Lebendige Sprachen aus Zeiten der Inkas

In La Paz sprechen viele Indigene Aymara, anderswo im Land Quechua, Guaraní oder andere Sprachen.
 
Im Stadtbild von La Paz sind Menschen in traditioneller Kleidung allgegenwärtig.

In Bolivien sind die Sprachen aus Zeiten der Inkas lebendig. Die Bad Lauchstädterin Anne-Kirstin Berger versucht sich an den unendlichen Schlangenwörtern des Aymara - und entdeckt dahinter das soziale Gefüge des Landes und die Bedeutung indigener Identität.

„Kullakanaka“ steht in großen, roten Buchstaben über der Tür zur Damentoilette in La Paz‘ Busstation. Als ich das Wort zum ersten Mal sehe, komme ich mir vor wie eine Analphabetin – unfähig zu entschlüsseln, was das Hinweisschild mir sagen soll. Inzwischen, nach drei Wochen Aymara-Kurs in der Uni, habe ich erste Erfolgserlebnisse – „Kullakanaka“ heißt „Schwestern“ und wird in den Aymara-Gemeinden nicht nur im familiären Sinne gebraucht, sondern auch als Anrede, so wie wir „Frau“ sagen.

Indigene Identität

Wer denkt, mit Spanisch könne man in Bolivien überall kommunizieren, irrt: Aymara, Bésiro, Canichana, Guaraní, Quechua, Toromona – der Andenstaat hat 36 offizielle Sprachen. Seit einer Verfassungsreform im Jahr 2009 nennt sich Bolivien „plurinationaler Staat“ und erkennt damit alle indigenen Nationen an, die auf seinem Territorium leben, inklusive ihrer Sprachen. Nicht nur auf dem Papier hat sich seitdem viel geändert. Im Stadtbild sind Männer und Frauen in indigener Kleidung allgegenwärtig – das war früher undenkbar. Aus Angst vor Diskriminierung trauten sich viele Indigene nicht, ihre Identität zu zeigen, in Restaurants und Cafés ließ man sie gar nicht erst hinein. Es ist eine der großen Errungenschaften von Präsident Evo Morales, gefeiert als erster indigener Präsident Südamerikas, dass die Indigenen, die zwei Drittel der Bevölkerung Boliviens ausmachen, sich heute als das zeigen, was sie sind: die kulturelle Wurzel des Landes – und die Mehrheit.

36 offizielle Sprachen

70 Prozent der Bolivianer sprechen Spanisch, mehr als ein Fünftel die Inka-Sprache Quechua, zehn Prozent sprechen Aymara als Muttersprache. Wenn ich in El Alto, der „Aymara-Hauptstadt“ Boliviens oberhalb von La Paz, auf den Markt gehe, kann ich ein paar Worte tatsächlich anwenden. Seit 2012 verpflichten die Gesetze aißerdem jeden öffentlichen Angestellten, mindestens eine indigene Sprache zu sprechen. Deshalb sitzen mit mir im Aymara-Kurs junge Ärzte und Verwaltungsbeamte. Gemeinsam lernen wir Wendungen wie „Kamisaki“ (Hallo, wie geht es?) und „Jumaxa alemaniankirithwa“ (Ich bin aus Deutschland.). Nur einen Beamten gibt es, der sich an das eigene Gesetz nicht hält: Präsident Evo Morales spricht weder Quechua noch Aymara – nur Spanisch.

Lesen Sie mit:

Nach ihrem Studium will sich Anne-Kirstin Berger in die politische Richtung oder den Journalismus orientieren. Schon während ihres Aufenthalts in Peru hat sie sich dabei ausprobiert und Beiträge für einen Radiosender produziert und Sendungen moderiert.
Während ihres einjährigen Aufenthalts in Brasilien und Bolivien wird die 21-Jährige nun hier von ihren Erlebnissen zwischen Pazifik und Atlantischem Ozean in loser Reihe berichten.

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Teil 6: Für die einen ist es Gold. In Brasilien aber zählt etwas ganz anderes als Reichtum. Anne-Kirstin Berger hat den wahren Reichtum in Brasilien gefunden. Lesen Sie darüber im sechsten Teil.

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Teil 7: Am 28. Juli ist Nationalfeiertag. Und im Unterschied zu Deutschland gilt der in Peru als Grund zum Tanzen - selbst für die Kleinsten. Lesen Sie mit, wie Peru Geburtstag feiert.

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Um nicht erkannt zu werden, verstecken sie ihre Gesichter hinter Wollmasken. In Teil 8 lesen Sie, warum viele die Schuhputzer für Drogenabhängige und Kriminelle halten.


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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 14.10.2015
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4 Kommentare
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 08.10.2015 | 09:41   Melden
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Katrin Koch aus Friedersdorf | 13.10.2015 | 21:43   Melden
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Anne-Kirstin Berger aus Bad Lauchstädt | 14.10.2015 | 14:47   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 14.10.2015 | 16:57   Melden
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