30 Jahre Designer-Mode in Aschersleben - ein Jubiläum besonderer Art

Unter anderem mit diesem Modell wurde der Antrag auf die Selbständigkeit gestellt.
Aschersleben: Stadt |

Wir lebten auch nicht hinter dem Mond.

Vor einiger Zeit las ich in einer großen, überregionalen Tageszeitung einen Beitrag über ein Modegeschäft in Berlin. Da sollen schon zu DDR Zeiten selbstkreierte Modelle für Damen angeboten worden sein. Also nicht nur das, was die Konfektions-Industrie hergab, sondern individuelle, selbstentworfene Stücke. Und man schrieb, es sei das einzige in der ganzen DDR gewesen.

Nun da erinnerte ich mich, solch eine Boutique gab es auch in Aschersleben. Im Herbst 1983 hatte ich die Möglichkeit, eine Modenschau zu besuchen. Ein junger Mann, von Beruf Abteilungsleiter bei einer Bank, schneiderte in seiner Freizeit. Zuerst nur für seine Frau. Er wollte sie einfach schön und elegant gekleidet wissen. Das war mit der gängigen Konfektion schwer zu erreichen und es genügte ihm bald nicht mehr, sie von der "Stange" einzukleiden.

Der Inhaber der Modeboutique, Herr Springer entwarf also ursprünglich Stücke nur für seine Frau. Schnell stellten Freunde und Bekannte fest, die Gattin ist einfach immer besonders chic gekleidet. Woher diese attraktiven Modelle kämen, wollte man nun auch wissen.

Da entschloss er sich, sein Talent zu nutzen, um sich in dieser Branche selbständig zu machen. Er wollte nicht noch viele seiner Arbeitsjahre bis zur Rente am Schreibtisch verbringen und eben etwas anderes probieren.

Eigentlich hatte er als junger Mann nicht vor, bei einer Bank zu arbeiten. Er zeichnete schon als Kind gern Kleider für Prinzessinnen. Seine Entwürfe hätten wohl auch gereicht für eine Ausbildung an der Kunsthochschule Berlin. Da verlangte man aber für das Fach Modezeichnen auch eine Schneiderlehre, die er nicht vorweisen konnte. So kam er zu einem Praktikum zur Notenbank in Aschersleben. Er blieb viele Jahre und arbeitete sich bis zum Abteilungsleiter hoch.
Aber seine Ideale hat er in den vielen Jahren nicht aus den Augen verloren.
Und so schneiderte er diese wunderbaren Modelle, mit denen er den Antrag für seine Selbständigkeit stellen konnte. Vier Stücke hatte er zur Begutachtung beim Obermeister einzureichen und zwar eine Hose, eine Weste, eine Bluse und ein Kleid. Er bekam die Stufe 1 zuerkannt, ein Zeichen für die besondere Kreativität. Damit stand die Zulassung im November 1983 durch den Rat des Kreises fest.

Am 1.Dezember 1983 schloss er erstmalig die Ladentür in seinem Geschäft in Aschersleben auf. Damit begann ein neues, interessantes Leben, was natürlich nicht immer einfach war. Und die Kunden strömten in den Laden, seine Produkte waren sehr gefragt.
Nur 2-3 Tage jede Woche war zum Verkauf geöffnet, der Andrang war so groß, dass die restlich Zeit zum Entwerfen und Herstellen der Stücke genutzt werden musste. Drei Heimarbeiterinnen halfen bei der Anfertigung der Teile. Mit immer neuen Ideen für Tages- und Festkleidung überraschte er seine Kundschaft.

Wahrlich, auch in Aschersleben lebte man nicht hinter dem Mond.
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4 Kommentare
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 09.12.2013 | 20:47   Melden
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Ellen Röder aus Alsleben (Saale) | 10.12.2013 | 12:07   Melden
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Gottlob Philipps aus Halle (Saale) | 31.12.2013 | 20:42   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 29.07.2014 | 20:46   Melden
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