Das Wunder einer Winternacht

Mirijam heißt sie. Das bedeutet soviel wie "die von Gott Geschenkte" und als ein wahres Gottesgeschenk hüllt der inzwischen greise Jischai das jüngste seiner Kinder mit seiner ganzen Liebe ein. Wenn am Abend das Blöken der Lämmchen verstummt, die Frauen vor den Zelten den Hirsebrei kochen und die Feuer der Hirten auf den Wiesen bei ihren Schafen angezündet sind, dann nimmt Jischai seine Jüngste unter seinen Umhang, um ihr die uralten Geschichten seines Volkes zu erzählen. Und es stört ihn auch nicht, wenn Mirijam dabei ihr Lieblings-Lämmchen im Arm hält.

"Glaube nur nicht, dass Gott uns Hirten nicht liebt", sagt er heute Abend. Ein wenig besorgt schaut er zum Himmel. Kalt ist es und es sieht so aus, als wenn es heute Nacht noch Schnee geben soll. Er zieht seinen wollenen Umhang etwas enger um sich und das Kind und als er jetzt von König David erzählt, wird ihnen beiden warm ums Herz. Ein Hirte wie er selber war David, bevor er König wurde, sagt der Alte. "Und sein Vater hieß genauso wie ich", sagt er noch und erzählt von dem Hirtenjungen, der als Krieger für König Saul in den Kampf zog und den Riesen Goliath besiegte.

Die Frauen vorm Zelt sind jetzt fertig und schon sitzt Mirijam im Kreis ihrer großen Brüder und Schwestern über ihre Schüssel gebeugt und hört beim Essen zu, wie Jischai von Salomo erzählt. "Das war der Lieblingssohn von David", sagt er und zwinkert Mirijam zu. Von zwei Frauen weiß er zu erzählen, die ganz allein in einem Haus lebten. Beide brachten dort ein Kind zur Welt. Aber wehe, eines der Kinder starb. Und die beiden Frauen stritten sich um das lebende Kind. Schließlich, erzählt Jischai, landeten sie mit ihrem Streit vor König Salomo. "Der sagte: ,Holt mir ein Schwert!' und befahl, das Kind in zwei Hälften zu schneiden. Jede der Frauen sollte eine Hälfte bekommen." Und Mirijam bewundert die salomonische Weisheit. Eine der Frauen gibt lieber das Kind her, als es zerschneiden zu lassen. Das ist natürlich die richtige Mutter.

"Noch ein paar Geschichten", bettelt Mirijam. Jischai kann ihr selten etwas abschlagen. Und obwohl es inzwischen stockdunkel ist und heftiges Schneetreiben eingesetzt hat, hockt er mit ihr bald wieder unter dicht gewebten Teppichen am Feuer. "Wo sind ein König David oder Salomo heute?", fragt Mirijam. Und denkt an die Soldaten, denen kein David entgegentritt, wenn sie die Wolle der Schafe für ihren Kaiser im fernen Rom fordern. Oder an König Herodes, von dem es heißt, es sei besser sein Schwein als sein Sohn zu sein. Dann habe man wenigstens eine Chance zu überleben.

"Ein noch Größerer wird kommen", tröstet der alte Jischai sie und berichtet von einer uralten Legende. Eines Tages wird der ganzen Welt ein Erlöser geboren. "Aus dem Hause Davids soll er kommen", sagt Jischai. Und meint, dass Mirijam sein Erscheinen vielleicht sogar noch erleben wird. Schließlich hat König Herodes alle seine Untertanen in die Städte und Dörfer ihrer Ahnen bestellt, um sie alle zählen zu lassen. "Und das da drüben ist Bethlehem, die Stadt Davids", zeigt er.

Plötzlich schweigt Jischai. Und Stille breitet sich ringsum aus. Die Hirten, die eben noch bei ihren Herden gesessen und gesungen haben, sind ebenso verstummt, wie die Hunde, die eben noch fröhlich bellten. Alle schauen sie hinauf zum Himmel. Auch Mirijam schaut. Und sieht einen Stern, so hell und leuchtend, wie sie noch keinen gesehen hat. Und der, der plötzlich vor ihnen steht, muss einfach ein Engel sein. So jedenfalls hat Jischai immer erzählt, sieht einer aus: hell und durchsichtig strahlend, wie nicht von dieser Welt. "Fürchtet euch nicht", sagt der Engel. "Euch ist heute Nacht der Heiland geboren". Nach Bethlehem zeigt er und sagt, dass die Hirten das Kind in weiße Windeln gewickelt in der Krippe im Stall an der Herberge finden werden. Und plötzlich ist der Himmel voller Engel. "Himmlische Heerscharen", denkt Mirijam noch und stimmt mit ein, als die Engel "Haleluja" die frohe Botschaft feiern.

Und dann ist alles vorbei. Der Wind treibt die Schneeflocken durch die Nacht und die Hirten stehen mit offenen Mündern und wollen nicht glauben, was sie eben gesehen und gehört haben. "Komm", sagt Mirijam und fasst Jischai bei der Hand. "Wir müssen das Kind begrüßen". Und mit den Beiden gehen die Hirten hinüber nach Bethlehem, in den Stall, zur Krippe. Der Stern, der in dieser Nacht aufgegangen ist, weist ihnen den Weg.

Und da liegt es: das Kind in der Krippe. Die Hirten verneigen sich vor dem Kind und vor der Mutter, die im Stroh neben Kuh und Esel ein Bett gefunden hat. Sie heißt Maria, sagt sie und das Kind in der Krippe ist Gottes Sohn und soll den Namen Jesus tragen. Und niemand zweifelt, dass sie die Wahrheit spricht.

Mirijam weiß, dass sie in dieser Wundernacht das grösste aller Wunder sieht. Das Kind in der Wiege schaut mit großen Augen. Es schaut und es lacht, lacht in das andächtige Staunen des kleinen Hirtenmädchens an seinem ärmlichen Bettchen. Und Mirijam geht mit den Hirten hinaus in die kalte Winternacht. Und wird von nun an jedem erzählen, was sie gesehen hat: "Uns ist der Heiland geboren."

(Als sie selber schon Kinder hat, wird sie viele Wundergeschichten über das Kind aus der Krippe hören. Jesus macht Blinde wieder sehend, Taube wieder hörend und Tote wieder lebendig, 5 000 speist er mit einem Brot, er verwandelt Wasser in Wein und kann selber übers Wasser gehen. Für Mirijam aber bleibt die Nacht seiner Geburt das größte aller Wunder)

Von Karin Schalow (für den Wochenspiegel)

Von mir allen gute Wünsche und Grüße zum Fest!
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3 Kommentare
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Priester Gerhard aus Abberode | 23.12.2014 | 06:11   Melden
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Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 23.12.2014 | 10:39   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 23.12.2014 | 12:03   Melden
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