Buchrezension „Wenn Sie jetzt anrufen, bekommen Sie den Moderator gratis dazu! Unglaubliches aus der Welt des Teleshoppings“ von Andrea Volk

Der Countdown läuft, Licht aus, Spot an, das schönste Lächeln aufgesetzt, Produkte kunstvoll in Szene gesetzt…bereit, der Welt zu geben, was sie nicht braucht. Alltag im Teleshopping Leben – dem Potemkinschen Dorf.

Aus der Not heraus und von ihrer Mutter unterstützt, bewarb sich Andrea Volk bei einem Teleshopping-Sender und wurde prompt als „Expertin“ eingestellt. Schnell wird klar, man muss kein Experte der zu verkaufenden Produkte sein, es reicht, wenn man unverkrampft vor der Kamera spricht und sympathisch wirkt. Volk war sechs Jahre fester Bestandteil dieser realen und greifbaren „Truman-Show“ und berichtet in diesem Buch von ihren Erfahrungen. Dass sie dabei einige Situation übertrieben darstellt, gibt sie bereits gleich zu Anfangs zu.

Die im Fernsehen suggerierte heile Welt entpuppt sich dabei schnell als große Illusion, so dass die Autorin zu dem Schluss kommt, dass sich Teleshopping und Ehrlichkeit nicht vertragen. Der liebenswerte Fernsehopi verwandelt sich hinter der Kamera in einen grabschenden und launischen Alten, befreundete Frauen vor der Kamera wetzen ihre Krallen hinter der Kulisse, ein unendlicher Kampf um Verkaufszahlen, mit Haarspray konservierte Lebensmittel in einer nicht funktionierenden Küche, wasserlose Toiletten, unvollständige und/oder kaputte Ware lassen den Alltag zu einem nicht kalkulierbaren Abenteuer werden. Daneben musste Volk mit verschwundenen Aufnahmeleitern, faulen Studiohelfern, akutem Schlafmangel, eitlen Moderatoren, neidischen Kollegen, Umsatzvorgaben, Konkurrenzdruck und menschenfeindlichen Arbeitszeiten kämpfen.

Während in dem überdimensionalen Puppenhaus alles aus Täuschungen und Maskerade besteht, sind die zugeschalteten Zuschauer tatsächlich live und echt, was so manche Verkaufsshow ins Wanken brachte und einige Moderatoren und Experten an den Rand des Wahnsinns brachte. Das bei einem 24-Stunden-Live-Dreh viel schief gehen kann, wird in zahlreichen Erlebnissen sehr bildlich zum Ausdruck gebracht. Exemplarisch sei hier der Sturz des Moderators genannt, der sich irrtümlich auf ein nicht befestigtes Hänge-WC setzen wollte – und natürlich alles Live! Geradezu euphorisch, begeistert und überspitzt gefühlvoll bringen die Teleshopper ihre Produkte, von denen sie in der Regel selbst nichts halten, an die Kundschaft. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen: zielgruppenorientiertes Verkaufen und casten wird regelmäßig in Seminaren geübt. Dabei bedient man sich u.a. soziologischer Methoden wie Cluster, neurolinguistische Programmierung und positive Konditionierung.

Schwachstrombügeleisen für das Gesicht, Gartenzwerge mit Lämpchen in der Mütze, Polyester-Tiger-Tanga-Slips, ionisierende Lufterfrischer für den Kühlschrank… das Konzept geht auf, wie der Branchenführer QVC beweist, der nach eigenen Angaben 2009 allein in Deutschland einen Umsatz von 674 Millionen Euro erzielte, im Folgejahr bereits 719 Millionen Euro. Nicht selten erzielte 2012 dabei ein gut laufendes Tagesangebot einen Umsatz von 3.315.000 Euro. Teleshopping ist ein rentables Geschäft, für die Geschäftsetage, der Umgang mit Mitarbeitern und Selbständigen ist dagegen erschreckend, wie das Buch verrät. Dabei wird auch nicht vor den Kunden halt gemacht, was alles andere als witzig ist, schließlich finanzieren sie deren Prunkbauten und Gehälter. Aber für moralische Bedenken scheint in dem Potemkinschen Dorf keine Zeit, kein Platz zu sein.

Das Buch lässt sich leicht lesen und ist durchweg mit spitzfindigen Analogien durchzogen, welche einem oft zum Schmunzeln bringen. Dennoch wirken diverse Wiederholungen störend und sorgen für Langatmigkeit. Sicher sind zahlreiche Geschichten lustig, jedoch kann man dies nicht verallgemeinern, da einiges eher erschreckend und beunruhigend ist. Generell gab es für mich keine großen Überraschungen, wer jedoch ein verklärtes Bild von Teleshopping hat, wird dieses anschließend revidieren müssen.

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