Manchmal kommt es doch auf die Größe an! Rotary Club Aschersleben zu Gast in Firma Schiess, 17.11.2015

Einständer-Hobelmaschine aus Gründerzeit
 
Doppelständer-Hobelmaschine aus Anfangszeit
 
Herr Clemenz erläutert die Geschichte des Unternehmens
Am 17.11.1846 eröffnete Carl Zeiss in Jena eine feinmechanische Werkstätte, um filigrane Teile zu fertigen. 11 Jahre später gründen die Maschinen- und Gießereimeister Heinrich Billeter und Wilhelm Klunz in Aschersleben ihre Maschinenbauanstalt, um größere Maschinen zu bauen. Zunächst als reine Reparaturwerkstatt 1857 gegründet, folgte 1858 eine kleine Gießerei, später der Schleifmaschinenbau, aber auch der Bau von Rübenwaschmaschinen. Im Jahre 1877 wurde die erste Einständer-Hobelmaschine konstruiert. Ein solche Maschine aus der Gründerzeit konnten die Mitglieder des Rotary Club Aschersleben im Hof der heutigen Firma Schiess bestaunen.
Herr Clemenz, stellv. Betriebsratsvorsitzender und Herr Engler, in 4. Generation Service-Mitarbeiter in Aschersleben, führten die neugierigen Besucher über das Gelände.
Heute kaum noch vorstellbar, waren diese Hobelmaschinen damals eine echte Innovation und wurden ständig weiterentwickelt, so dass Aschersleben damit Weltruf erlangte. Mit diesen Maschinen konnten große Teile in einem Stück bearbeitet werden. Bohrmaschinen und Drehmaschinen unterschiedlichster Art komplettierten das damalige Sortiment.
Nachdem Wilhelm Klunz bereits 1864 aus dem Unternehmen ausgeschieden war und Heinrich Billeter 1894 verstarb, führten seine Söhnen das Unternehmen erfolgreich in das 20. Jahrhundert. 1902 wurde die erste Doppelständer-Hobelmaschine mit einer Hobelbreite vom 1,25 m. Die gute allgemeine Wirtschaftslage, aber auch die Vorbereitungen für den 1. Weltkrieg, verschaffen dem Unternehmen beste Voraussetzungen, fast 300 Mitarbeiter werden beschäftigt. Trotz Sortimentsverfeinerungen zwingt die Weltwirtschaftskrise das Unternehmen in die Knie, eine Bürgschaft der Stadt Aschersleben rettet aber das Unternehmen. Ob das heute noch möglich wäre, fragten sich einige Besucher. Diese Unterstützung, Aufträge aus der damaligen Sowjetunion und die Kooperation mit einer amerikanischen Firma führen das Unternehmen wieder zur Weltspitze. 1932 wird die erste Großhobelmaschine - die Hobelbreite beträgt nun 4,25 m! Die stetig weiterentwickelte Flachschleifmaschine war wieder ein Durchbruch in der bisherigen Technologie bei der Bearbeitung von Führungsbahnen und stellte viele Jahre Weltspitze dar!
Auch der 2. Weltkrieg brachte den Unternehmen zunächst neue Aufträge, einerseits für Waffen, anderseits durch verstärkte Nachfrage nach Werkzeugmaschinen. Nun zählte man über 1.150 Beschäftige im Unternehmen, allerdings auch waren 185 davon auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Zum Ende des Krieges verließen die Firmeninhaber mit dem Abzug der US-Soldaten die Stadt.
Da die Anlagen und Gebäude fast nicht beschädigt worden sind, fing man nun unter der Leitung des Treuhänders der sowjetischen Militärverwaltung wieder von vorn und klein an – mit der Herstellung von Handwagen. Nach kurzer Zeit wurde die klassische Produktion wieder aufgenommen. Mit 200 Leuten startete man 1946 als VEB WEMA Aschersleben. Trotz aller widrigen Umstände infolge des Krieges (Reparationsleistungen, fehlende Rohstoffe, allgemeine Versorgungsprobleme) schafft die ca. 1000 Mitarbeiter in den 1950-er wieder die Größe alter Zeiten: Das Unternehmen, gegründet in der Magdeburger Straße, wurde auf dem Gelände der ehemaligen Junkerswerke beachtlich erweitert, um auf ca. 13.000 m² Großhobelmaschinen zu bauen, die weltweit gefragt waren. Man hatte nun eine eigene Berufsausbildung, eine Forschungsabteilung und fast 1.700 Beschäftigte. Mit der Anschaffung von NC-Werkzeugmaschinen, einer EDV-Abteilung und der Eigenproduktion von Sondermaschinen, aber auch von Waschmaschinentrommeln im Rahmen der Konsumgüterproduktion, war das Unternehmen zum Ende der DDR recht gut aufgestellt: das Unternehmen erwirtschaftet hohe Valutamark-Beträge, fast 2.250 Beschäftige arbeiten in Aschersleben.

Mit der Wende kommt wie für fast alle Unternehmen der Einbruch. Mit der Schiess AG aus Düsseldorf kommt eine neuer Eigentümer, der die Werkzeugmaschinenfabrik Aschersleben GmbH in die Schiess AG – Niederlassung Aschersleben umfirmiert und Investitionen von 20 Mio. D-Mark zur Erneuerung des Unternehmens veranlasst. Allerdings wurden nicht mehr als benötigt angesehene Betriebsteile stillgelegt und 1.500 Mitarbeiter entlassen. 1993 wurde die Mutterfirma Schiess in Düsseldorf vom der Bremer Vulkan übernommen. Deren Insolvenz 1996 brachte Schiess Aschersleben in arge Bedrängnis: Insolvenz, ausbleibende Löhne, der Verlust der Bestandsmaschinen und ein Neustart mit 60 Mitarbeitern konnte trotz aller Bemühungen nicht erfolgreich sein.
Erst die Übernahme des Betriebs durch einen chinesischen Investor konnten den Markennamen und den jahrhundertalten, ausgezeichneten Ruf der Werkzeugmaschinen aus Aschersleben retten. Die Shenyang Machine Tool Group (SYMG), 20.000 Konzernbeschäftige, investierte Millionenbeträge zum Erhalt des Standortes. 3 deutsche Konstruktionsbüros, eines davon in Aschersleben, schreiben heute die Entwicklung moderner Werkzeugmaschinen der Gründer fort. Neben Auftragsarbeiten werden Prototypen entwickelt, die dann mittels Schwertransport und Schiff auf Ihre fast 3-monatige Reise in alle Ecken der Welt gehen. 240 Mitarbeiter und 20 Auszubildende, die auch oft übernommen werden, arbeiten heute in den Hallen des Unternehmens. Für uns Besucher war es beeindruckend, dass dort neben der modernen, vollautomatischen Hobelmaschine auch noch Maschinen millimetergenau arbeiten, die bereits 60 Jahre und mehr alt sind. Das spricht für die Qualität! Einige Maschinen, die dort gebaut werden, sind so groß, dass sie eigentlich vollmontiert gar nicht mehr in die Halle passen. Diese Maschinen sollen dann am späteren Aufstellort Teile für Kraftwerke herstellen. Umso faszinierender ist es, wenn auf einer so riesigen Maschine dann ein Mikroskop steht, um die 1000-stel Millimeter Einstellung eines sehr, sehr dünnen Ausrichtungsdrahtes zu justieren. Dort und auch an anderen Stellen des Unternehmens kommet übrigens Technik der Marke Zeiss zum Einsatz!
Die Mitglieder des Rotary Club Ascherleben, danken für diese überaus interessanten Ausführungen, denn einigen war doch gar nicht bewusst, welchen Weltruf wir hier einmal hatten. Danke und gutes Gelingen!
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.ZEITUNG | Erschienen am 03.12.2015
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