Zum MZ-Artikel "Tourismus an der Goitzsche entwickelt sich prächtig", Ausgabe Bitterfeld vom 20.10.2012

Blick zur Halbinsel
 
Bitterfelds "Caneletto"-Blick
Es ist nachvollziehbar, dass der Geschäftsführer der EBV mbH (Entwicklungs-, Betreiber- und Verwertungsgesellschaft Goitzsche mbH (EBV mbH) Bitterfeld-Wolfen) seine Sache vertritt.
Die Goitzsche ist ein wesentliches Teilstück des Ansehens einer ganzen Region. Es ist richtig festzustellen, dass mit diesem Aushängeschild, die Entwicklung der einst von großen, industriell bedingten Umweltlasten geschundenen Region offensichtlich für jedermann wird. Und sehr zur Freude von Anbietern von Aktivitäten für Freizeit und Erholung spricht sich dieser Umstand herum und sorgt für überregionales Interesse. Dies geht nicht nur vom See alleine aus, sondern auch von den Möglichkeiten der angrenzenden Waldgebiete Goitzschewildnis, Dübener Heide, die Mittelelbe und der Fläming. Beispielsweise für Radfahrer aller Klassen bieten diese Gebiete überaus gute Bedingungen.
Es kann davon ausgegangen werden, dass der Besucherandrang direkt am See auch noch ein wenig mehr wird. Vielleicht wird der eine oder andere Gast auch einige Tage länger hier zubringen, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Nochmal: die große Aufmerksamkeit welche der Seelandschaft rings um Bitterfeld geschenkt wird, wird sich sicher langfristig als Segen erweisen, wenn es gelingt diese Landschaft sauber, natürlich und ökologisch zu entwickeln.
Ich möchte Herrn Bernhardt jedoch dahingehend widersprechen, als dass er die Ansicht vertritt, dass die Erweiterung der Bautätigkeit direkt am See mit neuen, touristischen Attraktionen eine segensreiche Wirkung auf die Region hätte. Er verfolgt offenbar das Motto: lieber heute einen schnellen Euro als eine intakte, lebenswerte Stadtlandschaft. Außerdem kann ich es sehr genau nachvollziehen, dass die Stadt- und Gemeinderäte die ehrgeizigen Ambitionen des Vorstandes der stadteigenen Gesellschaft nicht allumfassend mittragen können.
Was aber ist falsch am Ansatz von Herrn Bernhardt?
Die wissenschaftliche Arbeit (ich unterstelle, es handelt sich um eine Bachelor-Arbeit), hat sicher auch einiges zu den Verteilungen des Besucherandranges gesagt. Da sind zum Einen die im Artikel genannten Volksfeste. Da sind zum anderen spontane Besuche von Bewohnern der Region. Und da spielt zudem sicher auch eine große Rolle, dass zahlreiche Menschen aus der Region in andere (insbesondere in westliche) Regionen Deutschlands abwandern, und dort von ihrer Heimatregion berichten. Es spricht sich halt rum... Da haben der Mann und die wissenschaftliche Arbeit sicher recht.
Zu unterstellen, dass die Veränderung des Charakters des Goitzschesees als Bergbaufolgelandschaft, deren Zweck und Inhalt es von Anfang an war und noch heute ist, die Kräfte der Natur walten zu lassen und still abzuwarten, was diese Natur mit dieser Landschaft macht, einen effektiven Nutzen für die klammen Kassen der Stadt Bitterfeld hat ist kurzsichtig, kleinlich und daher verwerflich. Und dabei besteht das Potential dieser Landschaftsentwicklung vor allem darin, dass alle Menschen sich genau diesen einmaligen Prozess anschauen können. Dass sie diese wieder belebte Natur besuchen und für Wandern, Radeln und sonstige Erholung nutzen können.
Die frühen Absprachen zur Entwicklung der Goitzschelandschaft hatten genau dieses Ziel.
Was Herr Bernhardt (und er nicht allein) jedoch verlangt ist nicht mehr und nicht weniger die Aufgabe dieses Zieles und die Umstellung des Sees und der angrenzenden Landschaft in die komplett technisch-touristische Nutzung.
Nehmen wir einmal dieses Ziel auseinander. Wenn das heere Ziel von 1,5 Mio. Besuchern angepeilt und realisiert werden könnte, so müsste man selbstverständlich die Frage stellen, wo sollen denn diese Menschenmassen herkommen? Im Großraum Leipzig-Halle-Dessau-Wittenberg leben zwar an die eine Million Menschen, jedoch würden die ja nicht ausreichen um diese Frequentierung zu erreichen. Außerdem würden diese Menschen, wenn sie denn die Goitzsche besuchen, nicht gleichzeitig andere Ausflugsziele aufsuchen. Dort würden sie dann sicher fehlen. Irgendwann ist auch der Markt an Erholung und Freizeit gesättigt! Dieser, im Artikel genannten Zählweise will ich mich nicht anschließen.
Das nächste Problem besteht in der Infrastruktur. Bis zu 1,5 Mio. Besucher brauchen Raum, um ihre Fahrzeuge abzustellen. Wenn in jedem Fahrzeug mindestens zwei Personen unterwegs sind, sind dies alleine zum Zwecke des Tourismus ca. 2050 Fahrzeuge pro Tag, wobei sich eine Konzentration auf die Sommermonate ergeben würde. An manchen Tagen könnten also durchaus mal 10.000 Fahrzeuge den Ort Mühlbeck auf der Suche nach den touristischen Attraktionen der EBV durchqueren. Das ist eine nicht abreißende Blechlawine!
Ganz zu schweigen von dem dritten, von den Protagonisten des See-Ausbaus gern verschwiegenen Problem. Was machen all diese Menschen hier, wenn sie denn wirklich kommen. Bernhardt hat recht, wenn er meint, dass die nur kommen, wenn man etwas noch viel besonderes anbietet, als beispielsweise das Gondwana-Land in Leipzig, dass ordentlich Besucher anzieht. Aber hat er denn solche gigantischen Bauprojekte im Auge, wenn er von solchen Entwicklungen spricht? Kann unsere Region wirklich durch die reine Bautätigkeit zu solchen Urlaubszentren wie die Alpen, Kärnten oder gar die „Blaue Küste“ (die „cote azur“) in Frankreichs Süden aufschließen? Ist dies denn wirklich zu erwarten?

Und da ist noch die Stadt


In der Stadt gibt es immer mehr sichtbaren Verfall. Ob es da um ungeklärte Eigentumsverhältnisse geht oder um andere Probleme ändert nichts an dem oft traurigen Anblick teils schützenswerter Architektur. Genau wenn man sich dieses vor Augen hält, ist es nicht nachvollziehbar, dass offenbar sehr viel Investionsbereitschft an der Goitzsche existiert wohl aber in der Stadt, nur wenige Gehminuten entfernt die Gebäudesubstanz zerfällt.
Diesen krassen Gegensatz begutachten bereits heute zig-tausend Menschen täglich bei ihren Besuchen und Passagen.
Lasst uns lieber die Goitzsche in ihrer Gesamtheit, sozusagen als künstliche Natur betrachten und begreifen. Lasst die Menschen mit Ruderbooten und mit Segelbooten hinaus fahren und den Sonnenuntergang beobachten. Lasst uns vielleicht noch auf der Strecke rings um die Goitzsche eine Ausspanne (sprich eine Ausflugsgaststätte, vielleicht gepaart mit einem Wildgehege, einem Naturlehrpfad oder dergleichen) errichten, welche ganzjährig für ein zusätzliches Ausflugsziel in der Natur sorgt, an einer Stelle wo bis jetzt weit und breit noch nichts ist. Ich wäre auch nicht gegen eine paar Gästezimmer an dieser Stelle. Inmitten einer intakten Natur, eine naturnahe Einrichtung. Das wäre immer noch konsequent. Da könnten sicher so einige damit leben. Aber einer unbegrenzten Uferbebauung Tür und Tor öffnen würde dem Geist dieses Naturparks eklatant widersprechen und würde diesen Naturraum erneut auf Jahrzehnte vernichten.
Ein Totschlagargument der Kurzzeit-Ökonomen zieht auch nicht: Arbeitsplätze. Wir wissen alle, dass es sich in der Gastronomie und in der Hotellerie zumeist um Billig-Lohn-Kräfte handelt.
Und dann sollte man auch nicht kommen, mit dem Argument, Bitterfeld-Wolfen müsse seine Schulden irgendwie abbauen. In diesem Zusammenhang muss erst einmal geklärt werden, wie dieser eklatant hohe Schuldenberg aufgetürmt werden konnte, bei wem diese Verpflichtungen bestehen und es tatsächlich am Steuer- und Gebührenzahler ist, für diese aufzukommen. Hier liegt vielleicht das allergrößte Potential für die Zukunft!
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
1 Kommentar
14.713
Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 08.11.2012 | 19:20   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.