Stolp in Pommern, 8. - 13.3.1945 (vor 70 Jahren also!)

Stolp, Altstadt nach den Bränden im März 1945
 
Stolp, Altstadt 1930 (bis 1945), Junkers Luftbild 1930
 
Stolp, Altstadt zwischen Stolpe und Neuem Tor/ Stephansplatz
8.3.45, 19 Uhr
Warum geht es nicht weiter? (Anm.: Unser Gastgeber in Gambin und Gutsinspektor dort wartet und wartet, und wenn man ihn fragt, so antwortet er, daß es noch nicht Zeit sei.) Meiner Meinung nach ist es höchste Zeit. Jede Stunde, die wir eher wegfahren, bringt uns weiter von den Russen fort.

9.3.45
Um 23.30 ging es endlich los, über Glowitz in einer unendlich langsamen Fahrt mit tausend Aufenthalten und Hindernissen. Jetzt auf dem Gut Poblotz (9 Uhr) nach durchschaukelter Nacht auf dem Treckeranhänger ist wieder Pause. Ich habe mich hier umgeschaut, es ist ein Lazarett hier, ganz behelfsmäßig, aber mit Küche, Wäscherei und so weiter. Um 10 Uhr soll es weitergehen.

13.3.45, nachmittags
"Weitergehen" - das ging nicht. Das Schicksal hat uns buchstäblich ereilt. Als ich noch schrieb, denn das Warten konnte man ganz gut so ausfüllen, oder besser: gerade Anstalten machte dazu, kam die Nachricht, dass die Russen in wenigen Minuten da wären! Ich sprang auf, denn ich hatte ja noch Uniform an. Ich raus und den Rucksack auf, den Anzug raus gerissen, das Oberhemd, den Schlips und dann runter in den Keller, das war eins! Im Keller war alles voller Menschen, die sich hier sicherer fühlten als oben in den Sälen des großen Baues. Ich in Uniform raus, da saßen alle auf unserem Wagen und wollten noch fort. Doch die Franzosen (Anm.: Kriegsgefangene), die den Trecker fuhren, wollten nicht mehr. Es war ja auch sinnlos, denn Gewehrfeier war schon sehr nahe. Ich rannte in den nächsten Busch, die Familie hetzte wieder ins Haus zurück. An einem kleinen Bach zog ich mich noch schnell um. Runter mit der Uniform, rein ins Zivil. Ein Franzose rief mit noch zu: "Zivil, Zivil, vite, vite!" Nun, ich war schnellstens fertig, hatte einen passablen Anzug an, und nichts erinnerte mehr an meine Zugehörigkeit zur Wehrmacht. Doch, da war noch das Soldbuch. Ich lief in den Keller zurück und steckte es in das Feuer des Küchenherdes, auf dem riesige Mengen an Rinderbraten standen. Ich aß zwei Stück, eine DRK-Schwester schimpfte noch und sagte etwas von "... den Verwundeten alles wegessen...". Ich glaube, ich antwortete: "In zehn Minuten werden andere es wegessen, die fragen Sie auch nicht erst!" Als ich aus dem Keller kam, stand ein Russe da, der freundlich grinste, "woyna kaputt" sagte und mir mit ausgestreckter Hand meine Uhr abverlangte. Ich gab sie ihm, es hätte ja keinen Zweck gehabt zu widerstreben, denn bekommen hätte er sie doch und "nur über meine Leiche" zu rufen *, dazu war mir die Uhr nicht wertvoll genug. Dann kamen mehrere Russen angelaufen, die an mir vorbei ins Obergeschoss stiefelten. Ich ging langsam die Treppe hinter ihnen hinauf, vorsichtig, beobachtend, um ihnen nicht sogleich aufzufallen. Als ich um die Ecke des Ganges kam, bellte ein Schuss! Und wenige Augenblicke später schleppten deutsche Sanitäter einen durch Genickschuss getöteten deutschen Soldaten vorbei.
Dann rollte alles wie im Film ab. Die Flucht aus Poblotz. Wir waren immerhin zehn Personen und kamen doch unbehelligt aus Poblotz heraus. Und dann zogen wir auf der Landstraße Richtung Stolp. Wohin sollten wir auch sonst? Auf der Straße zog ein Strom von Treckwagen dahin, Menschen, die nicht wussten wohin, verängstigt und gehetzt. Wir gingen stetig gen Westen, ein Zug von 10 Personen, dazu ein Kinderwagen (Anm.: mit meiner 3jährigen Schwester) und ein Fahrrad,. Als man mir das Rad zum ersten Male fortnahm und ein zweites Mal auch (Russen, die lieber fuhren als marschierten), ließ ich die Luft aus dem Vorderreifen, was einen geplatzten Schlauch vortäuschte. Von da ab behielt ich mein Rad, das schon längst nicht mehr meins war, aber es lagen genug am Wege, man musste sie nur aufheben.
Die Nacht verbrachten wir in einem Schweinestall. Von den Leuten dort bekamen wir einen Kinderwagen, denn unser hatte nur noch drei Räder. Einige Kilometer weiter brach auch der zusammen. Ich trug das Kind dann die ganze Strecke nach Stolp zurück, mit kurzen Unterbrechungen. In Lojow bekam sie furchtbaren Durchfall und Fieber, aß bis Stolp nichts mehr, und das waren drei Tage. Unsere Nahrung bestand aus wenig Brot und wenig Wurst. Ich hatte in Poblotz alle überflüssigen Sachen aus dem Rucksack genommen und dafür Lebensmittel aus anderen Taschen umgepackt, hauptsächlich Würste, die wir von L. s bekommen hatten. Leider ist auch die ganze Briefmarkensammlung in Poblotz geblieben. Nur der 10-Jahr-Nothilfe-Block ist noch da. Was ich persönlich verlor, ist nicht viel, gemessen an dem, was insgesamt verloren ging auf diesem Treck. Auf dem langen, langen Fußmarsch gab es manche Szene am Rande der Straße, aber wir schauten nicht links, nicht rechts. Eine Situation aber werde ich nicht vergessen. Da winkte mir ein radelnder Russe zu, hatte eine Karte (russisch mit deutschen Ortsnamen!) in der Hand und fragte nach dem Weg. Ich zeigte ihm, wo es langging. Dann nahm er eine Zigarette, zog eine Pistole, steckte sie in die Mündung und hielt sie mir hin. Ich nahm sie, er nahm sich eine zweite, steckte sie an und dann wieder in die Mündung und bot mir so Feuer an. Ich steckte sie mir an (man denkt in diesem Augenblick an gar nichts), worauf er "gutt, gutt!" schrie, mich umärmelte und seines Weges zog. Angst wollte er mir machen, ja, ja, die hatte ich erst hinterher.
Der erste Eindruck von Stolp. Erschütternd. Die Töpferstadt ein qualmender Trümmerhaufen, das Haus von Nikutta am Sandberg brannte lichterloh. Die Quebbenstraße war mit Steintrümmern verschüttet. An der Herzogsbrücke wurden wir von einem russischen Posten nach der Schmiedebrücke geschickt. Nur diese für Deutsche. Alle Brücken waren wohl gesprengt. Die Trümmer lagen wild durcheinander in der Stolpe, Aber sie waren schon ausgebessert. Jetzt kam das Schlimmste. Von der Schmiedebrücke bis zum Neuen Tor sah ich ganze zwei Häuser, die noch standen. Der halbe Marktplatz voller Trümmer und Schutt. Dazwischen ausgebrannte Autos und herabhängende Oberleitungen der Straßenbahn. Nur Spelling und die Ecke Apotheke (Hofapotheke), Dobratz, Schübner stehen noch. In der Wollmarktstraße steht noch alles, hoffentlich auch in der Weidenstraße.

(Erhard Groll, Stolper Tagebuch -
Vergleiche: http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/ku...)


* Mein Opa, Soldat im 1. Weltkrieg, hat sich in Bornzin, Kreis Stolp, so gegenüber den jungen russischen Soldaten verhalten und wurde deswegen erschossen. -


Nie wieder Krieg! Auch nicht wegen der Ukraine. -
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5 Kommentare
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 05.03.2015 | 05:18   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 05.03.2015 | 13:32   Melden
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Priester Gerhard aus Abberode | 06.03.2015 | 05:52   Melden
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Ellen Röder aus Alsleben (Saale) | 08.03.2015 | 08:26   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 10.03.2015 | 13:49   Melden
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