Wut und Schrecken in Bitterfeld-Wolfen

Bitterfeld-Wolfen: Kulturhaus Wolfen |

zur Einwohnerversammlung am 23.03.2015


Montag Abend, der 23.03.2015, 16:50 Uhr, vor dem Kulturhaus in Wolfen. Ich stehe an mein Auto gelehnt und rauche gemütlich eine Kippe. Aus den Boxen schallt Janis Joplins Stimme und ich blicke neugierig zum Seiteneingang des Kulturhauses herüber, wo sich immer mehr Leute einfinden. Es sind die interessierten Bürger der Stadt Bitterfeld-Wolfen. Es zeichnet sich schon von fern ab, dass man vergeblich nach Einwohnern sucht, die noch nicht das Ren-tenalter erreicht haben. Ich schließe mein Auto ab, ziehe ein letztes mal an meiner Zigarette und gehe dann über die kaum befahrene Straße.
Als ich das 063, den zweitgrößten Saal des Kulturhauses - ein Bau aus der Industriezeit der Stadt - betrete, erkenne ich, dass ich zu den wenigen jüngeren Anwesenden gehöre. Ich lasse mich in einer der Sitzreihen nieder und blicke mich nach den anderen Personen um. Gegen 17 Uhr betreten dann die Vertreter der Stadt - Petra Wust (Oberbürgermeisterin), Stefan Hermann (Bauwesen), Joachim Teichmann (Haupt- und Sozialverwaltung), Rolf Hülßner (Finanzwesen) und Lutz Jerofke (Büro der Oberbürgermeisterin) - die Bühne. Niemand klatscht, kaum einer blickt sie mit einem freundlichen Gesicht an. Es herrscht Krieg in dieser Stadt. Die Stadträte kämpfen gegen die Verwaltung, die Bürger kämpfen gegen die Verwaltung und die Verwaltung kämpft gegen alle. Ich bin das ein oder andere Mal bereits mit den Stadträten in Berührung gekommen und ich kann wirklich nur sagen, dass es sich um ein Gremium alter, auf sich fixierter Männer, die mit allen Mitteln ihre Meinung durchsetzen wollen, handelt. Alleine der Fakt, dass ein Vertreter der AfD dort hinein gewählt wurde sagt vieles aus. Doch zurück zum Geschehen des Abends.
Zu Beginn präsentiert Frau Wust in einer Rede die Ergebnisse und Ereignisse des letzten Jahres sowie die Vorhaben der Stadt für das Jahr 2015. Im Anschluss erläutert Herr Hülßner die Finanzielle Lage der Stadt. Fakten, die dabei besonders hängen bleiben und die ernsten Gesichtsausdrücke aller Anwesenden rechtfertigen, sind, dass unsere Stadt immer noch Schulden in Höhe von 41 Mio. Euro hat. Außerdem ist es erschreckend, dass die Gruppe der 10 bis 24jährigen in dieser Stadt gerade mal 10 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Dafür sind ca. 28 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Und ca. 33 Prozent sind 45 bis 64 Jahre alt. In der Tabelle der Städte mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Deutschland liegt Bitterfeld-Wolfen ganz weit oben. Und diese Stadt soll noch eine Zukunft haben? Der Zuzug ist geringer als der Wegzug und jedes Jahr sterben immer mehr Einwohner weg, wobei immer weniger geboren werden. Doch dies ist nicht nur ein kommunal politisches Problem sondern das Problem des ganzen Landes. Nachdem den meisten Leuten nach der Vorstellung der Finanzlage der Arsch auf Grundeis gegangen ist, stellt Herr Hermann das in letzter Zeit oft in der Presse erwähnte und von der Bevölkerung kritisierte Stadtentwicklungskonzept "STEG 2015-2025" vor. Es ist von Abriss und Rückbau die Rede. Von ehemals 80.000 Einwohnern sank die Zahl auf 40.000 Einwohner zurück. Und im Jahr 2025 rechnet man nur noch mit 35.000 Einwohnern. Folglich herrscht Leerstand. Die Stadt muss zurückgebaut werden, da sich niemand den Leerstand und die ungenutzten Flächen leisten kann. Es ist die Rede, dass neue Investoren kommen, die neue Wohnflächen schaffen werden. Ob diese Versprechen wirklich eingehalten werden, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Erschreckend ist nur, dass das "STEG" bis jetzt noch nicht vollständig ausgearbeitet wurde, wobei die Auflage bestand, es bis zu einem bestimmten Termin zu verabschieden. Doch die Mühlen der Stadt malen fast genauso langsam und ungenau wie es die des Bundes zu tun pflegen. Nachdem Zahlenmaterial und Zukunftspläne vorgetragen wurden, kommt der Teil der Fragestunde, die sich auf an-derthalb Stunden ausweitet. Teils banale, teils brisante Themen werden von den Bürgerinnen und Bürgern angesprochen. Bei manchen Fragen muss ich mich zusammenreisen nicht zu gähnen oder gänzlich einzuschlafen. Der Arbeitstag war lang und die Einwohnerversammlung zieht sich wie ekeliger Kaugummi, der zu lange in der Sonne lag. Da ich mir das Rumgejammer nicht mehr anhören kann, verschwinde ich für eine Weile aufs Klo, wo ich mir eine La-dung kalten Wassers ins Gesicht werfe, um halbwegs wieder wach zu werden. Als ich den Saal wieder betrete herrscht immer noch das Wortgefecht Bürger gegen Oberbürgermeisterin. Worüber sich manche alte Bürger aufgeilen ist erschreckend und banal wie ein umstürzender Sack Reis in China. Die meisten Fragen beziehungsweise Anliegen hätte man mit einem Brief an die entsprechende Verwaltungsabteilung klären können. Doch die öffentliche Entrüstung und die zur Schau Stellung der eigenen Probleme sowie der Hunger nach Applaus sind hartnäckiger und sturer als jeder alte Junkiebettler. Irgendwann schalte ich einfach nur noch auf Durchzug und ich bete insgeheim, dass das alles ein Ende hat. Ob es wirklich weltbewegend ist, dass man sich über Gehwege, die von Baumwurzeln leicht angehoben werden oder über den vom ausgezogenen Nachbarn nicht sachgerecht entsorgten Sperrmüll beschwert wissen nur die verbitterten alten Leutchen. Es ist immer wieder interessant zu hören, dass die meisten Personen sich über Sachverhalte beschweren, mit denen sie sich nur teilweise auskennen. Dabei kann man fast alles im Internet einsehen und nachlesen. Es herrscht doch die Zeit der glä-sernen Verwaltung. Erschreckend ist, dass sich die Stadt zu einen Brennpunkt entwickelt, in dem Kriminalität in seiner dreistesten Form stattfindet. Neben nächtlichen Einbrüchen in Geschäften nehmen sogar die Diebstähle am Tag zu. In einer Stadt, in der immer mehr arme Menschen leben, wächst der Wunsch an mehr Geld zu gelangen. Und dass dies nur schwer mit herkömmlichen und rechten Dingen zu bewerkstelligen ist, weiß fast jeder.
Gegen 19:40 Uhr löst sich die Versammlung endlich auf und ich bin heil froh wieder an die frische Luft zu gelangen. Es wurde mal wieder sehr viel geredet und kaum etwas gesagt. Die einzige Erkenntnis des Abends liegt darin, dass in dieser Stadt unbedingt etwas getan werden muss. Gegen den Wegzug, für die Attraktivität der Wohnräume und für die bessere Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung, den Stadträten und der Bevölkerung. Es bringt nichts, sich nur aufzuregen und keine Ideen und Vorschläge zur Verbesserung vorzuweisen. Und wenn man nur noch meckert, wo bleibt denn da noch der Spaß am Leben?
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