Emilie und Oscar (2 *) -

Oscar Schindler (Quelle: Wikipedia)
Abschied für immer

Im Jahre 1957 verkündete die Deutsche Bundesregierung das Lastenausgleichsgesetz, demzufolge alle durch das Nazi-Regime Geschädigten für ihre Verluste während des Zweiten Weltkriegs entschädigt werden sollten. Wir erhielten einen Brief, in dem stand, dass zur Festsetzung einer Entschädigung für die Fabrik in Brünnlitz unsere Anwesenheit in Deutschland notwendig sei. Wir besprachen das Thema ausführlich und kamen gemeinsam zu dem Entschluss, dass Oscar allein fahren sollte. Erst wehrte er sich dagegen, mich zurückzulassen, aber ich überzeugte ihn schließlich. Einer musste sich ja um die Tiere kümmern.

Damals ahnte ich noch nicht, dass er nie wieder zurückkehren sollte.

Als Oscar 1957 ging, ging mit ihm ein wichtiger Teil meines Lebens. 1928 hatten wir in Zwittau geheiratet. Wir waren fast genau dreißig Jahre zusammen. Er hatte die feste Absicht, bald zurückzukommen, aber die Situation in Deutschland war sehr schwierig und die Sache mit dem Lastenausgleich ließ sich nicht so schnell regeln.

Schließlich erhielt Oscar in Deutschland eine Entschädigung von hunderttausend Mark für die Fabrik in Brünnlitz, wie mir über Bekannte zu Ohren kam. Erwartungsgemäß sah ich nie auch nur einen Pfennig von dieser Summe. Zu wissen, dass er das Geld bekommen und nicht an mich gedacht hatte, erzürnte und betrübte mich noch mehr. Es verdarb mir nicht nur die Gegenwart, sondern auch unsere gesamte Vergangenheit. War ich für Oscar zu einer Fremden geworden oder war ich es schon immer gewesen?

Mit der Zeit kamen Oscars Briefe nur noch sehr sporadisch und schienen voneinander abgeschrieben zu sein. Hier und da erzählte er von seiner Nichte Traude, dann folgten die verschiedensten Entschuldigungen, Vertröstungen und unklaren Geschichten, ohne die geringste Anspielung auf meine wiederholten Bitten um Hilfe oder auf die Schwierigkeiten, denen er mich überlassen hatte. Ein einziges Mal schickte er mir etwas Geld, zweihundert Mark, und das "Tagebuch der Anne Frank".

Seine Gleichgültigkeit und der Mangel an echten Antworten nahmen mir allmählich die Lust, auf ihn zu warten. Wenn ich ihm schrieb, schwor ich mir jedes Mal, dass es das letzte Mal sein würde, bis ich mein Wort schließlich hielt. Oscar schrieb mir jedoch weiterhin. Ich warf Briefe mit deutschen Briefmarken ungeöffnet ins Feuer.

Viele Jahre danach, als der berühmte Koffer von Oscar gefunden wurde und ich Kopien der darin enthaltenen Aufzeichnungen und Briefe erhielt, entdeckte ich beim Lesen einiger Schriftstücke, dass er doch an mich gedacht und sich um mich gekümmert hatte.

[...]

Eines Tages im November 1964 erhielt ich wieder Post von Oscar. Erbat mich darum, einen Vertrag für einen späteren Film zu unterschreiben. Um ehrlich zu sein, ich hielt nicht viel davon, aber ich wollte kein Spielverderber sein und unterzeichnete den Vertrag, obwohl ich schon im Voraus wusste, dass das Ganze ein Fiasko sein würde.
Die Zeit verging und wir bekamen eine ziemlich spärliche Summe, aber was mich beim weiteren Lesen der Koffer-Dokumente überraschte, war der folgende Brief an Walter Pollak:
[...)
Du kannst mir glauben, lieber Walter, dass ich durch dieses Ereignis froher Stimmung bin, nicht nur meiner, sondern auch der Zukunft meiner Frau einen höheren Lebensstandard geschaffen zu haben ...

Selbstverständlich freute ich mich über seine unerwartete Fürsorglichkeit, aber manchmal frage ich mich, warum es so lange dauern musste, bis ich davon erfuhr. Hätte nicht meine Biografin Erika Rosenberg zufällig von dem Koffer erfahren und mich darüber informiert, hätte ich nie etwas davon gehört. Denn die Menschen, die den Koffer gefunden hatten, wollten ihn mir unterschlagen. Leider habe ich erst alles viel zu spät erfahren. Nun denke ich anders über so manches und frage mich auch, ob es ein Fehler war, nicht mit Oscar nach Deutschland gegangen zu sein.

Eines Tages Ende Oktober 1974 rief mich Walter Pollak an und fragte, ob er mich besuchen dürfe, um mir etwas Wichtiges mitzuteilen. [...]

Als es an der Tür klingelte, fingen meine zwei Schäferhunde laut zu bellen an. Ich begrüßte Herrn Pollak und ließ ihn herein. Nachdem er Platz genommen hatte, sagte er mir, ich solle auf eine schlechte Nachricht gefasst sein. Dann holte er aus seiner braunen Ledertasche, die ihn immer begleitete, eine Zeitungsanzeige und gab sie mir, Ich setzte mir die Brille auf und las:

Am Mittwoch, dem 9. Oktober 1974, verstarb nach schweren Leidenstagen im Alter von 66 Jahren
Oscar Schindler
... Es trauern um ihn seine Geretteten in Israel und in vielen Ländern der Welt, seine Freunde in Deutschland und Frankfurt/Mein ...
Dr. Moshe Bejski, Propst Dieter Trautwein, ... Dr. Heinrich Staer

Wortlos betrachtete ich das Stück Papier. Sagen konnte ich nichts.
Oscar war gestorben und niemand hatte mir Bescheid sagen können oder wollen. Schließlich war ich noch immer seine Frau. Die Gedanken kamen und gingen und ich blieb wie angenagelt auf meinem Stuhl sitzen, ohne mich rühren zu können.

Ich hatte schon gewusst, dass er die letzten Jahre sehr krank und seit einiger Zeit halbseitig gelähmt gewesen war, dass er außerdem aufgrund seines übermäßigen Trinkens und Rauchens an Herz- und Kreislaufbeschwerden litt. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm mit ihm gestanden war.

[...]

Ich brauchte eine gewisse Zeit, um mich von dieser Nachricht zu erholen. Es fiel mir nicht leicht, über seinen Tod hinwegzukommen.
Jahre später, genau 1977, erhielt ich vom Regierungspräsidenten in Hildesheim Oscars Sterbeurkunde. Als ich sie in den Händen hielt, überkam mich ein tiefes, trauriges und zugleich unbeschreibliches Gefühl.

[...]

1993, fast siebenunddreißig Jahre nach Oscars Abreise konnte ich dank Spielbergs Film sein Grab besuchen. Ich hätte nie gedacht, dass wir uns auf diese Weise wieder begegnen würden: er tot und ich als alte Frau, die im Rollstuhl sitzen muss.
Ich tat an seinem Grab das Gleiche, was alle anderen auch getan hatten. Ich legte einen Kieselstein darauf und sprach in Gedanken mit ihm:
Nun gut, Oscar, am Ende haben wir uns wieder getroffen. Dies ist nicht der Moment für Klagen und Vorwürfe, das würde weder dir noch mir gerecht: Du bist jetzt in einer anderen Welt, in der Ewigkeit, und ich kann dir die vielen Fragen nicht mehr stellen, auf die du mir im Leben mit Ausreden geantwortet hättest. Und der Tod ist die beste aller Ausreden. Ich habe die Antwort nicht, mein Lieber, ich weiß nicht, warum du mich verlassen hast. Aber weder mein Alter noch dein Tod können etwas daran ändern, dass wir immer noch verheiratet sind, vor Gott jedenfalls. Ich habe dir verziehen, alles verziehen.

Als mein Rollstuhl den leichten Abhang wieder herunter geschoben wurde, der zu Oscars Grab im äußeren Teil des jüdischen Friedhofs in Jerusalem führt, wusste ich, dass ich ihn gewissermaßen mit der Kraft meiner Gedanken erreicht hatte, und spürte, wie mich nach langer Zeit ein außergewöhnlicher innerer Frieden überkam.



(Quelle wie für Teil 1)


* Teil 1 siehe hier:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/ku...
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