Brasiliens wahrer Reichtum

Brasilien exportiert Bananen, Soja und Kaffee in alle Welt. Der wahre Schatz des Landes ist aber etwas anderes, meint Anne-Kirstin Berger aus Bad Lauchstädt, die seit einem halben Jahr dort studiert.

Alles begann mit einem Käsebrot. Das wollte Pilar nur schnell im Vorbeigehen in dem Restaurant mit den Holzbänken kaufen, aber als der Besitzer den Akzent meiner US-amerikanischen Freundin erkannte, war sie sofort in ein Gespräch verwickelt. Stunden später schlendern wir zusammen vorbei, und Omar begrüßt uns schon von Weitem über die andere Straßenseite hinweg. Fünf Minuten später hat er uns auf eine Pizza und einen Caipirinha eingeladen. Wir sitzen mit ihm am Tisch, und während er von seiner Arbeit in Rio erzählt, kommt mir einmal mehr der Gedanke: Das wäre in Deutschland nicht passiert.

Jeitinho Brasileiro

Vom "jeitinho brasileiro", der brasilianischen Lebensart, sprechen die Menschen in Brasilien, wenn es darum geht, erfinderisch zu ein, kreativ mit dem unplanbaren Alltag umzugehen, auch mal zu tricksen zu Lasten anderer. Viele Brasilianer, das ist mein Eindruck, haben ein eher negatives Selbstbild von ihren Landsleuten. Gerade auch Jugendliche schwärmen in Gesprächen vom angeblichen „deutschen Fleiß“ im Kontrast zur Korruption in Brasiliens Politik und Wirtschaft. Sie warnen mich, Menschen auf der Straße zu vertrauen und Einladungen anzunehmen.

Alltagsbegegnungen, die sprachlos machen

Dabei ist genau das Brasiliens wahrer Reichtum: nicht Bodenschätze, Öl, Sojaplantagen oder Regenwaldholz - sondern die Menschen und ihre Herzlichkeit. Beiro, der am Strand von Morro de São Paulo Kokosnüsse verkauft und vom Leben auf der Insel erzählt. Flávio, der im Flugzeug nach Brasilia neben mir sitzt und, als er meinen Akzent bemerkt, anbietet, dass ich in seinem Gästezimmer wohnen kann. Maurício, der mir eigentlich nur kurz den Weg zur Bank zeigen wollte - tags darauf führt er mich zu den schönsten Plätzen Salvadors, stellt mich sogar seiner Familie vor. Immer wieder höre ich den Satz: „Komm gerne wieder, nossa casa é sua casa, unser Haus ist auch deins. Es sind vieler solcher Alltagsbegegnungen, die mich immer wieder aufs Neue sprachlos machen.

Und in Deutschland?

Als ich mit Omar und Pilar in dem Restaurant sitze und die Pizza aufgegessen ist, frage ich ihn, wie er dazu kommt, uns Fremde zu sich an den Tisch einzuladen. Er hat zwei Töchter in unserem Alter, antwortet er. Und er würde sich wünschen, dass sie, wenn sie mal nach Deutschland oder an einen fremden Ort kommen, genauso mit offenen Herzen empfangen werden. Ich wünsche es mir auch.

Lesen Sie mit:

Nach ihrem Studium will sich Anne-Kirstin Berger in die politische Richtung oder den Journalismus orientieren. Schon während ihres Aufenthalts in Peru hat sie sich dabei ausprobiert und Beiträge für einen Radiosender produziert und Sendungen moderiert.
Während ihres einjährigen Aufenthalts in Brasilien und Bolivien wird die 21-Jährige nun hier von ihren Erlebnissen zwischen Pazifik und Atlantischem Ozean in loser Reihe berichten.

Karneval
Anne-Kristin Berger kann sich kaum bewegen - so voll sind die Straßen im brasilianischen Karneval. Ich brauche etwas Zeit, mich an die ungezügelte Feier zu gewöhnen. Dann ziehe ich meine Sandalen aus, singe mit und lasse mich barfuß durch die Menge treiben. Teil 1: Mit Flipflops im Karneval

Trockenzeit
Der Südosten Brasiliens erlebt eine Trockenperiode. Obwohl Brasilien ein wasserreiches Land ist, wird das Wasser in den Großstädten nun knapp. Teil 2: Land ohne Regen

Radeln in Rio
Montagnachmittag um sechs ist Rushhour auf dem Radweg an der Copacabana. Anne-Kirstin Berger vermisst die Radewege aus der Heimat. In Brasilien ist der Verkehr viel zu chaotisch. Teil 3: Radfahren in Rio

Land des warmen Bieres
Teil 4: Rammstein, Bier und ein 7:0 - Lesen Sie hier, was Brasilianern zum Thema Deutschland einfällt.

Bildung gegen Geld Teil 5: Während in Deutschland die Schulen für jedermann zugänglich sind, entscheidet in Brasilien schon früh der Inhalt des Geldbeutels über künftige Bildung. Lesen Sie hier alles über Bildung gegen Geld.


Peru feiert
Teil 7: Am 28. Juli ist Nationalfeiertag. Und im Unterschied zu Deutschland gilt der in Peru als Grund zum Tanzen - selbst für die Kleinsten. Lesen Sie mit, wie Peru Geburtstag feiert.


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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 02.07.2015
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1 Kommentar
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Ter Spann aus Südliches Anhalt | 14.09.2015 | 10:04   Melden
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