spürten die klamme Bettdecke nicht so.

Am anderen Tag baute Opa für jeden eine Pistole, aus Holzklammern und einen Farad schlauch, den er in Streifen schnitt und die Klammern damit verband. Wir nahmen uns eine Hand voll trockene Erbsen und dann konnten wir schießen. Aber nicht auf Menschen zielen warnte uns Opa. Dann durften Lieschen und Rieke mit zur Koppel. Opa musste die Kühe hüten. Das war interessant. Rieke und Lieschen versuchten auf den Kühen zu reiten, aber die Kühe hatten dazu keine Lust. Als sie nach mehrmaligen Versuchen immer wieder im Gras landeten, gaben sie schließlich auf. Lieschen war wütend und schlug vor die Kühe etwas zu ärgern. Sie holten ihre Pistolen aus der Tasche und schossen die Kühe immer auf ihre Hinterteile. Rieke lachte laut wenn die Kühe getroffen über die Koppel sausten. Irgendwann merkte auch Opa dass seine Kühe so aufgebracht waren und warum. Wir durften dann nicht mehr bleiben und mussten zurück nach Oma.
Lieschen und Rieke kletterten auf den Hausboden um etwas herum zu stöbern. Es gab nichts Interessanteres als in Omas Schränke zu wühlen. Es gab soviel zu entdecken. Dort lag in einem alten Schrank ein dickes, verstaubtes Buch. Abends im Bett blätterten Rieke und Lieschen in diesem Buch. Es war ein altes Docktorbuch. Dort haben sie zum ersten Mal Menschen ohne Bekleidung gesehen. Das war toll. Zuhause wurde über solche Sachen niemals geredet. Am nächsten Tag war das Buch verschwunden. Wir haben es niemals wieder gesehen. Oma hat uns auch nicht darauf angesprochen. Sie hat es ganz diskret entsorgt. Eigentlich schade, dachte Lieschen.

Als wir eines Tages wieder mal alleine oben im Zimmer waren, hörten wir ein leises miauen. Oma hatte eine Katze, aber das hörte sich nicht wie unsere Katze an, eher wie kleine Kätzchen. Wir gingen den Geräuschen nach. Es kam irgendwie aus der Wand. Direkt unter dem Fenster, war das Miauen am stärksten. Wir wussten dass sich hinter dem Bett eine kleine Luke befand. Lieschen schob das Bett zur Seite und öffnete die Luke. Es knarrte und quietschte laut. Rieke hielt den Finger vor den Mund und machte, passt. Lieschen winkte ab und sagte, Oma und Opa hören schwer, hab keine Angst. Hinter der Luke befand sich ein kleines Kabuff mit vielen Spinnweben. Von dort ging ein winzig kleiner Gang zwischen Dach und Zimmerwand entlang. Hier war das miauen am lautesten. Es war aber ziemlich dunkel und man konnte nichts erkennen. Da plötzlich kam unsere Katze aus der Dunkelheit, aber das Miauen hörte immer noch nicht auf. Rieke du musst dahinter kriechen und nachsehen, sagte Lieschen, ich komme nicht durch, aber du bist klein. Rieke nickte und verschwand in dem dunklen Gang. Nach einer Weile hörte ich sie rufen, dass etwas Licht durch die Dachziegel scheinen würde. Dann war es still. Lieschen ruft Riekes Namen, immer und immer wieder, aber Rieke antwortete nicht. Dann plötzlich hörte sie Rieke leise wimmern. Lieschen, hier sind drei kleine Kätzchen, aber ich komme nicht wieder raus. Es nützte alles nichts, sie musste Hilfe holen. Zum Glück, im Unglück, tauchte Papa auf um nach uns zu sehen. Das war eine Aufregung. Irgendwie schaffte es Papa Rieke dort raus zu holen. Sie hatte sich so verkeilt weil sie die kleinen Kätzchen nicht loslassen wollte. Jetzt saß Rieke im Zimmer völlig staubig, das Gesicht verdreckt mit Tränen verschmiert und voller Spinnweben, auf den Arm drei kleine Kätzchen und lächelte uns an. Allen saß noch der Schreck im Nacken, da fing Papa laut an zu lachen. Zwei Kätzchen bekamen die Nachbarn und eine wollten Oma und Opa behalten. Darüber freute sich Rieke und es waren noch ein paar schöne Ferientage. Nur auf Omas Plumpsklo wollten wir nicht mehr gehen. Wenn man durch den Deckel schaut ging es tief hinunter und dort schwamm eine dunkle Brühe. Eines Tages als Lieschen auf dem Klo saß, krabbelte eine Spinne über ihr Hintern. Lieschen sprang laut schreiend hoch, rannte auf den Hof und landete mit herunter gezogener Hose in einem Ameisenhaufen. Das waren Schmerzen. Lieschen saß eine Stunde auf einen Eimer mit kalten Wasser um die Ameisenbisse zu kühlen. Oma behandelte sie anschließend noch mit einer kühlenden Salbe. Wir sind niemals wieder auf dieses Plumpsklo gegangen.

Karin Lehmann
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4 Kommentare
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Karin Wagner-Lehmann aus Aschersleben | 22.11.2014 | 08:18   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 22.11.2014 | 17:58   Melden
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Karin Wagner-Lehmann aus Aschersleben | 23.11.2014 | 09:24   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 23.11.2014 | 11:22   Melden
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