Brasilien: Junge Menschen zwischen Wut und Hoffnung

Protest gegen die Regierung beim Karneval im Februar. Die Entscheidung über das Amtsenthebungsverfahren zieht sich schon seit Oktober letzten Jahres hin.

Die Abstimmung, ob die Amtsenthebung der brasilianischen Präsidentin Rousseff in die nächste Runde geht, hat die Bad Lauchstädterin Anne-Kirstin Berger live mitverfolgt. Während ihrer Studienzeit in Brasilien hat sie selbst erlebt, wie groß die Enttäuschung Jugendlicher über die Regierung ist.

Um kurz nach 23 Uhr Ortszeit ging ein Jubel durch das Parlament, die Straßen und viele Häuser Brasiliens. Nach sechs Stunden Abstimmung im Abgeordnetenhaus verkündete der 342. Abgeordnete sein Misstrauen gegenüber der Präsidentin Dilma Rousseff. „Welche Ehre, dass ich mit meiner Stimme den Hoffnungsschrei von Millionen Brasilianern ausdrücke“, sagte Bruno Araújo und stimmte für die Amtsenthebung, so wie 366 weitere Kollegen.

"Fora Dilma" - Dilma raus

Damit ist das Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff einen Schritt weiter, anderthalb Jahre nachdem sie mit knapper Mehrheit zum zweiten Mal gewählt wurde. Auslöser des politischen Erdbebens sind die Korruptionsermittlungen beim staatlichen Ölkonzern Petrobras, auch wenn diese gar nicht direkt mit dem Amtsenthebungsverfahren in Zusammenhang stehen. Rousseff konnte bis dato keine Beteiligung an dem Korruptionsskandal nachgewiesen werden, anders als dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses Eduardo Cunha, der trotz erwiesener Schwarzgeldkonten in der Schweiz die historische Abstimmung am Sonntagabend leitete. Stattdessen muss sich Rousseff wegen Fälschungen beim Staatshaushalt und Ungereimtheiten bei der Finanzierung des Wahlkampfes verantworten. Viele Abgeordnete machen Rousseffs Politik außerdem für die Verschärfung der Wirtschafskrise verantwortlich.

Putsch oder legitimer Machtwechsel?

Kritiker und Regierungsanhänger werfen den Gegnern Rousseffs vor, dass es ihnen gar nicht um die Bekämpfung der Korruption ginge. Rousseff selbst bezeichnet das Verfahren als einen „Putsch“. Freiwillig werde sie nicht zurücktreten, der Kampf ginge weiter.

Die große Enttäuschung

Unter meinen brasilianischen Freunden schwankt die Stimmung zwischen Wut und Enttäuschung über die Regierung. Viele von ihnen waren in den vergangenen Wochen bei Protesten gegen die Regierung auf der Straße. Sie sind groß geworden, während Brasilien zur siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt aufstieg, gelobt als hoffungsvollstes der BRICS-Länder. Jetzt aber erleben sie neben der schlimmsten wirtschaftlichen Krise seit hundert Jahren, wie das korrupte politische System in sich zusammenfällt. Gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten und die Steuern, private Universitäten erhöhen die Gebühren, staatliche Stipendien wurden vorläufig eingestellt. Wer kann es diesen jungen Menschen vergelten, wenn sie sich als Verlierer fühlen?

Historischer Moment

„Ich erlebe gerade einen Moment, der später in den Geschichtsbüchern auftauchen wird“, sagt mein Freund Lucas am Abend der Abstimmung. Dabei ist auch er nicht sicher, ob der Wechsel der Präsidentschaft tatsächlich den entscheidenden Wandel einleitet. Nun wird zunächst der Senat über die Amtsenthebung entscheiden. Brasiliens politische Krise ist also noch lange nicht durchgestanden. Lucas sagt: "Ich weiß nicht, was das Beste für Brasilien ist - aber ich hoffe, dass es passiert."
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Zeitung | Erschienen am 28.04.2016
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Peter Pannicke aus Wittenberg | 19.04.2016 | 12:18   Melden
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