Stolp (Pommern) vor 70 Jahren (3.5. - 6.5.1945)

Stolp (Pommern), Innenstadt 1945
3.5.45
Es ist schon erschütternd zu sehen, wie die Leute jeden Morgen vor der Apotheke stehen, halbverhungert, mit abgerissenen Kleidern, müden Gesichtern und hängenden Schultern. Sie sind alle gleichgemacht worden von dem Hunger, dem Schrecken und der Hoffnungslosigkeit. Es ist kein Wunder, dass sich immer mehr das Leben nehmen. Von unsern Leitern ist - das wurde mir von Grützke bestätigt, Pille tot und Boxer tot, auch Heini Kr.
Um neun Uhr schließt Gr. die Apotheke auf. Menschen drängen sich hinein. Es sind viele, die schon zum zweiten oder dritten Mal kommen. Es sind so viele Rezepte zu erledigen. Am Abend sind stets fünfzig bis hundert unerledigt, obwohl sechs Rezeptoren mit der Arbeit von früh bis spät beschäftigt sind.
Ich habe mich jetzt mehr oder weniger von der Offizin ferngehalten und mich als Spezialist für Austauschpräparate entwickelt. Gott sei Dank, dass ich für Chemie solch ein Interesse habe! Der Vormittag vergeht recht schnell mit Harnanalysen und der Untersuchung unbekannter, irgendwo gefundener Chemikalien. Abends habe ich noch immer chemische Düfte in der Nase, wenn ich durch die Neutorstraße nach Hause gehe. Zu Hause lese ich viel. Ein Buch "Der Apothekenpraktikant" wird abends gelesen, sehr sorgfältig! In der Apotheke haben wir eine ganze Bücherei zusammengeholt, auch aus der Stephanschule, Chemiesaal, stammen welche. Und Chemikalien, brauchbare, Kochsalz zum Beispiel, Essigsäure und Laugen.

4.5.45
Das Mittagessen ist stets eine Erholung, sowohl psychisch als auch physisch. Es ist eine kleine Tafelrunde, aber jeder kennt jeden und fühlt sich inmitten einer großen Familie. Ich esse meistens mit R. und Katje G. zusammen. Wir amüsieren uns köstlich oft köstlich mit unserer Batterie von Gewürztüten und allerlei Flaschen, weil wir den anderen davon abgeben sollen und fromme Wünsche für das Wohlergehen daran knüpfen. Um drei Uhr geht es wieder los, und da immer so etwa 20 Leute vor der Straßenfront stehen, gehen wir durch die Hintertür über den Hof. Anschließend sonnen wir uns noch ein wenig auf dem Hof, bis es drei ist, mixen uns schnell einen Schnaps, denn Alkohol ist in großen Mengen da, und dann gehen wir zum Rezeptieren.
Heute war Ursula K. da und lud mich ein, ihr Milchlabor zu besichtigen. Sie analysiert die wenige Milch auf Keimfreiheit. Aber auch das Trinkwasser, das zwar aus den Leitungen kommt, aber doch nicht unbedingt keimfrei ist. Für unsere Apothekenzwecke (und zum Trinken) lassen wir es durch ein Berkelfeldfilter laufen.

6.5.45
Mit Katharina und ihrer bildhübschen Schwester Konstanze G einen Abendspaziergang an der Stolpe entlang gemacht, über die Neumannsaue. An einem Erlenstrauch ließen wir uns nieder und fanden, dass - das Leben trotz aller Härten und Schicksalsschläge der vergangenen beiden Monate wieder ganz schön ist. Der Krieg - wo ist er? Berlin wird umkämpft, sagt die Rote Armee-Zeitung, und die Amerikaner stehen an der Elbe. Hier aber herrscht eine Storm´sche Friedlichkeit am langsam dahinfließenden Strom. Wir verzehrten ein Stück selbstgebackenen Kuchen und lutschten Pfefferminzplätzchen. Ab und zu verbreitet einer das Gerücht: deutsche Einsatztruppen ständen schon bei Neustettin.! Barer Unsinn! Die Naturalien diese Tages sind wieder eine Bereicherung des sonst ja kärglichen Küchenzettels. Heute nahm ich mit: 3 Pfd. Mehl, drei Eier, 1/4 Pfd. Butter und 1 Pfd. Rindfleisch. Diese Mengen muss man mal 28 nehmen, denn jeder erhält seinen Teil. So kommt man auf die recht beträchtlichen Mengen an Naturalien, die täglich in die Hofapotheke gebracht werden.

6.5.45
Wie wohnen die meisten Menschen in Stolp? Zusammengedrängt mehrere Personen pro Zimmer, oft nicht nur aus Platzgründen, sondern weil man dann ein größeres Gefühl der Sicherheit hat. Gekocht wird alles nur Essbare, viel Getreidemahlzeiten als Grütze, mit Wasser und manchmal Milch (schwarz getauscht). Es sind etwa 25000 Einwohner in Stolp, was eine bloße Schätzung ist, davon sicher 10000 Flüchtlinge, Treck-Ostpreußen. Man hört es am breiten Dialekt. In der Innenstadt wohnt kaum ein Mensch, da fast alles zerstört ist. Viele Leute wohnen in den Dörfern ringsum, was wohl "mehr Lebensmittel" heißt, aber auch mehr Unsicherheit durch die dort liegenden russischen Verbände. Die Sicherheit in der Stadt ist tagsüber recht gut, abends lässt sie nach. Marodeure gibt es immer noch, auch Desserteure der Kampftruppen sollen sich in der Loítz(Stadtwald, K.) umhertreiben, die natürlich keinen Pardon kennen, denn dieser wird ihnen auch nicht gegeben, wenn man sie erwischt. Da ist die Rote Armee eisern.
Neues Gerücht: In Danzig ist die Pest ausgebrochen, was schon glaubhaft sin könnte: Viele Tote dort, und Ratten gab es in D. schon immer.

Erhard Groll

Siehe auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/bl...
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5 Kommentare
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 15.04.2015 | 14:18   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 22.04.2015 | 05:36   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 22.04.2015 | 09:46   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 22.04.2015 | 10:05   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 22.04.2015 | 15:14   Melden
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