Der "Alte Dessauer" und der Elbe-Saale-Kanal

Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau
Calbe (Saale): Kanalstraße | Über den Ausbau der Saale auf dem Teilstück zwischen der Stadt Calbe und der Mündung in die Elbe entzündeten sich in den letzten Jahren immer wieder die Gemüter. Die wenigsten Menschen wissen aber, dass es in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals den Versuch gegeben hat, hier schon einmal einen Kanal zu bauen. Die Bauleitung hatte übrigens ein bekannter Anhaltiner - Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (der "Alte Dessauer").

Im Dreißigjährigen Krieg war infolge der Kriegswirren die Schifffahrt auf der Saale fast völlig zum Erliegen gekommen. Dadurch, dass Preußen 1680 die Herrschaft in Halle einschließlich der Saline übernahm, kam die Schifffahrt auf der Saale wieder in Gang und 1704 passierten durchschnittlich 10 Schiffe pro Tag Calbe.
Die Schleuse in Calbe von 1605 war im Dreißigjährigen Krieg verfallen. So befahl Kurfürst Friedrich 1695 den Bau einer neuen aus Stein gebauten Schleuse. Insgesamt mussten auf der Saale 7 Schleusen von Halle bis zur Saalemündung erneuert werden, was enorme Summen verschlang.

Da sich aber sämtliche deutschen Fürstentümer wie ein Fleckenteppich über das Reichsgebiet verteilten, konnten keine Waren über eine weitere Strecke transportiert werden, ohne dass mehrmals Zoll für die Waren entrichtet werden musste. Eine solche Stelle war das Saalhorn, hier wurde von den Kur-Sachsen kräftig Zoll kassiert. Denn das so genannte Saalhorn, die Mündungsstelle der Saale in die Elbe, gehörte dem Hause Sachsen-Barby und war somit in kursächsischer Hand.

Um die Zölle an der Saalemündung zu umgehen, kam König Friedrich Wilhelm I. auf die Idee, einen Kanal von Calbe nach Frohse zu bauen. Der sparsame Soldatenkönig wollte also nicht nur die Schifffahrtswege verkürzen, sondern in erster Linie den konkurrierenden Kursachsen ein Schnippchen schlagen, wenn er einen Kanal von Calbe bis nach Frohse bei Schönebeck bauen ließ.

Damit musste Preußen aber nicht nur in Konflikte mit dem Hof in Dresden kommen, sondern auch mit dem Fürsten Johann August von Anhalt-Zerbst, einem Onkel der späteren russischen Zarin Katharina II., dem das Gebiet um Klein-Mühlingen gehörte. Diese Enklave in preußischem Gebiet wurde bei dem Projekt unweigerlich durchschnitten. Trotz der drohenden Auseinandersetzungen mit zwei nachbarlichen Territorial-Mächten, den Anhaltinern und den Kursachsen, wurde der Kanalbau in Angriff genommen.

Schon am 23. Januar 1726 war der Plan für den Kanalbau erarbeitet und dem König vorgelegt worden. Der Oberstleutnant von Wallrave wurde als Koordinator und Bauleiter für die Anfangsphase des Projektes verantwortlich gemacht. Bereits am 4. Mai 1725 hatte Wallrave zusammen mit dem Magdeburger Kammerpräsidenten von Katte und anderen Regierungsmitgliedern das in Frage kommende Terrain zwischen Frohse und Calbe besichtigt.

Insgesamt veranschlagte man als Baukosten 200.000 Taler, die erste Zahlung von 50.000 Talern erfolgte am 29. Juni 1726. Um zu sparen, wurden die Steine der schon halb abgebrochenen Stiftskirche in Gottesgnaden abgetragen. Sie sollten zum Bau der 5 Schleusen benutzt werden, die für den Kanal geplant waren. Die Strecke war in 139 Stationen zu je 30 Ruten (etwa 120 bis 150 Meter) eingeteilt worden. Die Kanaltiefe sollte durchschnittlich etwa 5 Meter betragen, die Breite an der Sohle 10 Meter.

Beim Baubeginn in Frohse am 3. Februar 1727 waren die neu ernannten Kanalbau-Kommissionsräte Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (der "Alte Dessauer") sowie die Kriegs- und Domänenräte Kollern und Wernicke anwesend. Vom Februar stieg die Zahl der Arbeiter innerhalb weniger Wochen von mehr als 1.000 auf 2.500. Diese hier nie zuvor gesehenen Arbeitermassen wurden in Calbe, Schönebeck, Salze, Frohse, den umliegenden Dörfern und verschiedenen Gasthäusern untergebracht. Von ihrem Arbeitslohn zahlte man ihnen immer nur einen geringen Teil aus, damit sie auch bis zum Schluss beim Kanalbau blieben.

Im März gingen die Arbeiten zügig voran, und am 1. April fand ein Ortstermin aller Hauptverantwortlichen mit dem Alten Dessauer in Calbe statt, um den Kanalverlauf bei möglichst geringem Häuserverlust festzulegen. Das Kanal-Bett sollte westlich neben der heutigen Arnstedt- und Magdeburger Straße entlangführen. Beim erneuten Ortstermin der Verantwortlichen am 2. Mai in der Bernburger Vorstadt trennten nur noch wenige Meter das Kanalbett von der Saale. Ein Teil des Laurentiusfriedhofs und zwei Häuser an der Bernburger Straße waren dabei geopfert worden. Nachdem nun die Hauptarbeiten beendet waren, wurden die Arbeiter großenteils, bis auf 400, die an den Wasserpumpen und Rammen bleiben mussten, entlassen. Der Ausbau der Schleusen und die Durchstiche bei Frohse und Calbe wurden erwartet.

Doch am 28. Juli erging der Befehl des Königs, dass Arbeiten am Kanal bis auf weiteres einstellen und alle Arbeiter entlassen zu seien. Die ein Jahr zuvor ausgezahlten 50.000 Taler waren bis auf 149 Taler verbraucht worden. Der König gab zerknirscht auf. Wahrscheinlich trugen diplomatische Interventionen und hohe Entschädigungsforderungen des Fürsten von Anhalt-Zerbst für die Nutzung seiner Mühlinger Enklave (s. oben) dazu bei. Es waren aber wohl hauptsächlich die massiven wirtschaftlichen Drohungen Augusts des Starken, des mächtigen kursächsischen Herrschers, gewesen, die Friedrich Wilhelm I. in die Knie gezwungen hatten. Zum Abbruch trug sicher auch die Berechnung der erheblichen Erhaltungskosten des langen Kanals (17km) bei.

1799 wurde der Plan des Kanals erneut von der Magdeburgischen Kammer aufgegriffen, der bei Friedrich Wilhelm III. von Preußen begeisterte Zustimmung fand, jedoch durch die antifranzösischen Koalitionskriege wieder aufgeschoben werden musste. Einen letzten Anlauf unternahm man 1810 und plante Kosten in Höhe von 2 Millionen Talern ein. Da war es das negative Gutachten des Schönebecker Salinendirektors, das die Magdeburger Regierung von einem solchen Kanal endgültig Abstand nehmen ließ.

Allmählich beseitigte man wieder die Kanalspuren. Das unebene Kirchhofgelände wurde einigermaßen planiert. Die Bewohner der Alten und der Neuen Sorge füllten den Graben und legten neue Gärten an.

Der Landgraben an der heutigen Straße nach Schönebeck (Kanalstraße) und der Schönebecker Solgraben sind übrigens Relikte dieser Ausschachtungsarbeiten für den geplanten Saale-Elbe-Kanal.

In Zeiten von Google kann man die Spuren dieses nicht fertig gestellten Kanals von Frose bis kurz vor Calbe heute noch verfolgen.

Quelle:
Archiv Stadt Calbe
www.blaues-band.de
0
 auf anderen WebseitenSendenMelden
8 Kommentare
11.509
Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 24.11.2012 | 06:25   Melden
14.716
Lothar Wobst aus Bitterfeld-Wolfen | 24.11.2012 | 09:19   Melden
3.228
Roland Horn aus Dessau-Roßlau | 24.11.2012 | 10:50   Melden
6.207
Gerd Born aus Dessau-Roßlau | 24.11.2012 | 17:15   Melden
3.228
Roland Horn aus Dessau-Roßlau | 24.11.2012 | 22:02   Melden
540
Jürgen Schindler aus Dessau-Roßlau | 25.11.2012 | 09:44   Melden
540
Jürgen Schindler aus Dessau-Roßlau | 25.11.2012 | 09:58   Melden
6.207
Gerd Born aus Dessau-Roßlau | 25.11.2012 | 13:21   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.