Begleitet von Erinnerungen durch Köthen gestolpert

Der Zug gleitet dahin. Vor den Fenstern gleitet eine Landschaft vorbei, die man eigentlich kennt, welche dennoch fremd erscheint. Dann kommen die unverkennbaren Türme der Kirche Sankt Jakob ins Bild - ich bin auf dem Weg nach Köthen, eine Stadt in der ich meine Jugend verbracht habe, in der ich jedoch schon lange nicht mehr war.

Beim ersten Blick auf die Stadt muss ich feststellen: Eigentlich ist noch alles da. Dem Bahnhof gegenüber wurde ich vom Neptun und seinem Brunnen begrüßt. Auch einen Imbiss-Kiosk an der Ecke gibt es noch. Der sah zwar damals anders aus aber er war für uns ganz wichtig: Nachdem wir den Einkaufsstress durchgestanden hatten gab es hier immer eine wunderbare Bockwurst mit Brötchen sowie viel Senf - und selbstverständlich auch eine Fassbrause.
Auch in der Friedrich-Ebert-Straße waren offensichtlich alle Häuser weiterhin da. Selbst die "Persil-Uhr" strahlte mir entgegen. ...und da war auch der Laden eines Fotografen, an den ich mich gut erinnern konnte. Hier war ich einst, um als junger Mann ein "Freundschaftsbild" machen zu lassen. Unvergessen - denn ich musste dermaßen weit zur Seite blicken, dass ich anschließend meinte, Halsschmerzen bekommen zu haben.
Die Weintraubenstraße entlang war für mich problematisch - die Häuser waren noch da, aber es war fast alles anders, andere Geschäfte, kein Kino mehr - bis auf die Apotheke, die gab es damals bereits.
Beim Abbiegen in die Schalaunisches Straße muss ich an eine Weihnachtszeit denken. Ich kann nicht einmal mehr sagen, wann das genau war, es war jedoch in "tiefen DDR-Jahren". Und ich erinnere mich daran, dass Weihnachtslieder zu hören waren. Sie wurden plötzlich von einer Durchsage unterbrochen: "Es ist 17:00 Uhr. Hier ist RIAS Berlin, eine freie Stimme der freien Welt". Stille. Aber die Menschen gingen weiter und viele von ihnen summten Weihnachtslieder.
Auch an den Neustädter Platz kann ich mich gut erinnern. Hier gab es einst ein Kino, das aber auch in meiner Erinnerung bereits geschlossen war. Ich war jedoch häufig zum Training dort und gleich nebenan gibt es einen Bäcker. Den kannte mein Vater aus seiner Jugend in Schlesien und ich musste von Dort immer Brot und Brötchen mitbringen.
Der weitere Weg durch die Straßen waren für mich und meine Erinnerungen so wie bisher: Alles wie früher, aber anders. So gibt es Löwen Apotheke am Markt noch, aber das historische Stadttheater ist weg. Am Hallischen Tor hatte ich mir bei Kaffee und einem Eisbecher eine Pause gegönnt. Dort konnte man gut sitzen. Das war wohl früher nicht so.
Für den Rückweg hatte ich eigentlich an einen Spaziergang entlang der Stadtmauer gedacht. Dort war es früher ganz ruhig, jetzt suchen die Leute mit ihren Autos dort einen Parkplatz. Also schlenderte ich die Bärteichpomenade und die Dr. Krause-Straße zum Bahnhof zurück.
Ohne, dass jemand die Fahrkarte "knipst" ging es zum Bahnsteig zurück. Bei der Gelegenheit musste ich überlegen - wie viele Kartenhäuschen hier eigentlich gestanden hatten ? Es waren wohl drei gewesen. Da tauchte bei mir eine andere Frage auf: Was wäre wenn ich länger hätte warten müssen ? Hatte Köthen eigentlich auch ein Zeitkino gehabt ? Ich meine "Ja". Aber das muss sehr lange her sein und so genau konnte ich mich nicht erinnern. Und meine Erinnerung, welche mich die ganze Zeit begleitet hatte, konnte mir da auch nicht helfen.

Nach Abfahrt des Zuges schließe ich die Augen und beschäftige mich mit meinen Erinnerungen. Selbstverständlich habe ich Köthen in diesen wenigen Stunden nicht wirklich wiedersehen können - eigentlich bin, begleitet von meinen Erinnerungen durch diese Stadt "gestolpert". Aber ich habe Köthen eben etwas wiedergesehen. Köthen hat sich verändern. Verändert habe ich mich wohl auch selbst etwas und verändert hat sich auch das Umfeld, denn vor 50 Jahren hätte ich mit Bekannten oder Kollegen in diesem Zug gesessen. Wir hätten uns unterhalten und ich würde nicht mit geschlossenen Augen an längst vergangene Zeit zurückdenken.
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