Das Märchen von Brasiliens großer Zukunft

Der Fußball hilft, die aktuellen und zukünftigen Sorgen einen Moment zu vergessen. Mit Lucas im Mineirão, dem Fußballstadion von Belo Horizonte.

Nach vier Monaten ist Anne-Kirstin Berger aus Bad Lauchstädt zurück in Brasilien - und erschrocken, wie die politische und wirtschaftliche Krise das Land verändert

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Brasilien hat sich verändert. Wer das Land jetzt zum ersten Mal besucht, dem fallen die Details mit Sicherheit nicht auf. Aber ich bin nach vier Monaten zurück - eine kurze Zeit - und das Brasilien, das ich damals kennengelernt habe, ist nun ein anderes. Die Shoppingcenter sind zwar bereits weihnachtlich geschmückt, aber menschenleer: kaum jemand ist in Kauflaune. Die gemeinsamen Abende mit Freunden auf ein Bier sind seltener geworden, und wenn wir uns treffen, erzählen sie von halb leeren Vorlesungen in der Uni, weil die Studiengebühren gestiegen sind und vielen Kommilitonen in der Krise das Geld ausgeht. Der Preis für mein Visum hat sich verdoppelt und Busfahren ist 30 Cent teurer geworden. Vor anderthalb Jahren war es eine Fahrpreiserhöhung von 10 Cent, die landesweite Massenproteste auslöste. Nun scheint es, als hätten viele Brasilianer resigniert.

Träume geplatzt oder verschoben

Lucas ist genauso alt wie ich, studiert Energieingenieurwesen an der privaten Universität Católica und hat vor kurzem angefangen, Deutsch zu lernen. Den Traum von einem Auslandssemester in Regensburg musste er trotzdem erst einmal begraben: Wegen der schwachen Landeswährung Real wäre der Auslandsaufenthalt ein Viertel teurer als noch vor einem Jahr.

"Die Krise betrifft meine Zukunft"

Eigentlich ist Lucas, hochqualifiziert und mit einer technischen Ausbildung, jemand, dem man eine glänzende Zukunft vorhersagen würde. "Vor ein paar Jahren, als ich die Nachrichten vom Boom in meinem Land verfolgt habe, dachte ich, wie froh ich sein kann, jetzt und hier geboren zu sein. Jetzt sehe ich, was für eine Illusion das war. Es ist das erste Mal, dass ich eine Krise am eigenen Leib erfahre, und dass sie meine Zukunft betrifft."

Korruption

Das Prekäre an Brasiliens aktueller Krise ist, dass sie nicht nur die Wirtschaft erfasst, sondern vor allem die Politik. Seit Jahren hat diese sich reichlich bedient an den Einnahmen des staatlichen Ölkonzerns Petrobras. Nun ist der Korruptionsskandal aufgeflogen, gegen fünfzig Politiker des Abgeordnetenhauses, ehemalige sowie aktuelle Spitzenpolitiker, wird ermittelt. Die Unterstützung für Präsidentin Dilma Rousseff ist auf neun Prozent gesunken. Ein Amtsenthebungsverfahren zieht sich seit Monaten hin, weil der Präsident des Abgeordnetenhauses Cunha die Lage für machtpolitische Interessen ausnutzt und auch gegen ihn ermittelt wird. Dass er Schmiergelder von zehn Millionen Real (ca. 2,4 Mio Euro) auf Schweizer Konten hat, gilt inzwischen als bewiesen. So besteht keine Hoffnung, dass sich Brasiliens Wirtschaft bald erholt.

Den Aufschwung verschlafen

Brasiliens Politiker haben nicht nur betrogen, sondern vor lauter Schwärmerei während der Jahre des Aufschwungs auch versäumt, an die Zeit danach zu denken - zum Beispiel Bürokratie abzubauen und in die öffentliche Bildung zu investieren. Nun zersetzt die Korruption den Glauben vieler Brasilianer in die Zukunft ihres Landes.

Die Verantwortung, es besser zu machen

"Ich gebe die Hoffnung nicht auf, sondern werde meinen Teil beitragen", sagt Lucas. "Die Politik hat uns, die junge Generation, um unsere Chancen betrogen. Aber am Ende sind wir auch diejenigen, die es in der Hand haben, die Politik besser zu machen."
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.ZEITUNG | Erschienen am 04.12.2015
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