Karneval trotz Krise

"Gegen Korruption" und "Für ein großes Brasilien" steht auf den Schildern. Die Figur des Ex-Präsidenten Lula und eines Polizeibeamten gehören dieses Jahr zu den beliebtesten politischen Verkleidungen.

Weniger Prunk, mehr Politik - Karneval steht in Brasilien in diesem Jahr im Zeichen der politischen und wirtschaftlichen Krise. Die Bad Lauchstädterin Anne-Kirstin Berger war dieses und letztes Jahr vor Ort und erlebt auf der Straße Trotz, Protest und Kreativität.

Katha gehört zu den Brasilianern, die die Nase voll haben und trotzdem feiern. Auf ihrem T-Shirt steht „Meine Partei ist Brasilien“ und sie hält eine Aufblasfigur des Ex-Präsidenten Lula in Sträflingskleidung in der Hand. Immer mehr Korruptionsfälle der Regierung kommen in den vergangenen Wochen an die Öffentlichkeit, und erst kürzlich ist der ehemalige Präsident Lula, für viele die Ikone des wirtschaftlichen Aufstiegs Brasiliens, ins Fadenkreuz der Ermittler geraten. Deshalb ist Katha heute in politischer Mission auf der Straße: „Wir nutzen den Karneval, um unseren Protest gegen die Regierung auszudrücken – auf eine fröhliche Art und Weise.“

Verkleidet gegen Korruption

Fröhlicher Protest ist nur eine Facette der wirtschaftlichen und politischen Krise, die sich im brasilianischen Karneval widerspiegelt. In den Straßen der Stadt Belo Horizonte begegne ich immer wieder „dem Japaner“ – der Figur eines Polizisten, der im Zuge der Korruptionsermittlungen bekannt wurde. Er taucht auf nahezu jedem Foto der Ermittlungen gegen prominente Politiker und Wirtschaftsgrößen auf – und jetzt tausendfach als Verkleidung in Brasiliens Karnevalsumzügen.

Weniger Federn

Mit Kreativität meistern auch die Sambaschulen die Krise: Ihre Umzüge in Rio de Janeiro und São Paulo fallen in diesem Jahr weniger pompös aus, weil importierte Federn, Bänder und Perlen um die Hälfte teurer sind als noch im vergangenen Jahr – eine Entwicklung, die mit dem Kursverfall der Landeswährung Real zusammenhängt. Also gab es dieses Mal eben weniger Federschmuck und mehr wiederverwertete Kostüme aus den vergangenen Jahren – ein rauschendes Fest war es trotzdem.

Sparen statt Feiern

Dennoch, nicht überall gelingt es, der schwachen Wirtschaft mit Kreativität zu trotzen. Im Bundesstaat Minas Gerais haben 30 Städte ihre Karnevalsfeierlichkeiten absagen müssen, weil das Geld in den Kassen fehlte. Bedenkt man, dass die Feiern um den Rosenmontag so etwas wie der Jahreshöhepunkt in Brasilien sind, wird klar, welche Tragweite diese Entscheidung hat. Fällt der Karneval aus, ist die Krise ernst.

Politisches Fest

„Karneval war immer schon politisch, und er wird es immer sein“, sagt Paschoal, der den regierungskritischen Karnevalsumzug in Belo Horizonte mitorganisiert hat. Und fordert ganz konkret: „Wir wollen, dass korrupte Politiker bestraft werden.“ Die Korruptionsermittlungen, das Amtsenthebungsverfahren gegen die Präsidentin Rousseff, Inflation und Arbeitslosigkeit – die Hiobsbotschaften werden in absehbarer Zeit nicht weniger. Karneval geht unterdessen weiter – denn in Brasilien wird auch nach Aschermittwoch gefeiert – trotz Krise.
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Zeitung | Erschienen am 13.02.2016
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