Emilie und Oskar (3 *) -

Emilie Schindler, 1944 in Brünnlitz
Die Juden aus Goleschau

In einer sehr stürmischen Nacht bei mehr als 30 Grad unter Null, in der die Blitze unser Zimmer hellerleuchteten und der orkanartige Wind durch die Gegend peitschte, hörte ich kräftige, laute Schläge an der Tür. Oskar hatte wieder einmal nach Krakau reisen müssen und war noch nicht zurück. Ich war ganz allein im Haus. Schlaftrunken zog ich mir etwas über und lief die Treppe herunter.
Als ich fragte, wer da sei, antwortete mir die Stimme eines Mannes: "Frau Schindler, bitte öffnen sie, ich muss unbedingt mit Ihnen reden."
Ich ließ ihn herein und es stellte sich heraus, dass er beauftragt war, jüdische Arbeiter aus dem polnischen Goleschau, einem Steinbruch, wo unter unmenschlichen Bedingungen gearbeitet wurde, abzutransportieren. Sie waren von einer Firma angefordert worden, die sie aber angesichts der Gerüchte vom unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der Russen zurückgewiesen hatte. Jetzt standen die hundert Juden, in vier Waggons zusammengepfercht, draußen in der eisigen Kälte. Der Mann bat mich inständig, sie zu übernehmen. Wenn ich sie ebenfalls zurückwiese, würden sie erschossen.
Ich musste rasch handeln, wenn ich ihnen helfen wollte.
Ich rannte ans Telefon, rief Oskar an und erklärte ihm die Lage. Schließlich bat ich ihn, die Juden in unsere Fabrik aufnehmen zu dürfen. Er war einverstanden. Nachdem ich aufgelegt hatte, zog ich mich an und ging hinüber zu Ingenieur Schöneborn.
Ich weckte ihn und bat ihn, mich an die riesige Plattform zu begleiten, die als Bahnhof fungierte.
Draußen herrschte dichtes Schneetreiben und der Morgen begann bereits zu dämmern. Die Riegel an den Waggons waren völlig vereist, so dass es uns zunächst nicht gelang, die Waggons zu öffnen. Als wir auch mit Hilfe langer schwerer Eisenstangen nichts ausrichten konnten, holte Ingenieur Schöneborn ein Schweißgerät. Mit viel Geduld und Mühe gelang es nun endlich, die Wagen zu öffnen.
Der deutsche Lagerkommandant hatte jede unserer Bewegungen verfolgt, flankiert von seinen beiden Schäferhunden. Er wollte gleich die noch Lebendigen, auch wenn es im Grunde lebende Tote waren, auf der Stelle hinrichten.
Nur meinem entschlossenen Widerstand ist es zu verdanken, dass ich sie, gegen seinen Willen, retten konnte.
Als auch der letzte Waggon geöffnet worden war, enthüllte sich vor unseren Augen ein Bild wie aus dem schlimmsten aller Alpträume. Siebzehn der Juden waren tot (erfroren). So wie sie dalagen, schienen sie bis zum letzten Moment ihres Lebens nach einer Antwort gesucht zu haben: Ihre Hände waren gefaltet und die Augen weit aufgerissen, als schickten sie ein Gebet zum Himmel.
Männer und Frauen waren kaum voneinander zu unterscheiden, so abgemagert waren sie. Die reinsten Skelette, die meisten keine 30 Kilo schwer. Ihre Augen leuchteten wie glühende Kohlen in der Dunkelheit.
Bis auf den heutigen Tag erscheint dieses Bild grauenhaften Elends zuweilen vor meinen Augen und ich spüre jedes Mal aufs Neue das gleiche Gefühl völliger Ohnmacht, das mich in jener Nacht auf dem Fabrikgelände in Brünnlitz ** befiel.
Ich sorgte dafür, dass die Toten auf dem kleinen Judenfriedhof in Deutsch-Bielau bei Brünnlitz bestattet wurden.
Der Lagerkommandant hatte die Leichen im Kesselhaus der Fabrik verbrennen wollen.
Die Überlebenden dieses Transports kamen aus Frankreich, Holland, Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen. Sie brauchten intensive Pflege. Wir brachten sie in einem rasch eingerichteten Notlazarett unter, wo sie über zwei Monate lang blieben.
Sie mussten besonders umsorgt und anfangs häppchenweise gefüttert werden, damit sie sich nicht verschluckten und erstickten, denn sie wussten seit langem nicht mehr, was essen hieß.
Diejenigen, die einigermaßen wieder hergestellt waren, fügten sich in den Betrieb ein, wo sie in Sicherheit waren und mit Nahrung versorgt wurden, die aus Frau von Daubecks Mühle und unseren Schwarzmarktgeschäften stammte.
Inzwischen warteten sie wie alle anderen vergeblich darauf, dass mit der Produktion begonnen wurde. Wie gesagt, es wurde nicht ein einziges Stück Munition ausgeliefert. Die Fabrik war vielmehr ein Zufluchtsort für diejenigen, denen es gelungen war, dem Grauen der Konzentrationslager und dem sicheren Tod in den Gaskammern zu entkommen.
Das Ende des Krieges war bereits in Sicht. Die Russen waren nicht mehr weit und die Gerüchte über ihren baldigen Einmarsch in Polen verdichteten sich. Die Befreiung oder den Tod vor Augen, vertrieben die Männer sich die Zeit, indem sie die riesigen Hallen der Fabrik durchstreiften und überall die Schrauben nachzogen. Die Frauen strickten warme Sachen aus der Wolle, die noch von der Textilfabrik übrig geblieben war. Die Atmosphäre veränderte sich freitagabends, wenn der Sabbat begann. In die verängstigten Gebete mischte sich nun die Hoffnung der Gesänge.
Eines Tages kam der Lagerkommandant auf die schreckliche Idee, eine große Anzahl älterer, kranker oder arbeitsunfähiger Juden unserer Fabrik gegen jüngere Häftlinge aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen auszutauschen, also von ihren bei uns im Lager befindlichen Familien zu trennen. Nur Oskars energischer Gegenwehr ist es zu verdanken, dass diese Vorhaben nicht ausgeführt wurde.

Während die Juden zu einer wenn auch nicht allzu normalen, so doch weniger bedrohten Lebensweise zurückkehrten, versuchte ich weiterhin, in Mährisch-Ostrau Lebensmittel und Medikamente zu bekommen. Inzwischen war der Zug regelmäßig voller Tschechen, Polen und sogar Deutschen, die Hals über Kopf vor den Russen flüchteten.
Oskar war weiterhin häufig in Krakau, als könne er sich von der alten Emailfabrik nicht losreißen.





* Teil 2:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/ku...

** wo die Schindlers inzwischen mit den 1100 Juden lebten, die auf der berühmten Liste standen


Quelle: wie für Teil 1 und 2
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