Die beiden letzten Tage von Stolp in Pommern 1945

Marienkirche 2011
 
Rathaus Stolp 2011
 
Bahnhofstraße 2011
In sechs Wochen jähren sich zum siebzigsten Mal 7. und 8. März 1945, die ich siebenjährig in Stolp (Pommern) erlebt habe und nie wieder vergessen werde.

Erhard Groll, damals achtzehn Jahre alt, hat über die Zeit vom 5. März bis 31. Juli 1945 das Stolper Tagebuch geschrieben, in dem wie folgt zu lesen ist, wie er die beiden letzten Tage der Stadt erlebt hat.


7.3.45, morgens
Heute nacht sind wieder Bomben auf den Bahnhof gefallen. Etliche Franzosen sollen umgekommen sein. Der Alarm kam prompt, 5 Minuten später. Wäre alles nicht so verzweifelt ernst, man könnte sich krank lachen über diesen Luftschutz.
Auf dem Flugplatz Stolp West und in Reitz sprengen sie die Gebäude. Ängstliche Gemüter nehmen das für Kanonendonner. Nun, wenn mich nicht alles täuscht, wird der Iwan keine Kanonen brauchen, um Stolp zu erobern, vielleicht nicht mal Gewehre. Einzelne Soldaten kommen von Kublitz und berichten, dass der Russe in Rathsdamnitz und Hammermühle ist. Alles ist in voller Auflösung begriffen, das Chaos zeichnet sich langsam in seinen Umrissen ab.

7.3.45, 16 Uhr
Fräulein L. fuhr soeben mit dem Fahrrad ab. B.s rüsten auch schon (Anm.: Mitbewohner Weidenstraße 4). Ich habe alles vorbereitet, den Koffer auf das Rad gepackt, ebenso den Rucksack. Nach Fahren einer Proberunde im Garten habe ich den Koffer wieder heruntergenommen, das Rad hält die Belastung nicht aus, und aushalten muss ich!!
Eben ist das Radio entzwei gegangen, als wollte es sagen: "Es ist zu Ende." In ziemlicher Menge strömen die Soldaten die Bütower Straße entlang. Die Russen sollen zwischen Lossin und Kublitz sein! Es wird also Zeit. Das Haus ist verwaist. Alle Familien sind fort, um 18.00 Uhr als letzte B.s. Ich will in einer Dreiviertelstunde weg. Ein Glas Erdbeeren habe ich noch gegessen und die gestern von der Wehrm.-Verpflegungsstelle erhaltenen Zigaretten eingesteckt. Wie heißen doch Zigaretten auf russisch: Ach ja -"papirossi". So sagten die Russen in Zuckers. Man muss sich beizeiten umstellen. Um Mitternacht werden in diesem Raume vielleicht schon russische Laute erklingen. Ich gehe noch einmal durch alle Räume, sehe das
"Flötenkonzert von Sanssouci", hinter dem das Safe mit Elisabeths Briefen liegt. Unter dem Bücherschrank, mühsam verschoben, durch Brennholzklötze abgestützt, die Falltür, keinem Auge zugänglich. Ob sie sie finden? Ich gehe hinaus, lasse die Tür ins Schloss fallen und dann?

18.45 Ende der Eintragung. Die nächsten Tage werden retrospektiv am 14.3. aufgezeichnet.

Weiterer Verlauf des 7.3.45:
Ich führe das Rad, wollte noch einmal Stolp sehen, wie es ist, wie es durch Jahrhunderte war. In der Friedrichstraße hing eine weiße Fahne aus dem Fenster. Eine Frau daneben, die mir auf meine Frage antwortete: "Stolp wird nicht verteidigt!" Und ich: "Sie wollen hierbleiben?" "Ja, es hat ja dich alles keinen Zweck." Die Mutlosigkeit und Verzweiflung der Menschen schien groß zu sein.
Ich selbst muss sagen, dass ich alles mit den Augen der Jugend, der frischen, unbekümmerten Jugend, ansehe. Manchmal glaubte ich auch, in diesen Tagen einen dramatischen Film zu sehen und nach zwei Stunden erlöst zu sein von dem Übel ...
Die ersten Plünderer sah ich bei Zeeck und beim Uhrmacher Kunst in der Holstentorstraße. Es ist niemand mehr da, der sie hindern könnte. In der Kassuber Straße gibt es die ersten Stockungen. Die lange Reihe der Flüchtenden drängt, sie wollen nicht zu denen gehören, die den Russen zur Willkür und zum Objekt ihrer durch die Kämpfe hervorgerufenen Wut dienen. Die Kassuber Straße ist über die ganze Breite mit Autos, Pferdefuhrwerken und Fußgängern verstopft. Langsam schlängele ich mich hindurch. Die Nacht ist pechrabenschwarz. Jetzt werden sie wohl schon in Kublitz sein, und Kublitz kann man von unserer Veranda aus sehen. Jetzt bin ich auf der Höhe von Ritzow, am Sportplatz. Eine Frau ist auf der Straße hingefallen und hat sich das Bein gebrochen, die kleine Tochter steht dabei und weint mit ihrer Mutter. Niemand hilft ihr, jeder will nur heraus, fort in die Freiheit. In Schmaatz kommt ein Auto in rücksichtsloser Fahrt vorbei, es sind Offiziere darin. Das Auto ist trotz Verdunklung hell beleuchtet. Die verbitterten Leute zwingen die Insassen mit Drohungen das Licht auszumachen, denn man hört am Nachthimmel Motorengeräusch.
Die Erinnerungen an die Bomben sind noch zu frisch. Ich wende mich um und verhalte einen Augenblick: Der Anblick ist großartig und furchtbar zugleich. Der ganze Himmel im Süden und Westen ist blutrot. Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man die Flammen und die Silhouetten der Gebäude, aus denen sie schlagen. Links von mir donnert es unaufhörlich. Das sind die Flugzeughallen von Reitz, die
gesprengt werden. Bis nach Stolpmünde zieht sich der Feuergürtel. Nur im Norden und Osten ist es dunkel, und dahin wälzt sich die Herde der Heimatlosen, nach dem Meer. Langsam beginnt es zu schneien, und ein böiger Wind fegt in die Flocken. In Lübzow biege ich links ab, nach Gambin, während der Flüchtlingsstrom sich nach Osten weiterwälzt. Diese Straße ist leer, ab und zu kommen mir ein paar Männer entgegen, die fragen, wie es in Stolp steht. Kurz vor Lübzow treffe ich noch B.s,
die auch per Rad dahinziehen. Um ein Uhr nachts bin ich in Gambin, bringe das Rad in den Garten, klingele. Eine unbekannte Frau macht auf, und ich trete ein. Ein paar erklärende Worte, und Minuten später bin ich auf dem steinigen Fußboden eingeschlafen.

8.3.45
Ich bin erst spät aufgestanden. Im Hause sind viele Flüchtlinge , die auf der Durchreise waren und nun stecken geblieben sind. Unsere Familie besteht nun aus zehn Personen: Wir vier, Tante Alice mit vier Kindern (Anm.: aus Ostpreußen getreckt), und die arme Oma, die alle Anstrengungen bewundernswert erträgt. Heute Abend soll es per Lastzug gen Osten gehen, und zwar nach Neustadt/Westpreußen über Glowitz usw. Ein Mann ist zurückgekommen, der einen Stellungsbefehl nach Stolp hatte, an der Stadtgrenze bei Ritzow aber von russischen Wachposten zurückgeschickt wurde! Stolp ist also besetzt. Die Stadt soll brennen wie
nie zuvor in ihrer Geschichte.
(Friedheilm Schulz, Heinz-Joachim Wolter, Stadt und Land Stolp, 2002)


Mutter, Schwester, zwei Tanten und ich verließen am Nachmittag des 7.3 1945 mit Handgepäck unsere Wohnung in der Töpferstadt, um zu Bekannten in die Schulstraße zu gehen, einen Weg von ca. 500 Metern. In der Nacht zum 8.3 45 gab es Fliegeralarm, und wir erlebten ahnungslos die Sprengung der nahen Stolpe-Brücken. Am Morgen sahen wir außer Neuschnee viele kaputte Fensterscheiben. Da wollten wir flüchten. Zum Glück kamen wir nur wenige Hundert Meter, da wir an der ersten Kreuzung den einmarschierenden Rotarmisten begegneten. -
Noch am Vormittag begannen die ersten Häuser in der Töpferstadt zu brennen. Tagelang wütete das Feuer. Ich denke solange, bis wir nach einigen Tagen in einer Siedlung am Stadtrand bei anderen Bekannten unter kamen, bis wir im Sommer 1946 in Güterwagen Stolp Richtung Stettin verlassen konnten.
Erst 1971, 25 Jahre später, konnte ich die nun polnische Stadt (Slupsk) wiedersehen.
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Priester Gerhard aus Abberode | 26.01.2015 | 11:12   Melden
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Gottlob Philipps aus Halle (Saale) | 26.01.2015 | 18:40   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 27.01.2015 | 02:35   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 28.01.2015 | 03:46   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 29.01.2015 | 15:53   Melden
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Ulrich Kruggel aus Dessau-Roßlau | 29.01.2015 | 19:02   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 29.01.2015 | 21:11   Melden
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Annette Funke aus Halle (Saale) | 29.01.2015 | 22:19   Melden
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Bernd Müller aus Halle (Saale) | 09.02.2015 | 17:50   Melden
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