Stolp (Pommern) - ein Abschied vor 70 Jahren (Kriegsende 1945)

Am 1.6.15 am Bahnhof Slupsk (Stolp)
 
Blick zum neuen Bahnhofsgebäude aus der Bahnhofstraße, 12.6.2012
 
Blick über den Markt zur Marienkirche am 1.6.2015
Erhard Groll s Tagebuchaufzeichnungen enden am 31.7.1945. *
Als er sein Stolper Tagebuch mit den Anmerkungen versieht, weiß er nicht mehr genau, warum er nicht noch weiter geschrieben hat.
Aber sein Abschied von Stolp steht sowieso kurz bevor, wie wir in seiner Ergänzung von 1981 lesen können:

Im August mehr Polonisierung. Wir in unserer kleinen Wohnung in der "Kublica" (Kublitzer Straße) mussten zwei Zimmer abgeben an einen Kongresspolen aus der Lemberger Ecke. Der kam mit Ross und Wagen. Nun wohnten wir mit 10 Personen in drei Zimmern.Aber es ging. Der Vater kam aus Berlin, er hatte den Brief erhalten, den ich nach Berlin geschickt hatte. Er musste sich verstecken, obwohl er einen ordnungsgemäßen britischen Entlassungsschein hatte. Wir hatten noch einen Anzug und seinen Wintermantel gerettet (im zugedeckten und getarnten Weinkeller in der Weidenstraße 4); mit beiden angetan ging er in die Stadt. So gut angezogen gingen nur einige Polen, er wurde nie angehalten, aber gewagt war es schon.
Aus dem alten Büro in der Wasserstraße1 hatte ich schon vor Wochen die Geschäftspapiere geborgen, die wir sorgfältig versteckten. Sie waren später die Grundlage der Lastenausgleichs-Ansprüche.

Im September war die Entlassung eines Teils der deutschen Apothekenkräfte aktuell - Polen sollten kommen. Ich ließ mir eine Arbeitsbescheinigung ausstellen. Aber es ging noch einige Wochen mit deutscher Besatzung weiter, die Polen hatten auch ihre internen Machtkämpfe. So wurde der Mgr. Kasimirowicz gegen einen anderen Magister ausgetauscht, der wahrscheinlich die besseren Papiere (Parteibuch) hatte. Im September 45 waren etwa 6 bis 800 Polen in der Stadt. Das Theater war mit einem "Theaterzug" nach Greifswald evakuiert worden, was blieb, spielte nur noch polnisch. Lebensmittel, Strom, Wasser, alles kostete jetzt Zlotys. Nun begann der große Ausverkauf - alles wurde verkauft, was Geld brachte. Denn es wurde nur zu gut bekannt, dass bei den Transporten in den Westen auf der Strecke und in Scheune bei Stettin organisierte Räuberbanden die Deutschen restlos ausplünderten. Dann lieber Geld daraus machen, alles aufessen und etwas Geld verstecken, deutsches, das man jetzt wieder handelte. Auch Rubel und
Tscherwonzen (10 Rubelchen) waren im Umlauf, sogar Dollar konnte man haben. Wir hatten 22 $. Der erste Versuch, mit einem Rot-Kreuz-Transport in den Westen zu gelangen, ging daneben, weil diejenigen, die das organisiert hatten, mit einigen tausend Zloty verschwanden.

Am 26.9. aus der Apotheke entlassen, mit freundlichen, bedauernden Worten und einem polnischen Wisch (" ... auf eigenen Wunsch" usw.) Andere mussten auch aufhören. Verhaftungen begannen wieder. Ich hatte gewisse Schwierigkeiten mit dem Ausreisevermerk, bekam ihn aber doch noch. Wegen der räumlichen Enge in der Kublica zog ich in die Küsterstraße 19 zu Ursula K. Sie hatte noch ein Zimmer, das sonst von Polen beschlagnahmt worden wäre. Eine andere Ursula aus früheren Zeiten traf ich wieder: Ursula A., die Tochter von Jochen A.

Am 27.11.45, einen Tag nach meinem 19. Geburtstag, verließen wir Stolp. Mit einem RK-Transport, der gut organisiert war. Wir taten noch Zusätzliches: Ein Pole, der russisch sprach, wurde gegen Geld und Wodka angeheuert, den Viehwaggon bis Scheune zu begleiten und die Insassen mit seien ganzen Kräften zu beschützen. Um elf verließ der Zug Stolp; wir saßen mit Säcken, Koffern, Rucksäcken, Eingenähtes auf dem Leib und sahen die Stadt entschwinden.
Erst 29 Jahre später sollte ich sie wiedersehen.
Über diese letzte Fahrt durch Pommern soll aber noch etwas gesagt werden Der
Wachmann tat zunächst nichts, er trank aus den Wodkavorräten. Bei Stargard, es war schon dunkel, die ersten Banditen. Sie wurden verjagt! Die polnischen und russischen Flüche unseres Leibwächters taten uns richtig gut und hielten uns die Banditen vom Waggon fern. Auf der Brücke kurz vor Scheune der letzte Angriff, ein Gauner wollte auf den langsam fahrenden Zug aufspringen, klammerte sich an der Laufschiene fest. Da haben wir, mein Vater und ich, mal kräftig zugetreten - weg war er.
In Scheune also mit vollem Gepäck - es fehlte nur ein kleiner Koffer mit Strümpfen meines Bruders, den ihm einer geklaut hatte. Wir saßen in Scheune 36 Stunden, auf dem Bahnsteig, aber ganz dicht am Stationsgebäude. Am Tage mussten mein Vater und ich mit anderen Männern Leichen aus den ankommenden Zügen holen und in einem Massengrab etwa 800 m westlich des Bahnhofsgebäudes beisetzen. Es war nicht das erste Massengrab, dort gab es Tausende.
Eine Namensliste wurde nicht aufgenommen, es musste nur schnell gehen. Dafür gab es Suppe und Brot. Um am nächsten Morgen (um die Mittagszeit sollte der Zug nach Eberswalde abgehen) einen Platz auf dem völlig überfüllten Bahnsteig zu ergattern, stellten wir uns früh dort auf. Ich saß auf dem Dach eines Personenwagens, neben mir eine Flötenspielerin aus Posen. Es ging los! Nach
endlosen Minuten wieder in Deutschland. Alles sah friedlich aus, normale Häuser, arbeitende Menschen auf dem Feld, Radfahrer, Bahnhöfe mit Stationsvorstehern mit roten Mützen. Der Zug benötigte bis zum späten Abend, als er endlich am Bahnhof Gesundbrunnen eintraf. Wir waren in Berlin! Dann einige Wochen Flüchtlingslager Lehrter Straße.
Am 3.1.46 Abtransport nach Schleswig-Hostein unter britischer Regie. Mit meinem Schulenglisch die erste englische Zigarette geschnorrt. Über Bad Segeberg - dort Entlausung. Am 26.9 aus der Apotheke entlassen, und erste Erfahrung mit riesigen DDT- Spritzen in die Kleider - nach Kapeln an der Schlei. Dort blieben wir ein paar Monate und dann weiter. Aber das ist eine andere Geschichte.
[...]
1945 war ein Jahr, das die Welt veränderte und uns mit.



(Das erste Mal sind Dr. Erhard Grolls Tagebuchaufzeichnungen in der Beilage "Unser Pommernland" der Zeitung "Die Pommersche Zeitung" im Julí/ August 1982 veröffentlicht worden.)


Im Sommer 1946 verließ meine Familie in so einem Transport, allerdings ohne den Vater und ohne Leibwächter, Stolp, das ich erst 25 Jahre später - 1971 - wiedersehen konnte. Damals war ich acht Jahre alt.


Vgl. auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/ku...
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1 Kommentar
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 22.08.2015 | 14:52   Melden
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