Stolp (Pommern) vor 70 Jahren (9. - 31.7.45 )

Stolp (Slupsk) 05.2015, Apotheke am Markt - ganz oben das "Mondfenster"
 
Foto E. Grolls 1945, Sparkasse nach den Bränden, im Vordergrund rechts Reste des Blücher-Denkmals
(Fortsetzung! *)

9.7.45
Einen verrückten Automechaniker kennen gelernt, der hat doch wahrhaftig einen "Großen Mercedes" in einer Garage (gehörte einem General, einem deutschen). Den will er umlackieren, ausrüsten und in russischer Uniform über Stettin heraus. Er kann Russisch, aber alles andere ist purer Wahnsinn. Wenn sie ihn in russischer Uniform erwischen, stellen sie ihn kurzerhand an die Wand.
Über Stettin (Scheune heißt das Grenzdorf) kann man auch legal heraus aus Pommern, aber es kostet einiges an Geld und Wertsachen. Und doch überlegen sich viele Leute, ob man noch lange wird bleiben können. Stolper gehen weniger, aber die Flüchtlinge, die hier hängen blieben, die hält ja nichts. Gestern in der Ostsee gebadet! Ein Theaterauto fuhr nach Stolpmünde (Gastspiel), ich mit. "Ustka" ist nicht viel zerstört, und der herrliche Strand und das Meer lagen wie immer vor einem, als man von der Mole nach Osten blickte.

10.7.45
Auch in der Stolpe kann man wieder baden. Do und auch Liesel gingen mit mir an die Eisenbahnbrücke an der Klärstation. Wir haben zwei Stunden im lauwarmen Wasser geplanscht und hörten erst auf, als eine Pferdeleiche den Fluss herabtrieb. Feldblumensträuße gepflückt, die Mädchen banden sich auch einen. Ursula K. hat eine Freundin, die wiederum einen Polen kennt. Und der hat einen Fotoapparat. Ich würde ja zu gern von der Apotheke aus den Marktplatz fotografieren! Ein Film muss her, was sicher nicht einfach ist.

12.7.45
Zu Liesls Geburtstag habe ich ihr einen Badeanzug (gefunden in einem Haus) geschenkt, fast neu und ganz schick. Denn bei unserem Bad in der Stolpe mussten wir auf Badeanzüge und Hosen verzichten, wir haben keine. Was mir weniger schwer fiel, als den Mädchen. - Ein Film kann eventuell aufgetrieben werden!

13.7.45
Heute eine traurige Nachricht: Wittold Th. sagte mir, dass Elisabeth J. am 23.2.45 in Nordhausen gestorben ist. Sie lag wegen ihrer Tbc im Krankenhaus mit Fieber und schwerem Husten, als ein Luftangriff auf N. erfolgte. Alle Patienten wurden auf die Straße getragen, weil das Krankenhaus in Brand geriet. Sie stand dort mehrere Stunden in der Kälte, und das war wohl zu viel für sie. Mag sein, dass ich sie manchmal in all den Umständen dieser Monate vergessen hatte. Und nun ist sie Tot und schon lange. Ihr Zimmer mit den weißen Gardinen existiert nicht mehr und sie auch nicht - es ist alles anders geworden. Am selben Abend den Film bekommen und erst Kullerchen im Hof und dann vom "Mondfenster" der Apotheke ganz oben den Marktplatz fotografiert. Licht war schlecht, wird morgen wiederholt (Anm.: Die Fotos vom Markt sind die einzigen aus jenen Tagen; sie finden sich auch in Pagels Buch "Stolp" wieder.)

15.7.45
Film wird von einem zuverlässigen Polen, Kullerchens neuem Freund, entwickelt werden. Vier Aufnahmen vom Markt sind darauf. Bei Th.s gewesen, die im Schloss wohnen und es sehr schön haben. Frau Th. spricht gebrochen deutsch, ist Polin, aber wer wusste das früher? Dadurch haben es Th,s nicht schlecht. Wittold hat eine Freundin in Deutschland, Gabi St., die er in Schlesien kennen gelernt hat; er macht sich Sorgen, wo sie wohl ist und glaubt felsenfest, dass sie ihn sucht. Aber es gibt ja schon Post (für Polen), über diese Verbindung hat Wittold ja auch von J. aus Nordhausen gehört. (Anm.: Ich habe Anfang 45 das Mädchen im Bayrischen Wald aufgetrieben und ihr einen mitgenommenen Brief von W. Th. geschickt. So erfuhr sie überhaupt etwas von ihm. Sie zog dann nach Heidelberg - nach kurzer Zeit erfuhr sie, dass Wittold Th. in Stolp gestorben war).

19.7.45
Große Aufregung in der Apotheke. Sie soll verstaatlicht werden (polonisiert). Aber das ist sie ja schon! Denn der Magister wirkt und waltet nach seinem polnischen Arzneikodex und schreibt uns praktisch alles vor. Katharina G. rannte zu Major Bogdanow um sich näher zu informieren. B., dem alle Institutionen des Roten Kreuzes unterstehen, weiß von nichts, sagt er.
Mit Urstla K. Tennis spielen gegangen, St., H., F. Br. und eine Polin spielten auch. Hinterher mit U. K. in den Waldkater gegangen, die alten Wege, die ich als Pimpf abgelatscht bin, höchst lustlos. Die Rodelbahn kam uns mehrmals in die Quere, als wir bergab liefen, Beeren sammelten. Das Waldkatercafé ist halb demoliert, kein Mensch wohnt mehr dort, überhaupt ist diese Gegend total entvölkert.

20.7.45
12 Pfund Flussfisch von einem Polen eingehandelt. Dann auch die ersten Zlotyscheine, 20 Zl. Das wird unser neues Geld. Viel wert ist es anscheinend nicht, denn die Polen haben massenhaft davon.
Erneut eine Registrierung am Bismarckplatz, diese Mal unter polnischer Regie. Sie wollten mir erst keinen Ausweis geben, aber dann bekam ich doch einen. Mit einem sehr gebildeten Polen, der mit deutschen und englischen Zitaten um sich warf, zum Teil in Englisch diskutiert (Was wollen Sie? Studieren? erst mal studieren eine Million Polen, die 6 Jahre nicht studieren konnten! Gehen Sie doch nach Deutschland, da können Sie studieren"). Es gibt also noch ein "Deutschland". Das ist von den Alliierten in vier Zonen geteilt. Zum Schluss sagte der Pole, der nachher ganz zugänglich war: "Wir haben ja nichts gegen Sie, aber Sie haben deutsche Feinde hier!" Wer wohl? wer kann das sein? Ursula K. sagte: "Cherchez la femme!" Sie kann wohl recht haben.

22.7.45
Heute Abend war wieder die Premiere im Theater. Ich schickte aus Jux den Geschwistern A. Blumen auf die Bühne, die 12 Zloty gekostet hatten. Die Aufführung war bedeutend besser als die vorigen, gekonnter, auch war die Instrumentierung besser geworden, weil man trompeten und ein besseres Schlagzeug aufgetrieben hatte. Und Leute, die darauf spielen konnten. Ursula K. sagte, es sei gut möglich, dass eben jene, die dort oben tanzten, die A.s, mir einen denunziatorischen Streich gespielt hätten. Horst St. hatte so etwas verlauten lassen. Gerade die? Ich habe weder der einen noch der anderen je etwas getan. - Sie fühlte sich ausgesprochen müde und krank, als wir in die Küsterstraße zu ihr nach Hause gingen, wo ihre Mutter noch einen Tee braute. Sie wohnt Nr. 19, ist nicht ausgewiesen worden. Aber wie lange noch?

23.7.45
Typhus überall. Wer von einem fieberhaft Erkrankten weiß, muss ihn melden. Er wird abgeholt, wie die Pestverdächtigen im Mittelalter. Im Landhaus bekommt er dann bestimmt Typhus ...Es sollen schon einige hundert Menschen daran gestorben sein. M. setzt sich enorm für die Typhuskranken ein, filzt unsere Bestände an Medikamenten, sucht sich Brauchbares. Aber viel ist nicht mehr da.
An Montagen ist es hier besonders voll. In zunehmendem Maße muss da alles hergestellt, d.h. aus den Ingredienzien gemischt und dann fachgerecht verpackt werden, als Pulver, Zäpfchen, Sirup, Tropfen. Flaschen werden knapp! Neue Hustensäfte nur noch gegen alte Flaschen. Noch sind enorme Korkenvorräte da, sogar Natur - keine Presskorken. So viel, wie wir hier in der Hof-oder "Stadtapotheke", wie sie offiziell heißt, auch feiern, gearbeitet wird. Wovon man sich ein Bild machen kann, wenn man die Mengen an Medikamenten sieht, die tagtäglich über den Tisch gehen. Rekord ist um die 400 Rp.s, wovon 350 handgearbeitet sind, der Rest Handverkauf. In der Stadt läuft eine Impfaktion gegen Typhusdominalis. Für Dr. Br. und viele andere - zu spät. Ursula K. war heute nicht zum Essen. Heute nahm ich auch 900 (in Worten neunhundert) Zloty ein für Eubasintabletten. Herrlich, was man dafür alles kaufen kann! Abends fasste ich mir ein Herz, kaufte im polnischen Laden in der Bahnhofstraße Weißbrot, Butter, Wurst und Bonbons und ging zu U K. Sie lag mit einer grippeähnlichen Sache im Bett. Stark, der am Vormittag in die Apotheke kam, sagte es mir schon. Appetit hatte sie aber - kein Wunder bei Dingen, die wir monatelang nicht kaufen konnten.

24.7.45
Do hat Choleval (Anm.: Gallenmittel) für Choleflavin (Halstabletten) abgegeben. Gr. merkte es und bestellte mich als ihren speziellen Aufpasser. So geht es auch nicht - sie nuss jetzt alles vorzeigen, was sie abgibt.
In der Offizin eine unheimliche Hitze. Wir versuchten, ihrer mit Hilfe von Ventilatoren Herr zu werden, die wir in Kopfhöhe aufstellten. Katharina G. wurde ohnmächtig, Ilse H. ebenfalls. Wir maßen 28 Grad. Sporadisch versammelten sich immer welche im Keller und tranken Tee mit Ascorbinsäure als durstlöschendes und belebendes Getränk. Alle zehn Minuten ließ ich mir Wasser über die Handgelenke laufen. Gr. ist in Stolpmünde - hinten um Clubzimmer saßen zwei Russen, die Schnaps und Wurst mitgebracht hatten. Trotz Enthaltsamkeit (wird von Russen oft als Unhöflichkeit angesehen und reizt sie!) war ich schon recht angeheitert, denn vier Wodka mussten wir trinken. Brigitte, Ilse und Ellinor ("Eo") gingen hinterher zum Landhaus und liefen dort M. in die Arme. Der meinte sie seien so früh am Tage aber schon in Schwung. Mich hat er neulich im Theater vermutet, bis er seinen Irrtum einsah, Theater schon, oh ja, und was für eins.
Mit der Straßenbahn gefahren, die wieder verkehrt. Es kostet nichts. Die Schaffner waren Deutsche. Sie fährt Bisnarckplatz - Bahnhof und zurück., mehr aus Jux mitgefahren, aber es ist ein Stück von früher.

26.7.45
Die Polen mögen nicht besonders reinlich sein (im Gegensatz zur peinlich genauen Straßenhygiene der Russen), aber kochen können sie und backen auch. Da es immer mehr zu kaufen gibt, machen auch Restaurants auf und Cafes. So auch in der früheren Konditorei Brückner in der Bahnhofstraße, wo es Berliner Pfannkuchen mit Marmeladenfüllung gibt! Wundervoll!

28.7.45
Bei Gerda Ph. eingeladen. Dort saßen zwei polnische Pärchen, und sie hat auch einen polnischen Freund. Es war schon spät, warm war es auch, die Fenster standen offen und die Lampe brannte. Plötzlich ein Knall, ein Schuss! Wir warfen uns auf den Boden - Irgendwer hatte geschossen, weil ihn das Licht dazu anregte. Wir kamen langsam wieder hoch, das Licht war schon längst aus, schlossen die Fenster, saßen von da ab im Dunkeln. Mit den Polen viel diskutiert. Sie glauben selbst nicht so recht daran, dass sie herkamen, um zu bleiben. Sie gingen lieber wieder nach Lemberg zurück, aber das können sie nicht.
Es gibt überall Entwurzelte. Vom Krieg und seinen schrecklichen Folgen eigentlich nur am Rande gesprochen, ob aus Höflichkeit oder anderen Gründen. Gegen mich als Deutschen höre ich keinen Vorwurf. Wohl aber gegen die Russen, als Staat und als Volk. Da steckt ein abgrundtiefer Hass, der unter vier Augen zu Tage tritt, offiziell wird natürlich der "Befreier" gefeiert.

31.7.45
Es gibt Leute, die holen ihre polnischen Großmütter hervor und reden schon für die polnische Option, sowie 1920 in Oberschlesien. Bei Th. war das was anderes, er hatte einmal eine polnische Mutter, die es schwer hatte unter den Deutschen - obwohl deutsche Staatsbürgerin - und zweitens kann er als Künstler überall leben; er spricht auch ausgezeichnet polnisch. Kinder nehmen anscheinend eher die (Fremd-) Sprache der Mutter an als die des Vaters. Eine Menge chirurgischer Instrumente an einen Warschauer Arzt verkauft, stammen aus einem Stolpmünder Wehrmachtslager - 3000 Zloty dafür bekommen!

(Mit dieser Eintragung endet das Tagebuch.)

Erhard Groll, Stolper Tagebuch

(Es folgen noch Anmerkungen seines Verfassers!)



* Siehe auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/ku...
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