Stolp (Pommern) - 29.4. - 2.5.1945

Stolp (Pommern), 1945 nach den Bränden
29.4.45
Heute war Versammlung auf dem Markte. Der russische Stadtkommandant sprach über die Stimmung in der Bevölkerung und forderte sie auf, aktiv am Wiederaufbau mitzuarbeiten. Er versprach jeden russischen Plünderer mit Gefängnis zu bestrafen und kündigte die Aufstellung von Polizeipatrouillen an. Dann gab er bekannt, dass Stettin am 26.4. gefallen ist und die Rote Armee in den Vorstädten von Berlin stände. Die Wirkung, die er wohl mit seinen Worten erhofft hatte, blieb aus. Niemand war irgendwie beeindruckt. Die Leute sind viel zu abgestumpft. Nur ihr eigenes persönliches Wohlergehen interessiert sie.
Es gibt jetzt eine Zeitung, herausgegeben von der Roten Armee, die die wichtigsten politischen und militärischen Ereignisse bringt, natürlich von sowjetischer Seite gesehen. Immerhin besser als gar nichts.

30.4.45
Morgen ist der 1. Mai, der "Tag der Schaffenden". Man lässt auch uns teilnehmen an dieser völkerverbindenden Einrichtung und erklärt diesen Tag als arbeitsfrei.
Es ist erstaunlich, wie viele Leute Kleider- oder Kopfläuse haben. Wirklich vornehm aussehende Damen fordern Sabadilessig und Viehreinigungspulver, das letztere allerdings nicht unter diesem Namen, sondern als "Läusepulver". Unsere mageren Vorräte an Läusepulver waren ausgegangen, so nehmen wir jetzt eben Viehreinigungspulver. Es scheint sehr gut zu wirken.

1.5.45
Dieser Tag gestaltete sich wirklich zu einem Volksfest - für die Russen. Die Deutschen waren kaum auf der Straße zu sehen. Denn: wenn die Russen getrunken hanen, sind sie unberechenbar. Und zum Trinken gab es viel Anlass. Überall sind Triumpfbögen aus Holz und rotem Tuch (rotes Tuch gibt es in Mengen), geschmückt mit Bildern von Stalin, Lenin, Timoschenko und anderen Größen.
An der Front des Rathauses hängen Portraits von Stalin, Paulus und Seydlitz! Das beste Material das aufzutreiben war, hat man in den Bau des "Ehrenmals für die Kämpfer der Roten Armee" gesteckt, das auf der einen, nach Süden gehenden Schmalseite des Stephanplatzes so langsam entstanden ist. Es ging das Gerücht, diese riesige Baugrube wäre ein Massengrab ... Am 1. Mai wird das Denkmal enthüllt.
Morgen wird das Theater eröffnet. Es sind einige Schauspieler und Tänzerinnen und Sängerinnen hier, teils von hier, teils hierher verschlagen, die in mühevoller Arbeit ein kleines Ensemble geschaffen haben. Karten kauft man nicht, man holt sie von der "Deutschen Verwaltung" im Hause von Albert Florian (Garage, Hindenburgstraße). Ja, eine Verwaltung haben wir auch schon. Aber was für eine!

2.5.45
Heute ist der Geburtstag von Helmut (Anm.: mein Bruder, 10 J.). Der arme Junge hat jetzt auch keine Schule.
Die Theateraufführung in unserer "Kulturscheune" (Anm.: das Schützenhaus) war gut gelungen und hatte trotz der widrigen Umstände ein gewisses Niveau. Wichtig: es gibt wieder Strom. Sonst wäre der dunkle Raum auch kaum zu erleuchten gewesen. Wenn auch Girlbeine und Situationen, Witze und Pantomimen am meisten zogen, so gab es auch nette Rezitationen, die auch den Anspruchsvolleren etwas boten. Solche hat es sicher kaum gegeben. Ein Orchester von 10 Mann spielte flotte Rhythmen und sorgte 2 1/2 Stunden für eine scheinbar unbeschwerte Stimmung.
Elisabeth A. hatte die Einstudierung der sechs Girls übernommen, die so etwas wie die Mädchen von der Scala in Berlin darboten, untergehakt und hoch die Beine! Vier vin ihnen kannte ich, die Geschwister A., Ingrid und "Hildchen", die ich schon aus den letzten Kriegsjahren kannte, dann Lore und eine Amateurin reinsten Wassers, Dorothea F. aus der Drogerie Arnold am Markt, Ecke Lange Straße, kannte ich die doch ... !? Manager und Regisseur, Organisator und "Intendant" ist Witold Th., Sohn des Textilkaufmanns, Markt, Ecke Goldstraße. Ich muss mal versuchen, an ihn heranzukommen, denn er war, wie ich weiß, mit J. (Anm.:J., Lange Straße, Schnäpse und Liköre, mit zwei Töchtern, Elisabeth und Biggi, die ich aus Rowe kenne) befreundet, er, Witold, war auch dabei. Th.s wohnen jetzt im Schloss, an der Lachsschleuse gegenüber.

Erhard Groll


Siehe auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/bl...!
5
Diesen Mitgliedern gefällt das:
 auf anderen WebseitenSendenMelden
2 Kommentare
10.856
Peter Pannicke aus Wittenberg | 27.03.2015 | 21:33   Melden
9.063
Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 27.03.2015 | 22:32   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.