Zu Füßen von La Paz

Ricardo arbeitet zu Fussen der Stadt. Die Autos lassen ihm kaum einen halben Meter.
 
Er ist 27 Jahre alt. Zu arbeiten begann er mit neun Jahren.

Sie arbeiten zu Füßen der Gesellschaft - und genau so ist ihre soziale Position in Bolivien: die Schuhputzer von La Paz verstecken sich hinter Wollmasken, um nicht stigmatisiert zu werden. Anne-Kirstin Berger aus Bad Lauchstädt hat hinter die Maske geschaut.

Ricardo sieht La Paz auf Fußhöhe. Er sitzt mitten im Verkehr der Plaza Ganta de Lima, Minibusse und Taxis lassen ihm kaum einen halben Meter zum Arbeiten. „An den Verkehr habe ich mich gewöhnt“, sagt er. Aber der Lärm, acht Stunden lang das Hupen der Autos, wenn es wieder einmal nicht vorangeht in La Paz‘ Verkehr, der geht ihm auch nach über zehn Jahren noch auf die Nerven.

Das Gesicht verborgen

Ein Paar Stiefel eilt vorbei, dann Stöckelschuhe, ausgelatschte Sandalen. „Die mit den sauberen Schuhen arbeiten in Büros. Wer draußen arbeitet, muss öfter zum Schuheputzen kommen.“ So sieht Ricardo die Welt um sich herum. Wer an ihm vorbeieilt, der sieht einen jungen Mann mit blauem Fließpulli und Stoffhut, das Gesicht hinter einer grünen Sturmmaske aus Wolle verborgen, nicht aber den ehrgeizigen Familienvater, der von einer Zukunft als Konditor träumt. Für die Passanten ist Ricardo einer von hunderten lustracalzados, ein Schuhputzer mit Maske.

Zu Füßen der Gesellschaft

Als ich, angekommen in La Paz, die vermummten Schuhputzer zu ersten Mal wahrnahm, überkam mich ein beklemmendes Gefühl. Wovor, dachte ich, verstecken sie sich? „Die soziale Position der lustracalzados entspricht genau ihrer Arbeitsposition“, erklärt mir Marlene Luna von der Organisation „Vamos Juntos“ – „Zu Füßen der Gesellschaft. Viele tragen die Maske, um nicht erkannt und diskriminiert zu werden, denn die Leute halten die Schuhputzer für Drogenabhängige, Kriminelle, Obdachlose.“ „VamosJuntos“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, den gesellschaftlichen Status der Schuhputzer zu heben. Einerseits durch Informationskampagnen, andererseits, und das ist der wichtigere Teil: Durch soziale Arbeit dort, wo die Menschen arbeiten: auf der Straße. Die Organisation bietet Seminare, verteilt für wenig Geld Schulmaterial, vergibt Stipendien. Auch Ricardo ist Stipendiat: Die Ausbildung in Gastronomie könnte der 27-Jährige von den 40, 50 Bolivianos (ca. sechs Euro), die er in acht Stunden Schuhpolieren verdient, nicht finanzieren.

20 Cent für eine Schuhpolitur

Blaue Glattlederstiefel. Eine Frau stellt den linken Fuß auf den kleinen Holzkasten, Ricardo beginnt zu arbeiten: erst mit der Bürste, dann Schuhcreme. Die schwarzen Handschuhe rasen über den Stiefel. Mit neun Jahren begann Ricardo zu arbeiten. „Anfangs habe ich manchmal die Socken mit der Schuhcreme schmutzig gemacht“, erinnert er sich. Das würde ihm jetzt nicht mehr passieren. Eine Minute dauert es, dann sind die Schule der Frau blitzblank. Sie drückt ihm 1,50 Bolivianos in die Hand – soviel kostet die Schuhpolitur, etwa 20 Eurocent. Am Ende des Tages wird Ricardo um die 30 Paar Schuhe poliert haben. Er packt Schuhcreme und Bürsten zusammen und macht sich auf den Weg. Er muss sich umziehen, denn in Arbeitskleidung, erkennbar als Schuhputzer, nimmt ihn kein Bus mit. Und dann eilt er so schnell es geht in die Schule, wo er lernt, Teig zu kneten und Torten zu dekorieren. Beide Berufe haben etwas gemeinsam, sagt Ricardo: „Die Geschicklichkeit, die du in den Händen brauchst, ist die Gleiche.“

Ricardo beim Arbeiten zuhören? Geht hier, auf meinem Blog.

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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Mitteldeutsche Zeitung | Erschienen am 22.09.2015
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