Meine letzten 11 Jahre - ehrlich währt nicht mehr am längsten

In meinen letzten 11 Jahren habe ich in einem Ort in der Region um Bitterfeld in einer Kita als Erzieherin gearbeitet. Als ich damals dort eingestellt wurde, war dieser Ort noch eigenständig mit nur der einen Kita und der Bürgermeister war ein Mensch mit Herz und Gefühl. Ich war lange Jahre aufgrund eigener Kinder, Wende und Umstrukturierung der Kindertagesstätten nicht mehr als Erzieherin in einer Kita tätig. Trotzdem wurde ich eingestellt. Ich musste vieles neu erlernen und schaffte dies durch eine tolle Leiterin und tolle Kollegen meines Erachtens ganz gut. „Bildung elementar“ war zuvor für mich böhmische Dörfer, aber im Team haben wir uns das alles gemeinsam erarbeitet und sind gemeinsam hineingewachsen. Da sich diese Einrichtung in einem Altbau befand und den Anforderungen und Kinderzahlen nicht mehr genügte, wurde ein Neubau geplant. 2009 wurde der Ort eingemeindet. Es gab einen gemeinsamen Bürgermeister und jetzt mehrere Kitas in den dazugehörigen Orten. Die Stadt als Arbeitgeber hat jetzt Direktionsrecht und kann die Mitarbeiter je nach Bedarf oder Notwendigkeit in den verschiedenen Einrichtungen umsetzten. Mittlerweile steht der Neubau das sechste Jahr und ist so toll. Beste Bedingungen für die Kinder und das Personal. Wer von den Lesern Kinder oder Enkelkinder in einer Kita hat oder hatte, weiß auch, dass das Personal hin und wieder wechselt. In meinen letzten Jahren habe auch ich viele Kolleginnen kommen und gehen sehen. Das war oft aus unterschiedlichsten Gründen. Das ist weder für das Team förderlich, noch für die zu betreuenden Kindern. Natürlich missfällt das auch den Eltern, wenn mal wieder eine vertraute Bezugsperson ihres Kindes plötzlich weg ist. Wir hören immer wieder: Die Kinder haben kein Problem damit, sie gewöhnen sich schnell an eine neue Erzieherin. Das mag sicher so sein. Aber trotzdem vermissen sie ihre vertraute Erzieherin. Auch die Eltern fühlen sich wohler, wenn sie ihr „Liebstes“ morgens in vertraute Hände übergeben können. 2013 begann ich mit einer Kollegin, ich nenne sie an dieser Stelle einfach einmal Heike, in unserer kleinsten Gruppe neue einjährige Kinder einzugewöhnen. Auch wir zwei mussten erst einmal zu einem „Team“ zusammenwachsen. Wir hatten vorher noch nicht gemeinsam in einer Gruppe gearbeitet, kamen aber sehr bald auf einen gemeinsamen Nenner. Wir ergänzten uns gegenseitig. Die eine dachte etwas und die andere machte es schon. Die eine gab den Anstoß einer Idee und die andere sprach es zu Ende. Wir waren ein richtiges Dream-Team. Das war ein so harmonisches arbeiten, Hand in Hand, und selbst im größten Stress hatten wir noch Spaß und Freude. Zwei Jahre durften wir so toll zusammen arbeiten.
Sommer 2015: Die Personalabteilung teilte die Umsetzung von Heike in eine andere Kita mit. Die Begründungen dafür waren für uns keine Gründe und nicht nachvollziehbar. Das Elternkuratorium versuchte die Umsetzung abzuwenden, ohne Erfolg. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fühlte mich, als hätte man mir einen Arm herausgerissen. Irgendwann fuhr ich zur Verwaltung und musste mir „Luft“ machen. Ich war weder laut, noch frech, ich war etwas zynisch, und ich war ehrlich. Meine Tränen liefen mir dabei ohne halten über das Gesicht. Aber ich stieß auf Unverständnis und Kälte. Die „Antwort“ für diesen „Auftritt“ werde ich später bekommen. Heikes Umsetzung hat mich verändert. Für mich gab es fortan nur noch „Dienst nach Vorschrift“. Meine Motivation war im Keller. Beim Thema „Heike“ hatte ich sofort Tränen in den Augen. Und wie oft haben mich die Kinder nach ihr gefragt, die Eltern sich nach ihr erkundigt und Grüße bestellt. Mit meiner neuen Kollegin kam ich gut zurecht, es stellte sich irgendwann langsam wieder ein normaler Arbeitsalltag ein. Aber meine Einstellung und Meinung zu vielen Dingen hatte sich geändert. Ich lief eigentlich neben mir her. Das tat mir leid für die Kinder und Eltern, aber nach dieser Erfahrung konnte ich nicht mehr anders. Es hat so einiges in mir kaputt gemacht.
Gern würde ich noch einige folgende Ereignisse ausführlich berichten, aber aus verschiedenen Gründen lasse ich davon ab.
Im Mai 2016 wurde ich informiert, dass ich zum Juni in eine andere Kita umgesetzt werde. Eigentlich war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis mich diese Information ereilt. Ich hatte schon damit gerechnet und mit der Vermutung war ich nicht allein. An dieser Stelle ein „Dank“ an die Eltern und Personen, die in der Gerüchteküche so fleißig waren. Seit dieser Mitteilung war ich arbeitsunfähig. Eine Rücknahme der Umsetzung mittels verschiedener Wege war nicht zu erreichen. Für mich ist jetzt das Ende der Fahnenstange erreicht. So lasse ich nicht mit mir umgehen. Ich bin keine Marionette. Ich bin ein Mensch, mit Herz und Gefühl und möchte auch als solches behandelt werden. Ich nehme schweren Herzens und mit Tränen meinen „Koffer“ und nehme mit: 11 Jahre tolle Berufserfahrung mit vielen verschiedenen Kollegen: jüngere, ältere, tolerant, kollegial, fleißig…….die einen mehr, die anderen weniger. 11 Jahre meist gearbeitet unter Stress und Personalmangel, aber trotzdem immer Freude an der Arbeit gehabt. 11 Jahre noch neben der Arbeitszeit mit der Arbeit verbunden: immer auf der Suche nach Angebots- oder Bastelideen, telefonischer Kontakt mit Kollegen, wegen irgendwelcher Absprachen, Begegnen von Eltern und Kindern, Vorbereitungen für den nächsten Tag, von Festen und Feiern. Rückblickend nur schöne Erinnerungen, die schlechten verdrängt man meist. Ich kann nicht alles verdrängen. Ich nehme mit: Ehrlich währt am längsten…. ist gelogen. Reden ist Silber, schweigen ist Gold. Ich vermisse vieles, aber nicht alles. Ich bin unendlich traurig, aber auch enttäuscht und wütend. Aber ich habe auch Stolz und musste Dinge einfach tun, um abends noch in den Spiegel schauen zu können und um kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich hoffe aber, dass das einige andere haben: Frau S., Frau L., Frau P., Frau …und Herr… . Ich vermisse sehr „meine“ 19 Kinder, die ich in den zwei Jahren so ins Herz geschlossen habe. Ich habe sie in der Kita eingewöhnt, getröstet, geknuddelt, gewaschen, gewindelt, gekämmt, an-und ausgezogen, zur Selbstständigkeit angeleitet, sich frei entfalten und ausprobieren lassen, vorgelesen. Wir haben zusammen gesungen, gelacht, gespielt, gelernt. Ich habe mir eine Gitarre gekauft und angefangen darauf zu üben, weil die Kinder immer so begeistert davon waren. Ich hatte neben dem Stress auch sehr viel Spaß mit ihnen. Das ist kein Job am Fließband oder Maschinen. Da sind Kinder, kleine Menschlein, welche viel Liebe, Verständnis, Geduld und Zuwendung brauchen. Und dann wird eben mal die Erzieherin in eine andere Kita versetzt. Es macht mich unendlich traurig, „meine Kinder“ jetzt nicht mehr sehen, begleiten und erleben zu können. Nicht mehr ihre Fortschritte zu sehen, ihre Entwicklung zu beobachten. Ich war mit Leib und Seele dabei. Nur dass ich auch ehrlich war. Und das verträgt nun mal nicht jeder. Ich vermisse alle anderen Kinder der Kita und meine Kollegen. Ich kenne so viele nun schon größere Kinder aus dem Ort und habe mich immer wieder gefreut, sie und ihre Familien wiederzusehen. Ganz liebe Grüße an Opa R. , welcher mir besonders ans Herz gewachsen ist. Wenn es hupt, bin ich es. Ich habe mich in eurem Ort so wohl gefühlt und wäre gern geblieben. Ich soll jetzt in einem anderen Ort andere Kinder betreuen. Das kann ich nicht so von heute auf morgen. Ich bin auch ein Mensch mit Gefühlen. Mir wurde vorgeworfen, ich sei verantwortungslos den Kindern gegenüber, die ich betreuen soll. Ich frage mich, wer hier verantwortungslos ist. Meine letzte Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber war für mich die einzige Lösung. Ich habe mein Arbeitsverhältnis nach 11 Jahren beendet und mein Arbeitgeber hat mir nicht ein klitzekleines Steinchen in den Weg gelegt. Ein Anruf bei der Sachbearbeiterin genügte und ich konnte ganz schnell einen Aufhebungsvertrag ohne ein jegliches weiteres Gespräch oder Kontakt unterschreiben. Das ist doch toll und vor allem so menschlich.
An dieser Stelle möchte ich aber auch noch ganz lieb danke sagen. Danke an K., N. und C.. Ihr habt mir in der ungewissen Zeit viel Halt und Zuversicht gegeben. Ihr habt mir ermöglicht, dass ich eure Kleinen hin und wieder einmal sehen und erleben konnte. Und wir sind Freunde geworden. Ihr habt das Herz am rechten Fleck. Da kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden.

Ines
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