Totensonntag 2014 und meine Cousine I. B.

 
I. Burde und ihre Kinder
Seit langem weiß ich von meiner Cousine Irene Burde, dass Heringsdorf (auf Usedom) in ihrem Leben eine besondere Rolle gespielt hat, wo ihre etwa fünfjährige Tätigkeit als Kinderpflegerin 1944 begann. Einzelheiten habe ich aber erst nach ihrem Tod Ende 2010 in einem Bericht über diese Zeit lesen können, der mit "Flucht!" überschrieben ist und den ich auszugsweise jetzt * veröffentlichen möchte.

Nach bestandenem Kinderpflegerinnen-Examen schickte man mich nach Heringsdorf ins "Haus Jugendland" zwecks Erlangung der staatlichen Anerkennung. So erlebte ich denn das letzte Kriegsjahr mit all seinen Schrecken in Heringsdorf. Haus Jugendland war ein ideales Kinderheim. (Es soll das beste im Land gewesen sein.) Wir hatten etwa 80 Kinder - Jungen und Mädchen dort, die zum größten Teil aus Stettin evakuiert waren. Es war eine wunderschöne Zeit in Heringsdorf, und dankbar denke ich daran zurück.

Mit dem Beginn des Jahres 1945 rückten dann die Schrecken des Krieges näher, und es war nicht immer leicht, mit den Kindern fröhlich zu sein, wo man das Unheil kommen sah.

Am 7. März begann für mich persönlich das Unheil, denn Stolp, meine geliebte Heimat, war in Feindeshand. Nun kam ja auch keine Nachricht mehr von zu Hause; eineinhalb Jahre nicht. Es war zum Verzweifeln, doch man durfte ja nicht, man war ja für die Kinder da.

Am 13.3. war dann der Großangriff auf Swinemünde. Immer mußten wir mit den Kindern im "Luftschutzkeller" sein, die Kinder ablenken durch Singen und Spielen, trotz Krachen und Klirren um und um.

Am 25.3. war es denn soweit, auch wir mußten Haus Jugendland, ja Heringsdorf verlassen. Es war so ein herrlicher Frühlingstag - alle Sträucher grünten schon und die Sonne schien so herrlich warm - man hätte meinen können, man trete eine Spazierfahrt an. Aber o weh, niemand ahnte wohl was kam!

Wir fuhren zunächst per Bus nach Greifswald und wurden dort in einer Schule einquartiert. Dort spürten wir zum 1. Mal etwas vom Flüchtlingsleben; es war schaurig. 2 Tage blieben wir dort und kamen dann nach Göhren auf Rügen.

In dem dortigen Kinderheim, das sehr schön und sehr groß war, kamen nun sämtliche Kinder aus sämtlichen Heimen Rügens usw. zusammen. (Als wir von dort flüchteten, waren es ca. 300 Kinder!)

Wir verlebten nun in Göhren noch sehr schöne Tage und Wochen - es war so ein herrliches Frühjahr. Wir entdeckten immer neue Schönheiten und pflückten die seltesten und herrlichsten Blumen. Wir feierten mit den Kindern große und kleine Feste und merkten doch, daß es dem Ende zuging. Täglich, beinahe stündlich kam die Front näher, bis wir dann schon den Feuerschein vom Festland, von Stralsund aus, sahen.

Täglich aber wurden nun auch Verhandlungen geführt über die Möglichkeiten, die 300 Kinder und etwa 60 Kindergärtnerinnen, -pflegerinnen und Schülerinnen in Sicherheit zu bringen, doch immer ohne Erfolg. Am 30.4. versuchten wir es nochmals und bekamen zur Antwort: "Rette sich wer kann", das blödeste Wort der damaligen Zeit!

Am Abend dieses Tages rief uns die Heimleiterin zusammen und erklärte uns unsere Lage und stellte uns frei, ob wir gehen oder bleiben wollten. - Es war eine bewegende Stunde, einige wurden wankelmütig, doch denen machten wir klar, daß wir ja nicht einfach gehen könnten, daß wir Verantwortung trügen für die Kinder. Wir konnten sie doch nicht alleine lassen, und es stand fest, wir bleiben bei ihnen.

So feierten wir noch mit den Kindern den 1. Mai und den Geburtstag von einem meiner Mädel.

Da, als wir zum Abendbrot gehen wollten, geschieht es: Frl. Butz unsere Heimleiterin verkündet mir, daß es am nächsten Morgen nach Saßnitz geht, dort stände ein Schiff für uns bereit. Kann sich jemand vorstellen, wie uns zu Mute war? Man wußte nicht. soll man sich freuen oder traurig sein - bedeutet es Rettung oder Untergang? Diese letzte Nacht in Göhren werde ich nie vergessen. Der Feuerschein von der Front her erhellte unser Zimmer und wir packten. Jeder durfte einen Rucksack haben, mehr nicht.

Das größte Unglück aber war, daß wir am Vortage 8 kleine Kinder von Bergen geholt hatten, die dort einfach sich selbst überlassen worden waren - die Schwester war auf und davon! Ob diese Schwester wohl je in ihrem Leben Ruhe findet? So hatten wir nun diese kleinen Würmchen da, total verdreckt und verschmutzt, hatten ihnen alles ausgezogen und sie in die Betten gesteckt, denn wir hatten für so kleine Kinder nichts anzuziehen. Nun kam die Botschaft "morgen früh geht es fort"! Da haben wir gesucht und gesucht und ihnen schier unmögliche Sachen anziehen müssen. Es war schrecklich. -

Schrecklich war auch der Morgen, der Beginn der Flucht. Bis Saßnitz wurden wir gefahren; es ging verhältnismäßig gut. Dann mußten wir bis zum Hafen laufen, und da ging es schon los! Einer verlor dies, der andere das, eine konnte nicht mehr, einem andern war der Rucksack und die Decke zu schwer. So "wanderte" da schon einiges ins Wasser, was nachher fehlte.

Immer aber war der traurigste Anblick die kleinste Schar. Sie waren alle 8 zusammengebunden und wurden von einer Kollegin geführt, die außer ihrem Rucksack einige Wolldecken schleppte und an der Seite baumelte ein Nachttöpfchen hin und her.

Da standen wir nun in Saßnitz vor dem Riesenschiff - wie mag wohl manches Kinderherz vor Angst gepocht haben. Wir wußten nur um unsere eigene Angst. Die Kinder wurden von den Soldaten, d. h. den Matrosen die "Schiffstreppe" hinaufgetragen, und wir gingen ihnen nach; es war ein fürchterlicher Moment. Wie mir zu Mute war, kann ich nicht schildern. Es war doch ein recht großes Schiff, ein Versorgungsschiff für U-Boote mit Namen "Kurland".

Gegen 10 Uhe wurden die Anker gelichtet und ab ging es. Wohin? Niemand wußte es. Ach, was für eine Fahrt! Die Kinder, kleine und große, hatten gleich zu Anfang vor Angst in die Hosen gemacht; dauernd war Fliegeralarm. Schaute man aus dem Bullauge raus, sah man nur Wasser und Wracks von untergegangenen Schiffen, es war ein schrecklicher Anblick.

Wir schliefen zum Teil auf dem nackten Fußboden, auf Tischen und Bänken und einige wenige in Betten oder Kojen, wie der Seemann es nennt. Meine Mädchen schliefen zu viert in einem Bett, ich auf dem Boden zwischen den Betten. Stand eine im Schlaf auf, trat sie auf mich, wurde einer schlecht, ich spürte es; es war entsetzlich. Kaum lagen wir, war wieder Alarm, und doch ahnte niemand, welchen Gefahren wir ausgesetzt waren. Unser Kapitän hat oft eigenen Kurs genommen, um Minenfeldern usw. zu entgehen. Immer wieder ging es vorbei an zum Teil gesunkenen Schiffen. Verpflegungsmäßig ging es uns sehr, sehr gut, denn alles war ja da. Die Kinder wurden direkt verwöhnt. Wir "Großen" aßen in der Offiziersmesse oft Erdbeeren mit Sahne und dgl. - Wie groß der Hunger auf anderen Schiffen war, erlebten wir in einer mir unvergeßlichen Nacht. Niemand durfte an Deck gehen, denn ein anderes Schiff wollte Verpflegung von uns übernehmen. Es war ein Flüchtlingsschiff, auf dem die Menschen, Tote und Lebende, dicht bei dicht standen und die nichts zu essen hatten. Nie wird man den furchtbaren Schrei "Hunger, Hunger" vergessen. Unsere Besatzung mußte ihre Waffen zeigen, um die Leute am Übersteigen und Springen zu uns zu hindern. Es ging hier ja darum, evtl. Krankheiten nicht zu übertragen. Das waren Nächte!

Am Tage lagen wir oder saßen mit den Kindern an Deck, sangen und spielten oder ließen uns von der Sonne bescheinen. Immer war man in Sorge um die Kinder; immer mußte man die Augen offen halten.

So lagen wir am 7. Mai im Kopenhagener Hafen, erlebten dort das Kriegsende und den Aufstand, hörten die Glocken den Frieden einläuten und waren zutiefst bewegt. Was würde nun werden, fragten wir uns. Niemand wollte uns haben; wer nahm schon 300 Kinder und 60 "Mann" Personal?

Das Kriegsende war da, und es begann auch auf dem Schiff eine neue Epoche. Das Schiff wurde am Abend und in der Nacht von Scheinwerfern angestrahlt. "Der" Engländer kam an Bord, untersuchte alles, zerschlug, was an die eben vergangene Zeit erinnerte, richtete auf die Kinder und uns seine Maschinengewehre, nahm die Besatzung gefangen usw. - In der Nacht zuvor hatte man die Munition, die an Bord war, ins Meer versenkt.

In einer stockdunklen Nacht wurden wir umgeladen auf das Fährschiff "Deutschland", das schon vollgepfropft war mit Flüchtlingen aller Art. Da ging nun das richtige Elend los! Kein Platz, nichts oder wenig zu essen; uns halfen nur die Lebensmittel wie Trockenbrot, die wir von der Kurland mitgenommen hatten. Das Schiff war verdreckt. Trinkwasser fehlte oft ganz. Kranke lagen da und bekamen kaum Hilfe. So viele Alte lagen im Zwischendeck und froren nachts entsetzlich, denn da war es noch recht kühl. Kurz gesagt: es war ein Jammer und Elend!

Eng aneinander gereiht lagen wir nachts auf dem Boden, jeder mit seiner Decke zugedeckt und froren oft sehr. Es war nur gut, daß es Mai war und deshalb am Tage oft wunderschön. Da lagen oder saßen wir dann in der Sonne und wärmten uns. Pfingsten erlebten wir auf dem Schiff und ich ebenso meinen 18. Geburtstag. Einen Fliederzweig bekam ich, den jemand vom Land mitgebracht hatte - das war eine Freude.

Nie werde ich vergessen, wie wir am Pfingstmorgen auf dem ganzen Schiff herumgingen und Frühlingslieder sangen; wir wollten damit Freude machen. Aber ach, die Not und das Herzeleid waren zu groß. Man nahm es uns fast übel und wunderte sich, daß wir singen konnten in dieser Zeit!

Alle, alle blickten voller Sehnsucht an Land, und als ich das 1. Mal mit dorthin durfte hätte ich mich lang auf die Erde und das Gras legen können, so schön war es, wieder festen Grund unter den Füßen zu haben.

Fast 6 Wochen lebten wir auf dem Schiff und gingen dann endlich am 16. Juni in Eckernförde an Land. Wer den Elendszug mit wirklich wachen Augen gesehen hat, könnte ihn meiner Meinung nach nicht wieder vergessen. Die Bevölkerung Eckernfördes säumte die Straßen, und manche haben sicher mitleidig auf uns geblickt, doch was half es uns?

Erst ging es zur Entlausung und dann in unser neues Quartier, eine Schule, in der schon andere Flüchtlinge "gelegen" hatten; und dort zogen wir ein. In den Klassenräumen rechts und links Stroh, sonst nichts. Nur die Wandtafeln erinnerten daran, daß dieses einst Klassenzimmer waren. Hier sollten wir wohnen und haben es denn auch bis Oktober....

(Irene Burde, Flucht!)

* 11.2..12
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3 Kommentare
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Hildegard Stelzig aus Sangerhausen | 21.11.2014 | 13:05   Melden
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Gisela Ewe aus Aschersleben | 21.11.2014 | 21:26   Melden
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Brunhild Schmalfuß aus Halle (Saale) | 23.11.2014 | 20:03   Melden
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