Stolp (Pommern), 10. - 28.4.1945 (vor siebzig Jahren)

Der Marktplatz nach den Bränden 1945
 
Marktplatz Stolp, Vorkriegsaufnahme
10.4.45
Ich war heute in der Hofapotheke, habe mich vorgestellt. Die Apotheke arbeitet wieder, das Chaos von Ende März ist beseitigt. Andere haben also ihre guten Absichten verwirklichen können. Ich hatte sie ja auch. Ich habe gesagt, ich wollte Pharmazie studieren und um eine Anstellung gebeten. Wider Erwarten hat es geklappt. Ich muss nur noch einen Ausweis haben.

11.4.45
Zur Kommandantura kann ich nicht noch einmal.
Ein drittes Mal geht es nicht gut!

12.4.45
Die Mutter hat den Reisepass gefälscht. Ich bin jetzt am 26.1. 29 geboren und erst 14 Jahre alt, und Personen unter 15 Jahre brauchen nicht persönlich zur Meldung erscheinen. Da passt nämlich nichts nehr: 14 Jahre und studieren.

14.4.45
Die Anmeldung hat noch nicht geklappt. Man will mich persönlich sehen! Dann muss ich eben zum Arzt und mich krankschreiben lassen.

16.4.45
Ich bin "krank". Stirnhöhlenentzündung. Die Symptome kenne ich ja aus eigener Erfahrung zur Genüge. (Anm.:5 Wochen Lazarett wegen eben dieser Krankheit).

25.4.45
Alles ist jetzt in Ordnung, die Anmeldung ist jetzt perfekt. Ich habe sogar einen Rot-Kreuz-Ausweis, der mich vor Verschleppung schützt, einen gewissen Schutz gibt er jedenfalls.

26.4.45
Heute war ich den ersten Tag in der Apotheke. Man fühlt sich wieder als Mensch. Meine Kollegen glauben, dass ich stud. pharm. bin! Es wird viel Gewandtheit und viel Lawiren erfordern, um nicht entlarvt zu werden. Denn dieses Missverständnis werde ich nicht aufklären. Obwohl ein stud. pharm. die Apothekerpraktikerzeit hinter sich hat und praktisch alles kann, ich kann überhaupt nichts. Aber es muss sich eben auszahlen, dass ich immer was für Chemie getan habe. Meine erste Aufgabe war, aus einem Haufen von Arzneimitteln unbekannte Präparate herauszusuchen, die sich eventuell anstelle anderer verwenden lassen, die wir nicht haben. Es gibt ja keinen Nachschub. Zwei junge Damen brachten Körbeweise Packungen mit Pillen, Tabletten, Tropfen. Sie hießen Ursula K. und Gerda Ph.. Beide sahen aus, als wenn sie auf dem Kürfürstendamm wären und nicht in einer von den Russen besetzten und zerstörten Stadt. Andere Leute sitzen vor Angst im Keller, und diese Mädel malen sich an und laufen ungeniert umher. Aber ich finde es dennoch ganz nett, denn es zeigt, dass sie noch Lebensfreude haben und den Kopf nicht hängen lassen.
Der Leiter der Apotheke ist Paul G., der schon früher hier Provisor war. Dann sind da: die beiden Geschwister G., Frigga und Katharina, Ilse H., Brigitte N., Herr N. mit Frau (er Drogist) und noch einige Hilfskräfte im Lager. Ich bin sozusagen zur Entlastung des Chefs da - und ich habe kaum eine Ahnung! Das ist ein Tanz auf dem Vulkan! Nun, es wird schon schief gehen. Rausschmeißen können sie mich immer noch, diese Stellung wird solange wie möglich gehalten, was Besseres gibt es nicht! Zu Hause sind sie nur ganz oberflächlich eingeweiht, damit sie sich nicht verplappern, wenn sie einen aus der Apotheke treffen.

27.4.45
Heute gab es schon Naturalien. Etwas Mehl, Zucker und zwei Eier. Die Russen und auch die deutsche Landbevölkerung bringen allerhand "Produkte", um bevorzugt beliefert zu werden. Wir müssen immer wieder durch die noch erhaltenen Apotheken gehen und zusammensammeln, was irgendwelchen Wert hat. Das heißt: "erhalten" ist nur noch eine Apotheke, die anderen haben nur noch ihre Keller, die aber sehr stabil sind und auch den Zusammenbruch der Häuser darüber ausgehalten hatten. Denn es kommt nichts nach. In Stolpmünde soll ein ganzer Waggon mit Arzneimitteln stehen. Gerücht oder Wahrheit? Wir leben also hier von der Substanz, und bei dem enormen Bedarf an allem kann man sich vorstellen, an den Fingern abzählen, wie lange es reichen wird. Besonders Läuse-, Krätze- und Mittel gegen Geschlechtskrankheiten sind enorm gefragt. Grundsätzlich gibt es alles auf Rezept. Jeder, der Läuse hat, muss zum Arzt. Das mag lächerlich erscheinen, aber es ist notwendig, um die vorhandenen Chemikalien soweit wie möglich zu strecken. Außerdem sind Läuse der Überträger des Flecktyphus. Ich lese alles immer gleich nach, Bücher gibt es hier in Hülle und Fülle.
Alles sucht nach Sulfonamiden, denn die Russen geben eine Uhr für eine Packung Sulfapyridin oder Eleudron. Ich habe aus Kellern und Wehrmachtssanitätskästen, die wir zum Ausschlachten hier stehen haben, 140 Tabletten herausgeholt. In der Weidenstraße stehen noch 50 g Eleudron in Substanz, schon bei meiner ersten Apothekenbesichtigung im März "sichergestellt". Ein schönes Wertobjekt und umgerechnet einige Uhren wert.
Jeden Mittag bekommen wir von der Rot-Kreuz-Küche, die im Hause von Dr. Kugkidt (Anm.: Bismarckplatz, Südseite) eine prima Mahlzeit, meistens ein Fleischgericht. Da habe ich heute doch Gr., meinen Zeichenlehrer, wiedergesehen! Er ist Krankenträger, ebenso John K. (Anm.: Textilhaus, Markt), der einstmals ein großes Geschäft besaß. Leiter des Roten Kreuzes ist ein gewisser M., der aus Königsberg ist und jetzt von den Russen als Verantwortlicher für das Gesundheitswesen eingesetzt worden ist. Beim Essen viel buntes Volk, manche kenne ich schon, andere stellen sich vor. Unsere Mädchen aus der Apotheke haben immer eine ganze Batterie von Flaschen und Schachteln mit Gewürzen vor sich, mit denen das Essen, die Suppen vor allem "erst mal genießbar" gemacht wird. Salz gibt es auf dem Tisch, es schmeckt nach Viehsalz. Wir haben unser eigenes, chemisch reines, nach dem Deutschen Arzneibuch geprüftes.

28.4.45
Das Personal der Apotheke wird beneidet. Erstens wegen der verhältnismäßig angenehmen Arbeit, zweitens der Sonderzuteilungen an Lebensmitteln. Heute gab es zum ersten mal nach sieben Wochen: Butter! Jeder bekam 100 g. Es wird ohne Ansehen der Person nach Kopfzahl geteilt, was so hineinkommt. Die Familie freute sich vielleicht!
Mittags sitze ich auf dem Hofe, sonne mich. Ringsum von Gebäuden umschlossen, ist der Hof nicht einzusehen. Er mutet mit seiner steilen, altertümlichen Holztreppe, die zur Wohnung des ehemaligen Apothekers K. führt, wie ein Bild von Spitzweg an. Der Hof ist eine Oase in der Steinwüste der zerstörten Innenstadt.
Eine Menge Vögel nisten in den alten Fliederbüschen und Efeuvorhängen, die die baufälligen Wände verhüllen. Wir kommen um neun und gehen gegen sechs. Dann wird die nur mit Brettern vernagelte frühere Glastür verriegelt.
Um zehn Uhr abends ist Sperrstunde, ab dann geht auch so keiner mehr vor die Tür, denn sicher ist man auf der Straße nie, abends noch weniger. Dennoch liegt was wie schöner Frühling in der Luft, es ist mit der Wärme auch das Gefühl gekommen, dass sich irgendwie schon alles wieder zurechtlaufen wird.

Erhard Groll


Siehe auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/ra...!
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3 Kommentare
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Priester Gerhard aus Abberode | 22.03.2015 | 06:00   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 23.03.2015 | 06:19   Melden
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Priester Gerhard aus Abberode | 23.03.2015 | 20:41   Melden
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