Der Brocken

24.6.17, Der Brocken, von Silstedt aus
"Ja, in hohem Grade wunderbar erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom Brocken, alle Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrücke, und diese, meistens  verschiedenartig,  sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer Seele zu einem großen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefühl. Gelingt es uns, dieses Gefühl in seinem Begriffe zu erfassen, so erkennen wir den Charakter des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl in Hinsicht seiner Fehler, als auch seiner Vorzüge. Der Brocken ist ein Deutscher. Mit deutscher Gründlichkeit zeigt er uns, klar und deutlich, wie ein Riesenpanorama, die vielen hundert Städte, Städtchen und Dörfer, die meistens nördlich liegen, und ringsum alle Berge, Wälder. Flüsse, Flächen, unendlich weit. Aber eben dadurch erscheint alles wie eine scharfgezeichnete, rein illuminierte Spezialkarte, nirgends wrid das Auge durch eigentlich schöne Landschaften erfreut, wie es denn immer geschieht, daß wir deutschen Kompilatoren, wegen der ehrlichen Genauigkeit, womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken können, das Einzelne auf eine schöne Weise zu geben. Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes, eben weil er die Dinge so weit und so klar überschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine Riesenaugen öffnet, mag er wohl noch etwas mehr sehen, als wir Zwerge, die wir mit unseren blöden Äuglein auf ihm herum klettern. Viele wollen zwar behaupten, der Brocken sei eine philiströse, und Claudius sang ´Der Blocksberg ist der lange Herr Philister!´ Aber das ist Irrtum. Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe bedeckt, gibt er sich zwar einen Anstrich von Philistrosität, aber, wie bei manchen anderen großen Deutschen, geschieht das aus purer Ironie. Es ist sogar notorisch, , daß der Brocken seine burschikosen, phantastischen Zeiten hat, z. B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe jubelnd in die Lüfte, und wird, eben so gut wie wir Übrigen, recht echtdeutsch romantisch verrückt."

Heinrich Heine, die Harzreise
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2 Kommentare
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Manfred Wittenberg aus Nebra (Unstrut) | 25.12.2017 | 09:26   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 25.12.2017 | 14:02   Melden
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