Stolp (Pommern), 9. Mai 1945

Stolp (Pommern), 1945, Ruine der Kreissparkasse am Markt, Aufnahme von E. Groll!
zum 8.Mai.2015 (70 Jahre Kriegsende)

9.5.45
Kriegsende!
Überall tanzende Russen auf der Straße, die auch Deutsche umärmelten und "woyna kaputt!" singen. Viel Freude also bei der Roten Armee. Aber auch bei den Deutschen Erleichterung; vielleicht wird manches besser? Hitler ist tot, die ganzen Nazis wahrscheinlich ergriffen und an die Wand gestellt. Hier ist der Krieg schon acht Wochen tot, jetzt leben wir wieder! -
Eine neue Helferin haben wir in der Apotheke bekommen, die früher in der Schloßapotheke war, wo sich fast die ganze Belegschaft mit dem Chef am 7.3. das Leben genommen hat. - Und nun kommt auch hier so langsam ans Tageslicht, dass Paul G. und seine Frau auch Selbstmord verüben wollten, mit Veronal. Sie starb, er überlebte. Er spricht sonst nie über diese dunkle Stunde, aber heute nach dem "Friedenstrunk" mit einigen russischen Offizieren in der Offizin, erzählte er, fast beiläufig, dass auch er eigentlich tot sein müsste.
Das Mädchen hießt Liesel. Ich habe sie für morgen in die neue Revue "In 100 Minuten um die Welt" eingeladen. Schon die zweite Inszenierung innerhalb von 10 Tagen im Schützenhaus! Heute Abend gehe ich mit einem russischen Offizier, Niko Rowzenko, Tennis spielen. Er ist eine Art Aufseher für die Apotheke, ist sehr gebildet, spricht fließend Englisch und Französisch und etwas Deutsch. Nebenbei ist er Sektionschef bei der NKWD.
Das Blücherdenkmal auf dem Markt haben wir lange betrachtet; er wusste bedeutend mehr über Blücher als ich. Er erzählte mir, was Napoleon sagte, als er in Berlin am Sarg Friedrichs des Großen stand: "Lebten Sie noch, Sire, stände ich nicht hier?" Ich sagte: Gilt das auch für Blücher und die Rote Armee?" Er lächelte nur, antwortete aber nicht.

Erhard Groll, Stolper Tagebuch

(weitere Abschnitte bereits vorher eingestellt!)

E. Groll zu dem Bild:
10.7.45 Ursula K. hat eine Freundin, die wiederum einen Polen kennt. Und der hat einen Fotoapparat. Ich würde ja zu gern von der Apotheke aus den Marktplatz fotografieren. Ein Film muß her, was sicher nicht einfach ist.
13.7.45 Am selben Abend den Film bekommen und erst Kullerchen im Hof und dann vom "Mondfenster" der Apotheke ganz oben den Marktplatz fotografiert. Licht war schlecht. wir morgen wiederholt.
15.7.45 Film wird morgen von einem zuverlässigen Polen, , Kullerchens neuem Freund, entwickelt werden. Vier Aufnahmen sind darauf. -
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3 Kommentare
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Wolfgang Freystadtl aus Dessau-Roßlau | 03.05.2015 | 08:39   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 03.05.2015 | 09:13   Melden
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 08.05.2015 | 06:21   Melden
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