Stolp (Pommern), jetzt Slupsk, vor 70 Jahren (10. bis 18.Mai 1945)

Stolp in Pommern, 1945 nach den Bränden in der Stadt; Aufnahme E. Groll
(Fortsetzung!) *

10.5.45
Tennis gespielt. Niki hatte Bälle aufgetrieben, wer weiß woher. Ich brachte die Schläger mit. Schläger bekommt man überall, nach Tennis ist niemandem in der Stadt, fast niemandem. Wir jedenfalls gingen auf die Blau-Weiß-Plätze, die einigermaßen erhalten und bei etwas gutem Willen auch bespielbar waren. Zwei weitere Spieler waten da: Ursula K. aus der Milchzentrale (Labor), die ich zum nächsten Dienstag zum Spielen angefordert habe und Horst St., der Sohn des Handelskammersyndikus. Wie der wohl den Krieg überstanden hat? Wir konnten wegen Niki nicht darüber reden.
Abends ins Theater zur neuen Revue. Ist es nicht grotesk? Wir gingen in bester Stimmung ins Theater, während andere nicht die Nase aus dem Keller zu stecken wagen. Die Aufführung war bestens. Th. (Witold) war großartig! Welch ein Talent! Auch der Komiker L. brachte einige feine Sketche. Man war für einige Stunden dem Alltag entrückt. Die Zuschauer waren begeistert! bei der Sache, auch einige Russen, von denen zwei in Ermangelung eines passenden Abendanzugs in Bademänteln erschienen. Zum Schluss gab es eine unangenehme Überraschung: Passkontrolle durch die Russen! Glücklicherweise leitete mein Tennisfreund Niki die Kontrolle, und so kam ich ohne weiteres durch. Immerhin waren einige Personen festgehalten worden. Mir hätte ja auch sonst kaum etwas passieren können, aber ein unangenehmes Gefühl war es doch, plötzlich von lauer Russen mit Mützen und grünem Besatz darauf umgeben zu sein.
Anschließend brachte ich Liesel E. nach Hause bis nach Ritzow. Wir vertrödelten den Weg auf angenehme Weise, erst um vier Uhr war ich wieder in der Weidenstraße. Kontrollen der Sperrstunde finden zwar noch statt, aber die Posten stehen an ganz bestimmten Stellen, die man leicht umgehen kann (Brücken werden um 23.00 Uhr zugemacht).

11.5.45
Da es so schön war, gingen Liesel und ich heute noch einmal ins Theater. Leider hatten wir die Zeit der Brückenschließung verpasst und meinen Schleichweg über die Lessingschul-Stolpebrücke mit dem 20 cm breiten Balken konnte ich dem Mädchen nicht gut zumuten. Auf Schleichwegen gelangten wir bis an die Weidenstraße. In Lindemanns Wohnung (No. 4, III. Stock), die ja noch leer steht, brachte ich sie, so gut es ging, für die Nacht unter. Denn Anfang Mai waren wir wieder in die alte Wohnung gezogen, denn Haustüren ließen sich wieder verschließen und durften auch verschlossen werden. Außerdem war die Eigentümerin der Wohnung in No. 3 zurückgekehrt.

12.5.45
Mit R. einen Streifzug durch Privatwohnungen unternommen und einige Drogisten- und Apothekerfachbücher mitgenommen. Auch die Geschichte der Konquistadoren in Südamerika "Die weißen Götter".
In einem Haus, das noch steht am Bismarckplatz/Ostseite, wo sonst fast alles zerstört ist, hat Dr. N. seine Praxis. Er hat wahnsinnig viel zu tun, er ist einer der wenigen praktizierenden Ärzte. Viele haben sich umgebracht wie der Apotheker am
Bismarckplatz, so D., der Chirurg in der Wasserstraße, auch Dr. Cr. lebt nicht mehr.

Brotbacken wird wieder modern. Das Problem war zunächst der Sauerteig, dann wurden einige Brote nicht so recht, doch das dritte und vierte waren sehr essbar. Mehl kommt über die Apotheken-Naturalienversorgung herein. Apropos Kuchen: Meine "Kuchenbäckerin", Gertraud aus der Mittelstraße, habe ich in der Schlawer Straße wiedergefunden (Anm.: Sie verkauften mir, bevor ich in die Dienste des Reichsarbeitsdienstes trat, am Grünen Weg immer Kuchen).
Am zerstörten Haus fand ich einen Kreidehinweis. Aber aller Kuchencharme war dahin.
Das Haus des Wehrbezirkskommandos habe ich auch mal durchforstet. Es lag wochenlang alles wie Kraut und Rüben durcheinander. Und inmitten der Karteikästen - Buchstabengruppen waren selbst in diesem Chaos noch irgendwie zusammengeblieben - auch die meine als Anwärter für eine Reserveoffizierslaufbahn der Marine! Weg damit, klitzeklein gerissen! Den Ahnenpass, den Nachweis der arischen Abstammung, habe ich mitgenommen, denn er stellt einen beglaubigten Geburtsschein dar., wenn ich später mal wieder mein
Geburtsdatum um drei Jahre verschieben muss.

14.5.45
Wir sollen jetzt pro Woche 905igen Alkohol bekommen. Er kommt vom Gut der Frau von Zitzewitz - Bornzin (bei der mein Onkel Otto S. gearbeitet hat, K.) Jede Woche fährt ein Pferdewagen in die Stadt, und der Inspektor mit seiner Schwester holt allerlei Medikamente im Austausch für den Alkohol. Für mich fallen immer ein paar gut belegte Stullen ab. Die erste Lieferung wurde heute hereingebracht und auf Beschluss der Apothekenleitung (ich gehöre auch dazu) zur Hälfte in wohlschmeckende Liköre und Schnäpse umgewandelt. Denn: so viel Kräuter haben wir gar nicht, dass man den Alkohol zum Extrahieren brauchen könnte. Wird er eben
ausgetrunken! Morgen wird eine Probe steigen. Walter R. mixt was zusammen.

16.5.45
Eine glänzende Festivität gestern abend! Alkoholisch waren wir bestens versorgt. Im Wodka- Weintrinken mit Paul G. gewann ich. Er war total blau und wollte auf der Stelle Margot B. heiraten, eine unserer Helferinnen. Stimmung also großartig, wir gingen erst um

drei auseinander.
Ein Glück, dass wir von der Sperrstunde befreit wurden. R. hat auch einen tollen Danziger Goldwasserlikör gemacht (ohne Gold) und der wirkte erst ...!

18.5.45
Aus einem der noch erhaltenen Fenster von Zeeck winkte heute morgen ein Mädchen herunter. Sie putzte dort Scheiben. Welche Aussichten also! Hier Sauberkeit, doch Chaos gleich daneben.

(Erhard Groll, Stolper Tagebuch -
Mit 7 Jahren war ich damals auch da.)


* Siehe auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/bl...
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