Drehorgel-Rolf und hoher Besuch in der Saalestadt

Die Jungs muß man von vorne sehen, bei Rolf reicht die Melone - Gorbatschow, Kissinger und Genscher, Halle 1992
 
besseres Bild, vom Bild, Präsentation Rolf Becker in Wolfen - http://www.mz-buergerreporter.de/dessau-rosslau/re...
In seiner Autobiographie widmet Hans-Dietrich Genscher seinem Hallenser Landsmann Rolf eine ganze Seite, nennt ihn seinen Freund und sitzt doch einem dicken Irrtum auf. Der EX-Außenminister erinnert sich an einen Besuch seines amerikanischen Amtskollegen James Baker kurz nach der Wende.

Als sich die Besucherkarawane noch im Stadthaus aufhält, fährt Rolf mt seinem Trabi auf den noch menschenleeren Marktplatz. Schaulustige, auf dem Weg zum Getümmel vor dem kommunalen Machtzentrum, haben für den einsamen Drehorgler nur spöttische Aufmunterungen parat wie "Na Rolf, wieder mal zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort?" Der so Angesprochene setzt aber auf das Kulturinteresse des Besuchers und seines Gastgebers. Letzterer wird es nämlich nicht versäumen, den Amerikaner ins Händel-Haus zu führen. Und wer dorthin will, der muß an Rolf vorbei.

So geschieht es auch. Weil er auf seine Melone Stars and Stripes als Winkelelement gepflanzt hat, zieht es den Politiker wie magisch zu diesem Typen. Als der deutsche Außenminister dann auch noch berichten kann, dieser Weltenbummler habe die USA mit einem Trabant durchquert, erntet Rolf das aufrichtige Interesse des Texaners. Einer der anwesenden Aktentaschenträger fühlt sich bemüßigt, das Englisch des Ostdeutschen für seinen Chef ins Amerikanische zu übersetzen und handelt sich für seine Eilfertigkeit einen Rüffel ein. Der Musikant sei doch "funny" zu verstehen.

Jetzt zückt Rolf einen seiner obligaten FDJ-Ausweise. Er verliest die eingetragenen Personalien: "Name: Baker; Vorname: James; Beruf: Kapitalist."

An dieser Stelle kann sich der Gast vor Lachen nicht mehr halten, ein Fotograf drückt auf den Auslöser und das Agenturbild geht durch die Weltpresse. Es soll das einzige sein, auf dem dieser Repräsentant des mächtigsten Staates der Welt jemals in fröhlicher Laune festgehalten wurde.

Fühlt sich der Besucher wohl, freut sich auch der Gastgeber. Das wird der Grund dafür sein, daß der Drehorgler in den Genscher-Erinnerungen auftaucht und seine Spontaneität ausgiebig gelobt wird. Anscheinend wurde dem Politiker nie bewußt, welch erstklassiges Büro ihm einstzugearbeitet hat. Aus diesem nämlich hatte der Straßenkünstler der Anruf ereilt, zum Baker-Besuch irgendein Spektakel zu veranstalten. Was das sei, bliebe ihm völlig überlassen.

Ein solches Telefonat findet auch statt, als Michael Gorbatschow von Genscher an die Saale geholt wird. Als sich der Troß verspätet, ist das natürlich Wasser auf die Spaßmühle von Rolf. Kann er doch so, zum Gaudi der Schaulustigen, den ehemaligen Generalsekretär und Präsidenten mit seiner eigenen Lebensweisheit begrüßen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Dann zieht er ein gekochtes Ei aus der Tasche und drückt es dem verdutzten Russen in die Hand. Sein Kommentar: "Gäste werden in unserer Stadt traditionell mit Eiern begrüßt. Guten Freunden drücken wir sie allerdings in die Hand."

Während sich die Umstehenden vor Vergnügen biegen, schweigt der Politiker grüblerisch. Beflissen erklären ihm seine Begleiter den Hintersinn des kessen Spruches. Entweder schenkt er deren Erzählungen keinen Glauben, oder es gefällt ihm nicht, wie sein Duzfreund Helmut in dieser Stadt behandelt worden ist. Jedenfalls wechselt das Hühnerprodukt, mit einem Autogramm versehen, als Souvenir ganz schnell wieder den Besitzer.

* Titel ursprünglich:
Rolf bringt den Repräsentanten der einen Weltmacht erstmals zum Lachen und den der anderen zum Grübeln

Quelle:
Rolf Becker, Nicht ohne meinen Trabi, Eulenspiegel-Verlag, 1999
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Manfred W. aus Nebra (Unstrut) | 27.01.2016 | 16:36   Melden
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