Emilie und Oscar -

Emilie Schindler, 1929
 
Emilie und Oscar Schindler, 6.3.1927
 
Kirche in Zwittau
wie es wirklich begann ...

Seit Donnerstagabend kenne ich diese Geschichte und noch viel mehr über die berühmten Schindlers. Und das alles habe ich eigentlich nur Anna L. zu verdanken, die mich auf die Veranstaltung mit Frau Professor Erika Rosenberg aus Argentinien aufmerksam gemacht hatte. -


Die Bekanntschaft mit Oscar verdanke ich der Elektrizität. Noch heute, mit 93 Jahren, erinnere ich mich genau an diesen Tag in meinem Leben. Es heißt ja, die Liebe habe auch einen Nachgeschmack, obwohl er manchmal bitter sei.

[...] Ich war zwanzig und obwohl ich alles andere als eine Traumtänzerin war und meine Freiheit mehr als alles andere liebte, dachte ich doch immer öfter daran, wie es wohl sein würde, mich zu verlieben.

Als ich aus dem Haus trat, traf ich auf zwei Herren, die vor dem Haus standen und mich neugierig betrachteten. Der ältere von beiden war groß und stattlich, der jüngere blond, breitschultrig und schlank. Der intensive Blick aus seinen sehr blauen Augen schien bis auf den Grund meiner Seele zu gehen. Der ältere Herr sprach mich an und erklärte mir, dass er und sein Sohn gekommen waren, um uns Maschinen zur Versorgung unseres Hauses mit Elektrizität vorzustellen. [...]

Während des Gesprächs bemerkte ich, dass der junge Mann mich keinen Augenblick aus den Augen ließ. Er schien sich für das Gerede seines Vaters über technischen Fortschritt und Elektrizität nicht im Mindesten zu interessieren und nach kurzer Zeit fing er an, mir verstohlen vielsagende Blicke zu zuwerfen. Schließlich brachte er mich damit zum Lachen, weshalb ich sofort rot wurde und mir erschrocken den Mund zuhielt. Ich sagte dem Vater, dass niemand zu Hause sei und er ein anderes Mal sein Glück versuchen müsse. Nie wäre mir der Gedanke gekommen, dass der sympathische und lässige junge Mann schon wenig später mein Ehemann sein würde.

Auch bei seinen späteren Besuchen blieb Oscar Schindler, so hieß der Jüngere, schweigsam, doch sein männlicher, durchdringende Blick aus blauen Augen umschmeichelte mich in einer Art, die mir noch tagelang nachging.

Langsam wurde mir bewusst, dass mein Herz bei jedem seiner Besuche intensiver schlug.

Aber es waren nicht nur sein Aussehen und seine Art, mich mit seinem unbestimmbaren Blick zu fixieren, die mich faszinierten, auch seine Gewohnheit, in Andeutungen zu sprechen, als verberge sich etwas Unbekanntes hinter seien Worten, beeindruckte mich.

Zuerst wollte ich nichts von ihm wissen und wies ihn zurück. Eine innere Stimme sagte mir, er sei irgendwie gefährlich. Doch seine Besuche wurden immer häufiger und länger, angeblich wegen der Generatoren, und eines Tages lud ihn mein Vater zum Abendessen ein. Als sich bei Tisch unsere Blicke begegneten, wusste ich, dass ich ihm nicht länger würde widerstehen können. Einige Monate später dehnte er seien Besuch auf dem Hof bis in den späten Abend aus und als der blaue Septembermond über den Pflaumenbäumen aufging, gab er mir den ersten Kuss.

Obwohl ich ein gewisses Misstrauen gegen ihn hegte, wurden alle Bedenken von der Leidenschaftlichkeit eines Kusses und seiner Umarmung hinweggefegt. In der folgenden Zeit erhielten wir mehrmals Besuch von seiner Mutter und seiner Schwester. Eines Abends bat Oscar schließlich um ein Gespräch mit meinen Eltern. Er sagte, er habe ihnen "etwas Wichtiges mitzuteilen". Er nahm meine Hand, blickte mit seinen schönen blauen Augen erst meinen Vater und dann meine Mutter an und sagte lächelnd mit seiner männlichen tiefen Stimme: "Ich möchte mich mit Emilie verbinden, damit wir uns eine gemeinsame Zukunft aufbauen können." Diesen Satz habe ich nie vergessen, denn er erwies sich im Kaufe der Zeit als zwar aufrichtig gemeint, aber im Endeffekt leider undurchführbar.

Derweil machte ich mich an die objektive Einschätzung meiner Situation: Mein Vater war schwer krank und meistens schlecht gelaunt, meine Großmutter, damals so alt wie ich heute, war inzwischen gebrechlich, meine Mutter erschöpft von der ständigen Doppelbelastung durch Haushalt und Pflege meines Vaters und mein Bruder war drauf und dran, sich von der Familie zu lösen. Unter den gegebenen Umständen war Oscars Antrag geradezu unwiderstehlich und so fiel mir die Entscheidung nicht allzu schwer. Heute würde ich in der gleichen Situation wohl etwas überlegter und vermutlich ganz anders handeln, aber mit zwanzig Jahren glaubte ich noch blind der Stimme meines Herzens, den Worten und dem Glanz in den Augen meines zukünftigen Mannes, ganz zu schweigen von der Wärme und den Gefühlen, die seine leidenschaftlichen Küsse und Liebkosungen versprachen. Die Hochzeit fand am 6. März 1927 in Zwittau, einer mährischen Industriestadt, statt, wo Oscar mit seinen Eltern und seiner Schwester lebte. Die Kirche, in der wir getraut wurden, steht bis zum heutigen Tage und ich hatte das große Glück, sie im Juni 1999 nach so langer Zeit wieder zu sehen.

Wir zogen zunächst zu den Schwiegereltern in Zwittau. [...] Dem Haus gegenüber liegt ein Park, in dem heute ein Denkmal von Oscar steht.

Schon bald nach unserer Heirat erkannte ich, wie unterschiedliche Lebensauffassungen Oscar und ich hatten. Mein Vater hatte ihm meine Mitgift übergeben, mit hunderttausend tschechischen Kronen eine nicht unbeträchtliche Summe für die damalige Zeit. Oscar kaufte sich davon einen Luxuswagen und brachte den restlichen Betrag durch, indem er ausging und alles zum Fenster hinauswarf. Ich war enttäuscht, dass ich nicht nur bittere Tränen vergoss, sondern ihm auch heftige Vorwürfe machte. Oscar blieb gelassen und antwortete mir, dass ich eben ein enthaltsamer, asketischer Charakter sei, während er schon als Epikureer auf die Welt gekommen sei und es einfach in seiner Natur läge, das Leben zu genießen. Sein Lebensmotto sei eben Carpe diem. Lange versuchte ich zu verstehen, warum er so war, und kam endlich zu dem Schluss, dass sine Mutter ihn zu sehr verwöhnt hatte. Er war immer ihr Stolz und Liebling gewesen, dem sie alles durchgehen ließ. Kein Wunder, dass er als Erwachsener so unreif war, es waren ihm nie Grenzen gesetzt worden. Ständig belog und betrog er mich nach Strich und Faden, dann kam er wie ein schuldbewusster kleiner Junge, um sich zu entschuldigen und um Verzeihung zu bitte. Danach ging alles wieder von vorne los. Doch Oscar hatte auch gute Eigenschaften: Er war gutmütig, immer freundlich, großzügig und hilfsbereit. So wurde meine Ehe schon bald zu einem Wechselbad aus Freud und Leid.

Quelle:
"Ich, Emilie Schindler" - Erinnerungen einer Unbeugsamen, von Erika Rosenberg,(Hrsg.), 2006, Herbig Verlag München
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