Stolp (Pommern) vor 70 Jahren (Fortsetzung *)

Die Apotheke heute, 1.6.2015
18.6. - 3.7.1945

18.6.45
Dr. Br., Leiter der Typhusstation, hat sich infiziert und ist an eben dieser Krankheit gestorben. Er hat sich niemals geschont, nie Angst vor der Ansteckung gehabt.
Dorothea F. macht manchmal haarsträubende Fehler, die ich so leise bereinige, wie es geht. Was mir ihren Dank einträgt (im Keller oder sonstwo im Hause.)Manchmal muss ich laut vor mich hinsagen, was ich hier eigentlich darstelle. Eine Autorität mit achtzehn Jahren ...
L. war heute in der Apotheke! Erich L., wie er leibte und lebte, war er es eigentlich nicht, sehr dünn und abgehärmt war er, hatte eine zerschlissene Jacke an, zitterte mit der Stimme, er tat mir so leid! Ich habe seien Rezeptwunsch so schnell und so gut wie möglich erfüllt. Sein Bruder, der Lange, dem F. immer übel mitgespielt hatte (Wollen Sie nicht aus der Dachrinne saufen?) ist tot.

21.6.45
Vor einem Jahr auch Sommeranfang. Da wurde man von Unteroffizieren in Rawitsch über die Felder gejagt, heute ist man frei. Und trotz aller Widrigkeiten ist dieses Leben doch ein Leben! Der Kommis konnte mir schon damals gestohlen werden und aus der Erinnerung erst recht ...! Ich werde nie wieder Soldat! Heute Abend ist bei uns in der Hofapotheke Sommerfest.

22.6.45
Eine improvisierte Party, wie man jetzt sagt. Dabei gelang es Dorothea F., das Waschbecken in der Offizin zu zertrümmern! Sie war richtig blau und augenscheinlich nicht ganz bei Sinnen. Sie stieg auf den Schreibtisch und sprang auf den Rand des Waschbeckens, heller Wahnsinn! R. lag schon um acht in der Ecke und schnarchte. Als er um ein Uhr nachts endlich erwachte, war seine goldene Uhr weg. Wahrscheinlich hat Kasimir, ein russischer Freund des Hauses (und des Wodkas), der ab und zu aus Schmolsin kommt, sie mitgenommen. Der Einfachheit schlief ich gleich in der Apotheke. In Gr. ´s Lehnsessel, vor mir, mit dem Kopf im Schoß, Dorothea F. Gr. selbst ging nach Hause, er wird wohl "vor Mittag nicht wiederkommen", sagte er. Er kam aber wieder, was auch gut war, denn eine russische Kommission war da und inspizierte. Die Wodkavorräte waren ihr Augapfel, den ganzen Nachmittag probierten sie davon. Im Zustand des leichten Benebelt-seins gelang mir auch eine Aufgabe, die Gr. mir gestellt hatte: "Asa foetida Pillen" zu machen, was enorm schwierig ist. Der Typhus nimmt zu, sagen die Russen, sie fürchten Übergreifen auf die Armee, darum sollen wir zusätzlich alle Wehrmachtsbestände an Tabletten bekommen, Kohle und Desinfektionsmittel vor allem.

26.6.45
Es kommen immer mehr Polen in die Stadt, eigentlich Flüchtlinge wie wir, denn sie stammen aus Gebieten, welche die Polen an die Russen hatten abtreten müssen. Sie kommen mit praktisch nichts hier an.
Heute haben einige das Haus Weidenstraße 4 besichtigt. Mit Dorothea war ich in ihrem Garten, den sie mit ihrer Mutter bewirtschaftet: es ist Müllers Garten neben unserem! Was ich gar nicht wusste. Habe geholfen, die Beete zu bewässern, direkt gern habe ich es getan. Unter den Beeten: drei Leichen!

26.6.45
Am 1.7. hat Do Geburtstag, den wir bei uns feiern wollen. Platten und Koffergrammophon haben wir, für Schnaps sorge ich, für Kuchen die Mädchen, Do, Liesel und Gisela, eine Bibliothekarin. Dazu kommen noch zwei Jünglinge, die Do kennt.

30.6.45
Mit Ulrich N. (genannt "Ulrich, der Heizbare) bin ich jetzt in näherer Verbindung. Er ist bei der deutschen Verwaltung (jetzt unter dem Wall) tätig, etwas undurchsichtig und ein großer Schürzenjäger. Ursula K. sagte, er hätte sie mehrmals in seine Wohnung eingeladen, sie wäre aber nicht gegangen. Er ist aber ein großartiger Organisator, das muss man ihm lassen, bringt die unmöglichsten Sachen zuwege.

1.7.45
Polnischer Leiter der Apotheke! Er heiß Kasimirowicz, saß drei Jahr im KZ und sieht aus wie Ferdinand M. Er ist von außerordentlicher Höflichkeit. Aber - das ist das erste Zeichen dafür, dass sich die Polen allmählich der Verwaltung bemächtigen werden. Formal haben sie von den Alliierten das Recht dazu bekommen. Ganz Pommern bis zur Oder soll unter ihre Verwaltung kommen. Stolp wird (wider, sagen die Polen) "Slupsk" heißen, Stolpmünde "Ustka". Und polnisches Geld wird es auch geben. Ich habe schon welches in den Händen gehabt, "Zloty". Bislang habe ich fleißig Reichsmark gehamstert, die keiner mehr haben will. Aber ich habe von einem Russen aus Berlin gehört, dass das alte deutsche Geld nach wie vor gilt!

3.7.45
Einem durchreisenden Russen, einer Seele von Mensch, jedenfalls nach einigen Wodkas, einen Brief an die Tante in Berlin mitgegeben mit Nachrichten von uns und an den Vater, der zuletzt an der Oder stand. Denn dort würde er sich melden. (Anm.: Der Brief kam tatsächlich bei der Tante an, mit der ersten Post in Berlin gelaufen! So wusste der Vater, wo wir waren.)
Eine Menge Ereignisse Anfang Juli. Das Fest bei mir war richtig schön. Do (die Jungen, die sie mitbrachte, nennen sie "Kullerchen") tanzte einen Wiener Walzer in einem weißen Kleid bei rotem Licht (rotes Paoier über der Lampe). Während dessen freundete die Bibliothekarin etwas mit mir an, was ich nicht sonderlich gut fand, denn schließlich ist sie Kullerchens Freundin. Liesel über Umwege bis nach Hause gebracht und geeinigt, dass nichts weiter sein wird zwischen uns als nur Freundschaft. Sie hat sich sehr geärgert über Dos "roten Tanz", er war ihr zu gefühlsbetont und "sehr nach Salom".
Am Morgen kam dann der Schlag. Wir erhielten eine Frist, bis 18 Uhr die Wohnung zu räumen, widrigenfalls ... in Polnisch und Deutsch. Ich ging zu U., zum Magister, alles vergebens. Wir mussten raus. Seit acht Uhr früh saßen wir auf dem Hof vor Flieger (nebenan, damit sie uns nicht das Eigentum auch noch beschlagnahmen), keine Wohnung! Am Abend endlich: eine Wohnung in der Kublitzer Chaussee 4.Auch hier gibt es wieder Strom, nicht alle Stadtteile hatten welchen. Diese Wohnung ist nicht klein, aber sie ist nicht so verlockend für Deutsche gewesen und war darum leer, und Polen hat sie überhaupt nicht angelockt. Vielleicht besser so, sich vor der Stadt zu verstecken. Nebenan wohnt Brigitte N. mit ihrer Mutter. Sie redet davon, bald Stlop zu verlassen.
Ob uns das auch blüht? Im Theater spielt Horst S. eine große Rolle. Erspielt nicht wirklich, aber zieht Fäden hinter den Kulissen. Weshalb der wohl der Gefangenschaft entkommen ist? Mit Ursel K. in seiner Wohnung gewesen. Kunst sammelt er, versteht auch was davon. Kunst sammelt sonst kein Mensch, Brot ist wichtiger.
Mit Kullerchen in das Theatermagazin gegangen. Tipp von Th. Es ist im Zeughaus untergebracht, ganz oben unter dem Dach. Wir suchten nach noch brauchbaren Kleidern. Sie fand ein zum Umändern geeignetes Kleid und einen enormen Rock aus Bordürenstoff, enorm groß, sie muss zwei daraus machen! Ich fand nichts anderes als einen Cowboyhut, wie ein Wagenrad so groß. Es war so still dort oben, durch die niedrigen Fenster sah man die Lachsschleuse liegen, die Weiden an der Stolpe, als wenn nie etwas gewesen wäre, kein Krieg, keine Verwüstung. Wir saßen auf allen zerschlissenen Kulissenteilen und sagten lange Zeit nichts und schauten nur hinaus.

Erhard Groll, Stolper Tagebuch

* Siehe auch:
http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/lo...
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1 Kommentar
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Peter Pannicke aus Wittenberg | 01.08.2015 | 04:14   Melden
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