Fachvortrag "Rechtsextreme Frauen in der DDR"

Rechtsextreme Frauen in der DDR der 1980er Jahre im Blick von MfS und Polizei.
 
Frau Voigtländer von der Amadeu Antonio Stiftung.
Bitterfeld-Wolfen: Heinrich-Heine-Gymnasium |

Am 12.06.2017 präsentierte der Verein „Frauen helfen Frauen“ einen Fachvortrag zur Ausstellung „Rechtsextreme Frauen in der DDR der 1980er Jahre im Blick von MfS und Polizei“ von Henrike Voigtländer am Heinrich-Heine-Gymnasium Wolfen.

Rechtsextreme Frauen werden mit ihren politischen Meinungen und Handlungen oft übersehen und als Gefahr für die Gesellschaft unterschätzt. Der Vortrag zur Ausstellung spannte dabei einen Bogen zwischen der Wahrnehmung von rechtsextremen Frauen in der DDR in den 1980er Jahren und der Frage, wie rechtsextreme Frauen heute eingeordnet werden.
Vier Fallgeschichten näherten sich der Fragestellung exemplarisch:So verteilte Hilde K. Ende der 1980er Jahre DDR-kritische Schriften in ihrem Wohnort und schmierte Hakenkreuze im Stadtpark. Das MfS bezeichnete sie als „geistig primitiv“ und empfahl, sie für zehn Monate Freiheitsentzug zu verurteilen.

Die Schülerin Nicole M. beschallte ihr Dorf mit Reden von Adolf Hitler, beleidigte Jugendliche rassistisch und erntete dafür von Pädagog*innen Erstaunen: Eigentlich sei Nicole M. ein tüchtiges, „frauenhaftes“ Mädchen, ja sogar stellvertretende FDJ-Sekretärin.
Sabine P. und Peggy T. nahmen beide in der Berlin-Lichtenberger Szene unterschiedliche Rollen und Funktionen ein. Während die eine sich stets an gewalttätigen Auseinandersetzungen beteiligte, vor allem während Fußballspielen, stand die andere in engem Kontakt zu hoch politisierten und strategisch handelnden Skinheads und sorgte zeitweise für deren Unterschlupf. Die erstere wurde als „gefährlicher Rechtsbrecher“ verurteilt, bei der anderen wird ihr Involviertsein in die rechtsextreme Szene als irrelevant eingeschätzt und sie für ihre sogenannte „asoziale“ Lebensweise verurteilt.

Die Ausstellung und der Vortrag von Henrike Voigtländer zeigen, dass die Polizei und MfS nach jahrzehntelanger Ausblendung rechtsextremer Übergriffe, Ende der 1980er Jahre – nach dem Öffentlich werden des Rechtsextremismus infolge eines Übergriffs auf ein Rockkonzert in Berlin – Neonazis verschärft beobachtet, verfolgt und bestraft. Dabei nehmen MfS und Polizei auch das Handeln rechtsextremer Frauen durchaus wahr; sie werden observiert und verurteilt. Jedoch verharmlosen sie die Einstellungen und Aktionen der Frauen wiederholt und entpolitisieren sie entlang von geschlechterspezifischen Stereotypen.

Rechtsextreme Frauen werden so auf ihr Äußeres und auf ihre Sexualität reduziert, als psychisch krank eingestuft oder lediglich in Abhängigkeit mit privaten Beziehungen zu männlichen Neonazis gesehen. Ihre Gefährlichkeit für die Gesellschaft bleibt somit unerkannt.
Im Anschluss beantwortete Henrike Voigtländer alle Fragen der Schüler*innen und Lehrer*innen. Frau Ines Fischer vom Heinrich-Heine-Gymnasium bedankte sich letztendlich bei der Referentin für diesen spannenden und interessanten Vortrag, bei dem alle Anwesenden einen Einblick in ein bisher unerforschtes Gebiet erhalten haben.

Frau Voigtländer studierte Kunstgeschichte und Geschichte an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin. Sie ist Doktorandin am Zentrum für Zeithistorische Forschung und untersucht Geschlechterverhältnisse im Betriebsleben der DDR. Neben ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit Gender und Rechtsextremismus und ist freie Mitarbeiterin der Amadeu Antonio Stiftung.

Hier ist die Amadeu-Antonio Stiftung im Internet zu finden:Amadeu-Antonio-Stiftung

Anmerkung: Die Schüler/ Eltern sind mit der Veröffentlichung der Fotos einverstanden.
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